Online-Abstimmung Soltau will kein Mahnmal für NS-Opfer

In der niedersächsischen Stadt Soltau soll aus acht Musterstelen des Berliner Holocaust-Denkmals ein Mahnmal entstehen. Doch bei einer Internet-Abstimmung fiel der Plan durch. SPD-Anhänger unterlagen im Klickduell gegen rechte Aktivisten.

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US-Architekt Eisenman am Berliner Holocaust-Mahnmal: Provinzposse in Niedersachsen
AP

US-Architekt Eisenman am Berliner Holocaust-Mahnmal: Provinzposse in Niedersachsen

Am 10. Mai wird in Berlin das Holocaust-Mahnmal eröffnet. Von den ersten Ideen bis zur Realisierung des Entwurfs des amerikanischen Architekten Peter Eisenman - um das Mahnmal wurde viel diskutiert und gestritten. In Berlin drehte sich der Streit unter anderem um den Graffiti-Schutz, mit dem die 2751 Beton-Stelen versiegelt werden sollten. Darf dieser Schutz von einer deutschen Firma mit Nazivergangenheit kommen? Er darf, wie nach Begutachtung der zehn vorab angefertigen Musterstelen schließlich beschlossen wurde.

Diese Musterstelen sorgen jetzt weiter für Diskussionen. Nicht mehr in Berlin, sondern in Soltau. Der dortige SPD-Kreisvorstandsvorsitzende Wielfried Worch-Rohweder hat acht der zehn Betonsäulen nämlich auf eigene Kosten von Berlin nach Soltau bringen lassen, um daraus ein Mahnmal für die NS-Opfer zu errichten - eine Art Mini-Ausgabe des Berliner Holocaust-Denkmals für Soltau.

Sein Vorschlag wurde vom Kulturausschuss der Stadt Soltau akzeptiert, nur über den möglichen Standort der Stelen herrscht noch Uneinigkeit: Die regierende CDU denkt an den Stadtfriedhof, die SPD favorisiert den Bahnhof, an dem zu Nazizeiten die Heidebahn KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter abtransportierte.

Das Lokalblatt "Die Böhme-Zeitung" startete am Dienstag vergangener Woche eine Online-Umfrage zum NS-Denkmal. "Sollte in Soltau ein solches Mahnmal errichtet werden?", wurden die Leser gefragt.

Die Resonanz übertraf alles, was Chefredakteur Marcel Baukloh von bisherigen Umfragen gewohnt ist. Er kennt das Leser-Feedback ziemlich genau, denn sein Blatt stellt jede Woche eine neue Frage. "Im Schnitt haben wir 50 Stimmen pro Umfrage", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Zum NS-Denkmal kamen 2175 Stimmen zusammen - absoluter Rekord für das Blatt, das mit einer Auflage von 12.617 Exemplaren erscheint (2. Quartal 2004). Fast 60 Prozent sprachen sich gegen ein NS-Mahnmal aus (1267 Stimmen). Reichlich 40 Prozent (903) votierten dafür.

"Das hatten wir so nicht erwartet", sagte Chefredakteur Baukloh. In den ersten Tagen, als nur eine Handvoll Stimmen zusammengekommen waren, zeichnete sich bereits eine Mehrheit gegen das Stelenmahnmal ab. Dann habe die lokale SPD ihre Mitglieder und Parteifreunde mobilisiert, um die Abstimmung zu drehen. SPD-Kreisvorstandschef Worch-Rohweder bestätigte dies gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Wir haben probiert, ob wir mit eigenen Mitteln dagegen angehen können."

Holocaust Mahnmal in der Bauphase: Viel Streit, viel Diskussion um die Stelen
REUTERS

Holocaust Mahnmal in der Bauphase: Viel Streit, viel Diskussion um die Stelen

Die Aktion hatte zunächst Erfolg: Am Donnerstag und Freitag lagen die Befürworter eines NS-Mahnmals in Soltau etwa gleich auf. Doch dann, am Wochenende, schnellten die Neinstimmen nochmals kräftig nach oben. "Ich glaube, dass das eine Manipulation ist", sagte Worch-Rohweder. Da müssten gut organisierte Leute nachgeholfen haben.

Tatsächlich gibt es Hinweise auf eine gezielte Aktion Rechtsradikaler. Im Forum der Webseite www.wikingerversand.de rief am Sonntag kurz vor 14 Uhr ein User namens " NiMo28" zur Stimmabgabe auf: "Unbedingt lesen! Wichtig! Abstimmen! In Soltau wird zurzeit die Errichtung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors debattiert. Also ihr wollt doch auch sicher ein solches Mahnmal haben!", schreibt er, und hat gleich danach ein Zwinker-Emotikon gesetzt, damit er nicht etwa falsch verstanden wird.

Der User "Gonzo" antwortete zwei Stunden später: "Nein, ganz bestimmt nicht. So ein Dreck sollte nicht die deutschen Strassen schmücken..."

Schwierig ist das Beeinflussen einer Online-Abstimmung nicht. Wer seine Stimme abgebe, die Interneteinwahl beende und sich neu ins Netz einwähle, könne auch doppelt seine Stimme abgeben, sagte Baukloh. Das Vote-Programm achte nur darauf, dass von einer IP-Adresse nur eine Stimme abgegeben werden könne.

Während man sich beim SPD-Kreisverband nach der missglückten Abstimmungsaktion langsam Sorgen um den Ruf der Region macht, nimmt Blattchef Baukloh die Sache gelassen. Von einer manipulierten Abstimmung möchte er nicht sprechen. "Es ist keine Manipulation, wenn ich mich mit Leuten treffe und denen sage: 'Macht da mal mit', wie es die SPD getan hat." Die Partei habe versucht, die öffentliche Meinung mit eine positiv ausgegangenen Abstimmung für sich zu gewinnen. Bauklohs Resümee: "SPD und Rechte haben sich offenbar gegenseitig 'verabstimmt'."



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