Österreich: News aus dem Hochglanz-Web

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Parallel zur Veröffentlichung der ersten österreichischen Zeitungsneugründung seit mehr als zehn Jahren ging die Website von "Österreich" online. Wie ihr Print-Pendant will OE24.at den Markt so richtig aufrollen - mit peppigen News für eine höchst Web-affine Zielgruppe. Ein gelungener Versuch?

"Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein" heißt es bei Matthäus 19, Vers 30. Nicht wenige missverstehen diesen Passus "Der Lohn der Nachfolge" willentlich als Gewinn versprechende Strategie: Manchmal, soll das dann heißen, ist es besser, spät tätig zu werden und die Fehler der anderen nicht zu wiederholen. Dann, so die Hoffnung, werde man die liebe Konkurrenz überflügeln.

Der österreichische Verleger Wolfgang Fellner ist so einer, der alle anderen überholen will. Sein großer Opponent heißt "Neue Kronen Zeitung", und die hat in Österreich mehr Gewicht als hierzulande die "Bild": Mehr als zehn Prozent der acht Millionen Österreicher halten das boulevardeske Blatt täglich in den Händen. Viel dichter als im deutschen Nachbarland ist der Zeitungsmarkt eh kaum irgendwo: Rund eineinhalb Dutzend Titel (inklusive Gratis-Medien) konkurrieren um Leser.

Fellner aber glaubt, den Markt "beleben", "wachküssen", ja "befruchten" zu können. Am Freitagmorgen lag "Österreich" erstmals am Kiosk, und wie es sich gehört, flankierte Fellner den Auftritt mit einer aufwendig produzierten Webseite. Die gehört zur Markenstrategie, denn hier im Web lässt sich die Zielgruppe schnell abholen: Kostenfrei für den Nutzer kann dieser in aller Ruhe abklopfen, ob "Österreich" wirklich alles so viel besser kann als die Konkurrenz. Stunden vor dem Blatt erlaubte "OE24.at" so schon einmal einen Blick in die Welt von "Österreich" und die Denkwelt von Fellner.

Und anders als bei allen anderen Tageszeitungen der Republik dürfte die Webseite vom ersten Tag an Chefsache sein. Fellner hofft, ausgerechnet die Leserschaft für sich gewinnen zu können, die die Zeitungskonkurrenz rund um den Globus in den letzten Jahren verlor: Die junge Zielgruppe Web-affiner Leser, für die "Zeitung" vor allem "gestern" und "alt" bedeutet.

Der Letzte: bald Erster?

Kurz nach Mitternacht befüllte sich OE24.at plötzlich mit Inhalten. Das bunte, bereits seit längerem im Web zu bestaunende Gerüst belebte sich: Schlagzeilen verwiesen auf Aktuelles, das kleine Wort "mehr" nach dem Anlauf darauf, dass es nun auch Inhalte unter der Oberfläche gäbe. Doch gehen wir der Reihe nach.

OE24 präsentiert sich als moderne, multimedial aufgebohrte Nachrichtenseite, die von zahlreichen Vorbildern gelernt hat. Die Grundnavigation ist im Seitenkopf horizontal untergebracht (das ist Trend), der Leseinhalt ist zwischen einer Servicespalte links und einer rechten Spalte mit zusätzlichen Features untergebracht (hier geht der Trend eher zu zweispaltigen Designs). Die einzelnen Ressorts sind mit einem Farbcode gekennzeichnet, der aber nicht ganz durchdacht wirkt: Grau ist nicht nur die Farbe der Eingangsseite, sondern auch der "Welt", des "Sport" und von "Digital" (in verschiedenen Farbtiefen). Die Politik kommt dagegen SPIEGEL-rot daher, die Wirtschaft blau, die Wissenschaft in kardinalem Lila.

Trotzdem wirkt die Seite aufgeräumt und hell, trotz großflächiger Bild- und Multimedia-Präsentationsflächen. Da hat sich Fellners Team so einiges einfallen lassen.

Das wohl auffälligste Feature der Seite ist ein (auch auf den meisten Unterseiten vorzufindendes) Flash-Fenster am linken Seitenkopf, das die jeweiligen Top-Themen grafisch peppig präsentiert. Die fünf Top-Themen kann man quasi als "Diashow" durchlaufen lassen und sich zu jedem Zeitpunkt per Klick für eines entscheiden. Das kann man so machen, es ist optisch opulent und attraktiv, ob es aber auch sinnvoll ist, wird auch die Konkurrenz interessiert beobachten: Es nimmt der Seite Tiefe, weil es die Aufmerksamkeit des Lesers doch sehr stark steuert.

Aber das ist ja auch Boulevard-Tradition - und OE24 ist Boulevard, wenn auch auf höherem Niveau als die "Krone" im Web. Der Themenmix balanciert zwischen ernsthaften Nachrichten und "human touch", was keine Schwäche ist: Gerade im Web erwarten das auch die Leser. Auch die Informationsstiefe ist typisch für viele Web-Angebote: Viel mehr als Nachrichten-Häppchen mit vier, fünf Absätzen bei Aufmachern mutet OE24 seinen Lesern nicht zu. Das verschenkt natürlich das Potenzial zur Vertiefung, das gerade das Web vor allen anderen Medien bietet, bedient aber die Bedürfnisse TV-sozialisierter "mal eben schauen, was es Neues gibt"-Leser. Warum nicht?

Apropos TV

Auch eigene Nachrichtensendungen gehören zum täglichen Programm. Der spektakuläre Newsroom wird zum Bildhintergrund, präsentiert werden die News, als sei man bei CNN oder Bloomberg. Am ersten Tag macht die News-Show gleich ganz exklusiv auf - mit der Hauptnachricht, dass nun "Österreich" und OE24 am Markt sind, alles ganz toll ist und sich auch auf der Eröffnungsparty mächtig viele Menschen tummelten. Marketing in eigener Sache statt Nachrichten? Schwamm drüber, die Leuts haben schließlich eineinhalb Jahre Nullnummern unter Ausschluss der Öffentlichkeit produzieren müssen: Da darf man sich mal feiern, auch wenn das ein wenig muffig wirkt. Warten wir ab, wie es sich weiter entwickelt.

Die Technik jedenfalls steht und funktioniert, auch wenn am Freitagmorgen die Server mächtig ächzten. Auch das dürfte sich in den nächsten Tagen geben.

OE24 bietet über Schrift und Video hinaus seinen Lesern eine ungewöhnliche Fülle zusätzlicher Features, die das Informationsgefühl vertiefen und den Informationshunger stillen sollen: Es gibt da eine Menge zu klicken. Das reicht von den "Lexika" in allen Ressorts, über die Grundbegriffe sehr knapp und konzise, wenn auch nicht immer präzise oder verlässlich erklärt werden, bis hin zu den zahlreichen Punkten, an denen sich der liebe Leser einbringen darf - Web 2.0 lässt grüßen.

Mitmachen für alle

Das fängt bei den Kommentarfunktionen in jedem Artikel an ("Meinung posten") und geht hin bis zu den "Leser-Reportern", die ihr eigenes Ressort bekommen haben. Fotos, Videos, Audios und Artikel darf man da veröffentlichen, und was sich OE24 wünscht, macht schon die erste Seite klar: Wahrhaft exklusive Dinge, die sonst keiner hat. UFO-Landungen zum Beispiel?

Das bringt den Ersteindruck auf den Punkt: OE24 balanciert chic, aber manchmal ein wenig bemüht zwischen ernsthafter Web-Zeitung und boulevardeskem Entertainment. Dem Mangel an Boulevard-typischer Nacktheit (über die man bei der Konkurrenz von der "Krone" nicht klagen kann) setzt OE24 das ironisch servierte Angebot, ruhig ein bisschen Gaga-News beizusteuern, entgegen. Auch da haben die (im übrigen selbst zum Bloggen verpflichteten) Macher das Web gut beobachtet, denn nichts schätzt der Veröffentlichungswütige YouTube-Jünger mehr. Jetzt bleibt nur abzuwarten, ob er das auch unter dem virtuellen Dach einer Zeitung sucht und wie ihr das bekommt.

Den Web-Journalismus hat OE24 auch damit nicht neu erfunden, führt im deutschsprachigen Raum aber eine Fülle recht peppiger wie klickträchtiger Präsentationsformen ein. Es bleibt der Eindruck, dass hier die Form mehr Neues bietet als der Inhalt. Ob OE24 dann am Ende mehr bieten wird als Agenturhäppchen, Highlights aus der Zeitung und "Leser-Reporter", werden die nächsten Tage zeigen. Die Branche sieht genau hin, und was sie bisher sieht, ist durchaus schickes Infotainment.

Der bereits im Vorfeld benannte Hauptkonkurrent, an dem sich OE24 misst, war mit der "Krone" gut gewählt. Inhaltlich mehr als Österreichs Boulevard-Blatt Nummer 1 bietet OE24 allemal, und natürlich weit weniger schnarchig präsentiert. Wer allerdings wirklich Informationen sucht, wird in Österreich wohl auch künftig weiter eher beim "Standard" landen.

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