Offener Brief "Lieber Herr Steinmeier..."

Deutschland erobert eine technische Vorreiterrolle zurück, indem es per Beschluss des Kanzleramts-Chefs Steinmeier die Weltzeit auf Berliner Standard setzt. Wie im Fernsehen gilt auch im Web künftig eine "Sendezeitbegrenzung" für Schmuddelkram.

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Retter des Web: Frank-Walter Steinmeier entreißt das Internet der Schmuddelecke, indem er einfach die Sendezeiten verändert
DPA

Retter des Web: Frank-Walter Steinmeier entreißt das Internet der Schmuddelecke, indem er einfach die Sendezeiten verändert

Lieber Herr Steinmeier, das ist doch mal eine Nachricht, die all diejenigen, die vom Web zwar keine Ahnung haben, aber mächtig Angst davor, so richtig beruhigen dürfte. Vertreter von Kanzleramt und Staatskanzleien der Länder haben sich, folgt man der heutigen "Financial Times", auf eine abenteuerlich innovative Regelung zum Jugendschutz geeinigt: Schmuddelkram zeigt das Internet in Deutschland künftig nur noch zwischen 23 Uhr und 6 Uhr in der Früh. Basta.

Das, lieber Frank-Walter Steinmeier, ist toll: In Ihrer Funktion als Chef des Bundeskanzleramtes haben Sie damit eine technische Großtat verübt, die der von uns notorisch als hinterwäldlerisch bejammerten deutschen Hightech-Industrie endlich mal wieder Oberwasser verleiht.

Ja, es hat diese albernen Versuche eines Uhrenherstellers gegeben, eine "Internet-Zeit" vorzugeben. Aber noch kein Staat kam auf die Idee, sich selbst zum Webzeit-Standard zu machen. Ab jetzt, Herr Steinmeier, bestimmen Sie einfach, wann in Neuseeland 23 Uhr ist!

Und wenn die Multimediaagentur DataHaiWei aus Anröchte eine Telefonkonferenz mit Geschäftspartnern in Kiribati und Washington ansetzt, dann darf man ja wohl erwarten, dass die Leute um 10 Uhr schon wach und fit sind, oder? Morgenstund hat Gold im Mund.

Lernen von Athos: Die Mönche der griechischen Halbinsel schalten das Web einfach von 6 bis 23 Uhr ab. Und von 23 bis 6 Uhr. Und das Telefon. Und das Fernsehen. Und...
AP

Lernen von Athos: Die Mönche der griechischen Halbinsel schalten das Web einfach von 6 bis 23 Uhr ab. Und von 23 bis 6 Uhr. Und das Telefon. Und das Fernsehen. Und...

Schund hingegen ist nun auf die finsteren Nachtstunden verschoben. Soll heißen: So lang es hell ist (in Berlin) und die Kinder noch nicht im Bett, dürfen die bösen Porno-Anbieter einfach nicht senden. So.

"Sendezeitbegrenzung" nennt sich das, wie im Fernsehen. Kann man ja im Programm entsprechend kennzeichnen.

Da stellt sich doch die Frage, was die Internet-Sender stattdessen tun sollen, und für wen das gilt und wo die Grenze liegt.

Kannitverstan, Herr Steinmeier? Ganz einfach: Stellen wir die Frage doch mal anhand eines Beispieles. Nehmen wir zum Beispiel einen

Dildo

(Sagen darf man das Wort doch noch vor 23 Uhr, oder?)

Da soll es zum Bleistift ein Unternehmen geben, dessen Firmenname mit "Beate" beginnt und mit "U" weitergeht. Dieses Unternehmen nährt sich nicht zuletzt vom Verkauf ehehygienischer Gegenstände (ist das besser?). Was macht Beate U. künftig in der Zeit zwischen 6 und 23 Uhr? Vorstellbar sind da ja verschiedene Möglichkeiten:

  • Sie sendet ein Testbild, vielleicht unterbrochen durch sehr entschärfte Werbespots mit dem Verweis, doch um 23 Uhr wieder einzuschalten
  • Blanker Betrug: Da Beate U. auch verkauft, könnte man eine "Tagesseite" anbieten, auf der "Kunstgegenstände und Skulpturen" verkauft werden (nicht kichern, Herr Steinmeier!)
  • Metaphorische Phantasie: Wann waren Sie das letzte Mal in der arabischen Welt, Herr Steinmeier? Auf Schokoladenpackungen zeigt man dort gern kleine Hunde und Katzen, weil die Abbildung von Menschen als irgendwie nicht so toll bewertet wird. Man sieht, es geht doch: Warum präsentiert Beate U. künftig ihre Dildos nicht einfach als Fußmassagegeräte, als Spielzeug für kleine Katzen oder als mechanisches Antidepressivum in einem eher pharmazeutischen Kontext?
  • Elegant wären Kooperationen: Von 6 bis 23 Uhr sendet ein Kinderkanal lustige kleine Geschichten, und danach lustige kleine Geschichten für stark visuell orientierte große Kinder. Na?

Vorsicht, nacktes Modell: Hier bitte erst nach 23 Uhr klicken!
Beate Uhse AG

Vorsicht, nacktes Modell: Hier bitte erst nach 23 Uhr klicken!

Und so weiter. Da fällt Ihrem Kreis von Chefs der Staats- und Senatskanzleien der Länder, die an Ihrem bahnbrechendem Vorstoß beteiligt waren, sicher noch mehr ein. Oder den Leuten, die für diese Leute surfen. Denn wir wissen ja: Chefs surfen nicht. Chefs lassen surfen.

Überhaupt stünde uns allen ein wenig mehr Anstand, Zurückhaltung und fundamentale Demonstration moralischer Vorbildhaftigkeit gut zu Gesicht, so lange die Blagen nicht im Bett sind.

Dann, ab 23 Uhr, darf man ja wieder, Herr Steinmeier. Eine gute Regelung, auch wenn sie ignoriert, dass a) immer irgendwo 23 Uhr ist; b) das Internet lästigerweise ein weltweites Medium ist; c) wir rund 30 TV-Sender, aber rund 50 Millionen Internet-Sender allein in Deutschland haben. Das riecht doch nach baldiger Vollbeschäftigung, wenn die DISK (Deutsche Internet-Sender Kontrollbehörde) ihre ersten vier Millionen Kontrolleure einstellt.

Aber auch da - und jetzt haben wir Sie ertappt: Sie waren kürzlich in der arabischen Welt! - kann man ja von Saudi-Arabien lernen. Oder vom Iran, oder China, oder so. In solchen Ländern, in denen man sich um die Moral der Bevölkerung noch fundamentale Sorgen macht, wird doch seit Jahren vorexerziert, wie man das Web sauber hält.

Ein paar kleine Verbote hier und da, verbunden mit drakonischen Strafen, wirken da Wunder. Und notorischen Zensur-Umgehern könnte man einfach die Leitung kappen. Wie man die erwischt, wo dieser ganze Schmuddelkram doch zumeist im privaten Raum stattfindet, heimlich, sozusagen? Fragen Sie doch Otto, dem fällt da bestimmt was ein.

Also, danke noch mal, Herr Steinmeier. Endlich wieder einmal ein politischer und technischer Innovationsstoß, über den man weltweit reden wird, unter anderem. Holen Sie das Internet aus der Schmuddelecke! Damit man wieder ohne Scham zugeben darf, dass man auch eins hat zu Hause. Und lassen Sie sich bitte von den Experten nicht einreden, Ihr Vorstoß sei "Schwachsinn" (Original-Ton Arthur Waldenberger, Chef der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia). Diese Typen können das gar nicht beurteilen: Die haben zwar vom Internet Ahnung, aber nicht von Politik. In diesem Sinne: Danke für die Steilvorlage, und weiter so!



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