Online-Ausleihen Downloads aus der Internet-Bibliothek

Vier große deutsche Bibliotheken leisten sich seit dieser Woche Online-Ableger. Per Download sollen sich dort Wissbegierige und an Kultur Interessierte Bücher, Musik und Videos ausleihen können - direkt auf den eigenen PC.

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Online sind die meisten Bibliotheken Deutschlands schon lange. Allerdings beschränkte sich ihr Angebot bisher darauf, dass man den Katalog nach bestimmten Büchern durchsuchen, beliebte Exemplare vorbestellen oder die Leihfrist eines noch ungelesenen Bandes verlängern kann. Ab sofort gehen vier Bücherhallen einen Schritt weiter und ermöglichen es, digitale Inhalte von ihren Servern herunterzuladen. Mit der entsprechenden Software kann man sie dann lesen, anhören oder ansehen.

Um das neue Angebot nutzen zu können ist nichts weiter als ein Leseausweis der jeweiligen Bibliothek, ein Computer und ein Internetzugang nötig. Abgesehen von den Gebühren für den Leseausweis (ca. 45 Euro pro Jahr für Erwachsene) fallen für die Online-Ausleihe keine weiteren Kosten an.

Das ist neu, denn wenngleich Bibliotheken bereits Inhalte auf CD und DVD anbieten, musste man doch bisher brav während der Öffnungszeiten in die Bücherhalle traben, um sich das gewünschte Medium auszuleihen. Damit ist jetzt nicht Schluss, aber es wird um die Variante der Online-Ausleihe ergänzt. Ab sofort wird dieser zusätzliche Service von den Bibliotheken in Hamburg und Würzburg angeboten, Köln und München werden in Kürze folgen. Bis zum Jahresende, so hofft Holger Behrens, Geschäftsführer der Divibib GmbH, die sich als Dienstleister für die Bibliotheken um die Beschaffung der digitalen Inhalte sowie die Verhandlungen mit den Rechteinhabern kümmert, sollen es bereits 20 sein.

Viel Klassik, kein Pop

Hella Schwemer-Martienßen, Direktorin der Öffentlichen Bücherhallen Hamburg, nennt die digitale Ausleihe "ein Muss, eine Verpflichtung". Schließlich gelte es, "Amazon etwas entgegenzusetzen". Warum das so ist, begründet sie so: "Wir haben die Spezialisten" und "wir haben die lektorierten Inhalte".

Etwas pragmatischer sind ihre Kollegen. Die einhellige Auskunft der Bibliotheks-Chefs lautet, die Zahl der Bücherhallen-Nutzer habe sich schon vor Jahren auf einem Niveau eingependelt, von dem es kaum noch Abweichungen gibt. Einzig im Online-Bereich sieht man noch Wachstumschancen. "Wir denken, dass wir auf diesem Weg auch Neukunden gewinnen können," sagt Hannelore Vogt, Chefin der Stadtbücherei Würzburg. Und dabei hat man es vornehmlich auf die junge Klientel abgesehen. "70 Prozent unserer Nutzer sind unter 40 Jahren", sagt Vogt. "Diese jungen Leute erwarten von uns die Bibliothek 2.0".

Ein Gang durch die virtuellen Bücherregale zeichnet jedoch ein anderes Bild. Dort findet man vornehmlich Erbauliches und Lehrreiches sowie reichlich Lesestoff für Kinder und Jugendliche, kaum jedoch Unterhaltung.

Zur Veranschaulichung: In der Online-Bibliothek Würzburg stehen 3362 Einträgen in der "Kinder & Sachbuchbibliothek" magere 48 Einträge in der Rubrik "Unterhaltung" gegenüber. Noch krasser das Verhältnis in der Musikabteilung: 4343 Klassik-Aufnahmen stehen exakt Null (in Zahlen "0") Pop-Alben gegenüber. Nur ein wenig Blues, Folk, Jazz und Worldmusic sind noch zu finden. Insgesamt finden sich in den Download-Bibliotheken rund 10.000 Titel aus den verschiedenen Bereichen. Noch ist das Angebot also überschaubar.

Microsoft schützt

Wer nun hofft, man käme über die Online-Ausleihe günstig an Vorlagen zum freien Kopieren, wird bitter enttäuscht. Alle von den Bibliotheken zur "Onleihe" angebotenen Medien werden von einem Rechteverwaltungssystem (DRM) mit Argusaugen überwacht. Das sorgt unter anderem dafür, dass die Medien nach einer festgelegten Frist, das kann ein Tag, eine Woche oder ein anderer Zeitraum sein, automatisch unbrauchbar werden.

Dieser Mechanismus bietet freilich den Vorteil, dass man nie mehr Strafgebühren wegen zu spät zurückgegebener Bücher zahlen muss.

Dafür, dass dieses System funktioniert und auch ja niemand mit den geliehenen Medien Schindluder treibt, sorgt das DRM von Microsoft. Holger Behrens von Divibib begründet diese Entscheidung damit, dass man auf diese Weise 95 Prozent des Marktes erreichen könne. Linux- und Mac-Anwender bleiben dabei allerdings außen vor.

Aber nicht nur die. Auch jene versprengten Alt-PC-Weiterverwender, die heute noch mit Windows 98 arbeiten, haben keine Chance, denn zum Lesen der digitalen Literatur ist der Adobe Reader 7.0 notwendig und der setzt Windows 2000 oder XP voraus. Und auch iPod-Fans können sich bei der Online-Ausleihe nicht eindecken: Weder Musik noch Hörbücher oder Videos lassen sich auf dem Apple-Player abspielen, weil der das Microsoft-Format nicht unterstützt.

Wer hingegen zu jenen 95 Prozent Windows-Usern zählt, die den Windows Media Player ab Version 9 verwenden können, kann sich in den neuen Download-Abteilungen mit reichlich Lesestoff, Musik und Filmen eindecken. Ein Ersatz für Plattenladen und Videothek ist das Angebot jedoch nicht, wird man dort doch weder die Piraten der Karibik noch Nelly Furtado finden. Wer damit leben kann, findet bei den digitalen Bibliothekaren jedoch reichlich Lesestoff auf Abruf.



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