Das Netz der Neunzigerjahre So alt sahen wir einmal aus

Noch einmal wie vor 20 Jahren surfen: Ein neuer Onlinedienst zeigt das Web, wie es früher einmal aussah, von SPIEGEL ONLINE bis zur Suchmaschine AltaVista. Fürs ultimative Retro-Gefühl werden sogar alte Browser emuliert.


Mit der bekannten "Wayback Machine" des Internet Archives kann man schon länger ältere Website-Versionen anschauen. Doch jetzt gibt es mit oldweb.today einen Dienst, der den virtuellen Trip in die Vergangenheit noch ein Stück vollkommener macht.

Auch bei oldweb.today gibt man erst einmal eine beliebige URL und ein Datum ein. Zusätzlich hat man aber noch die Möglichkeit, den passenden Browser auszuwählen, in dem das Ergebnis angezeigt wird.

Zur Wahl steht etwa Mosaic, einer der ersten Browser, der Grafiken anzeigen konnte. Daneben kann zwischen frühen Versionen von Microsofts Internet Explorer oder dem Netscape Navigator gewählt werden. Sind alle Angaben vollständig, greift oldweb.today auf eine ganze Reihe von Web-Archiven zurück, bis hin zu den Sammlungen der Universität Stanford oder des britischen Parlaments.

Die 404er Fehlermeldung, der treue Begleiter

Ein bisschen Geduld braucht man, der Ladeprozess dauert zum Teil ziemlich lang - das erinnert nebenbei daran, wie langsam sich Websites früher aufbauten. Manchmal findet oldweb.today für das gewünschte Datum auch gar nichts oder produziert eine 404er-Fehlermeldung, wie es sie schon damals gab.

Website von AltaVista von 2001: Früher eine angesagte Suchmaschine

Website von AltaVista von 2001: Früher eine angesagte Suchmaschine

Auf der Reise durch die Geschichte des World Wide Web kann man zum Beispiel auf einstmals hippe Suchmaschinen wie AltaVista treffen, ebenso auf die ersten Schritte von SPIEGEL ONLINE im Netz. Man kann die Dramatik der Berichterstattung nach dem 11. September 2001 nacherleben oder sich an den April 2005 erinnern, als Joseph Ratzinger zum Papst wurde.

Hinter oldweb.today steht Rhizome, eine Non-Profit-Organisation mit künstlerischem Schwerpunkt. Ihre Mitglieder Ilya Kreymer und Dragan Espenschied haben die notwendige Programmierarbeit geleistet. Die Ergebnisse ihrer Arbeit, den Quellcode für die Netzzeitkapsel, haben sie auf Github frei zur Verfügung gestellt.

Die neue Philosophie der Browser

Rhizome will mit dem Projekt die Erinnerung daran wachhalten und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Philosophie, die hinter Browsern und ihrer Gestaltung stand, vor 20 Jahren eine völlig andere gewesen ist als heute. Aktuelle Browser würden sich unter der Vielzahl von Apps und Programmen einfügen und fast unsichtbar machen. So, als ob die Daten-Cloud draußen im Netz nichts weiter als eine Verlängerung der eigenen Festplatte wäre.

In der Frühzeit des Suchens im Netz habe dagegen der Gedanke im Vordergrund gestanden, der Besuch im Netz sei wie eine Reise, ein Aufbruch in eine Welt, die sich völlig von unserer "realen" Welt unterscheide. Kein Wunder also, dass etwa der Netscape Navigator in den frühen Neunzigerjahren das Symbol des Schiffssteuerrads benutzte. Der Internet Explorer versprach mit seinem runden Logo, seinen Nutzer gleich um die ganze Welt mitzunehmen - oder zumindest bis zur nächsten 404er-Fehlermeldung.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rage-Guy 03.12.2015
1. 2010 begann der Abstieg
Zwischen 2005 und 2010 hatten die meisten Webseiten - wie auch SPON - das ideale Design. Ab 2015 begann der Abstieg. Heute wird man von riesigen und oft unnötigen Bildern erschlagen, zwischen den Artikeln klaffen riesige Leerflächen und allgemein wird Platz ohne Ende verschwenden. Neuerdings kommen sogar zappelnde GIF-Bildchen hinzu, ein Fehler der schon in den 90ern erkannt wurde. Auch die Änderung einer vertikalen, kompakten Navigation hin zu einer breiten, horizontalen Navigation ist ein klarer Rückschritt.
schgucke 03.12.2015
2.
Zitat von Rage-GuyZwischen 2005 und 2010 hatten die meisten Webseiten - wie auch SPON - das ideale Design. Ab 2015 begann der Abstieg. Heute wird man von riesigen und oft unnötigen Bildern erschlagen, zwischen den Artikeln klaffen riesige Leerflächen und allgemein wird Platz ohne Ende verschwenden. Neuerdings kommen sogar zappelnde GIF-Bildchen hinzu, ein Fehler der schon in den 90ern erkannt wurde. Auch die Änderung einer vertikalen, kompakten Navigation hin zu einer breiten, horizontalen Navigation ist ein klarer Rückschritt.
absolut. und die hoffentlich bald wieder abschwellende Blog-Ästhetik, wo es gar kein Menü mehr gibt sondern man einfach alles erfährt, indem man zwei Tage lang herunterscrollt.
appel&ei 03.12.2015
3. optik vs inhalt
die optik mag sich mit der zeit ändern, anpassen. leider tat es der inhalt auch. nun ist kritik am spon hier nicht erlaubt, aber als gelernter journalist mit klassischer berufsauffassung würde ich mir spätestens seit dem frühsommer diesen jahres gedanken um mein berufsbild machen.
TS_Alien 03.12.2015
4.
Die meisten Webseiten werden immer schlechter. Offensichtlich verleiten die schnellen Übertragungsgeschwindigkeiten die Webseitenschreiber dazu, ihre Seiten mit sinnlosem Kram zu überfrachten. Ständig bewegt sich etwas, die Anzeigen werden immer größer, der eigentliche Inhalt schrumpft. Fürchterlich ist das. Selbst die Amazon-Webseite hat drastisch an Qualität verloren.
RobMcKenna 03.12.2015
5.
Zitat von Rage-GuyZwischen 2005 und 2010 hatten die meisten Webseiten - wie auch SPON - das ideale Design. Ab 2015 begann der Abstieg. Heute wird man von riesigen und oft unnötigen Bildern erschlagen, zwischen den Artikeln klaffen riesige Leerflächen und allgemein wird Platz ohne Ende verschwenden. Neuerdings kommen sogar zappelnde GIF-Bildchen hinzu, ein Fehler der schon in den 90ern erkannt wurde. Auch die Änderung einer vertikalen, kompakten Navigation hin zu einer breiten, horizontalen Navigation ist ein klarer Rückschritt.
Volle Zustimmung von meiner Seite. Heute, wo Full-HD-Display inzwischen eine einigermaßen weite Verbreitung gefunden haben, haben "Webdesigner" leider nichts besseres zu tun, als Seiten-Designs derart aufzublähen, dass unterm Strich noch weniger in einem Browserfenster zu sehen ist als früher. Gleichzeitig darf man, wenn man nicht gerade das Glück hat, mit einem schnellen Netzzugang gesegnet zu sein, zusehen, wie größtenteils sich unnötiger Bloat (riesige Javascript-Sammlungen und Deko-Bildchen in Gigant-Auflösung) durch die eigene Internetleitung zwängt. Ich hoffe, dass dieses Grobmotoriker-Design nur eine vorübergehende Modeerscheinung ist, die schnell wieder verschwindet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.