Online-Communitys Was Netz-Nutzer wirklich wollen

Wollen Internet-Nutzer gruscheln? Im Netz neue Menschen treffen? Alles und jeden bewerten?  Eine Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, analysiert erstmals, wie falsch Online-Netzwerke ihre Kunden bisweilen einschätzen - und was diese wirklich wollen.

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Hamburg - Der deutsche Internet-Unternehmer Peter Kabel hat einmal gesagt: "Ich habe Hunderte RSS-Feeds abonniert. Aber mal ehrlich, ich lese keinen einzigen. Macht aber Spaß."

Das ist typisch: Im Netz gibt es ein Überangebot von allem. Nur keiner nutzt es wirklich.

MySpace-Nutzerin: Gut 50 Prozent der Online-Aktivitäten sind überflüssig

MySpace-Nutzerin: Gut 50 Prozent der Online-Aktivitäten sind überflüssig

Bestes Beispiel dafür: die Online-Communitys. Es gibt sie inzwischen für  Studenten, Senioren, SchwangereSzenegänger, Katzen, sogar für tote Haustiere. All diese Online-Gemeinden bieten ein Wirrwarr an Funktionen.

Da sollen Bilder kommentiert, Videos bewertet, Freunde gegruschelt werden - wenn Sie nicht wissen, was das ist: Freunde angesprochen, geworben, gesammelt werden. Blogs soll man füllen, Newsfeeds lesen und auch noch Pacman-Spiele spielen. Doch wie wenige dieser Funktionen wirklich genutzt werden, zeigt eine neue Studie, die die Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und die Freundliche Netzwerke GmbH Ende 2007 durchgeführt haben. 46 Community-Betreiber und 172 Community-Nutzer wurden ausführlich befragt, 14 große Netzwerke à la MySpace inhaltlich analysiert.

Das Ergebnis: Was Portalbetreiber für wichtig halten, ist den Nutzern oft schnurz - und umgekehrt.

Laut Studie will der Durchschnittsnutzer weder Blogs noch Minigames. Er will einen Gratiszugang, eine gute Suchfunktion und aktuelle Nachrichten auf der Startseite. "Salopp ausgedrückt: 50 Prozent unserer Online-Aktivitäten sind für die Tonne", sagt Thomas Goette, Geschäftsführer der Freundliche Netzwerke GmbH und selbst Betreiber der Ranking-Community woobby.com.

Ignoriert werden vor allem Zusatzangebote, die mit der Kernfunktion der jeweiligen Webseite wenig zu tun haben. "Blogs oder Newsfeeds sind Inhalte, die man fast überall bekommt", sagt Jens Böcker, der an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg das Verhalten von Internet-Nutzern untersucht. "Was austauschbar wirkt, bleibt unter der Wahrnehmungsschwelle."

Zusatzfunktionen dienen vor allem zur Abgrenzung von Konkurrenten. "Wenn drei Anbieter dieselbe Kernfunktion haben, versuchen sie, sich durch allerlei Gimmicks voneinander zu unterscheiden", sagt Böcker. Der Nutzer gewinne dadurch kaum etwas.

70 Prozent der Online-Nutzer treffen nur Offline-Freunde

Andere Funktionen finden Nutzer indes weit wichtiger, als die Portalbetreiber annehmen. Laut Studie legen Besucher von Online-Netzwerken am stärksten Wert auf den Schutz ihrer Privatsphäre - und auf einen Dienst, der sie an die Geburtstage von Freunden erinnert. 

Gerade Letzteres wirkt überraschend, doch dafür gibt es eine einfache Erklärung: Die meisten Nutzer verhalten sich in Online-Netzwerken weit konservativer als gemeinhin angenommen. Laut Studie kommunizieren 70 Prozent online fast nur mit Menschen, die sie ohnehin kennen - zum Teil über mehrere Plattformen hinweg.

"Die Wichtigkeit von Online-Bekanntschaften wird generell überschätzt", sagt Böcker. Das Wiederfinden alter Bekannter habe einen viel höheren Stellenwert als das Suchen neuer Freunde.

Laut Goette fungieren Online-Treffpunkte sogar als eine Art Infomagazin für den Freundeskreis. "Während man sich auf Nachrichtenseiten über das Weltgeschehen informiert, hält man sich in den Communitys über das aktuelle Geschehen im Freundeskreis auf dem Laufenden", sagt Goette. Der Riesenerfolg von Facebook könnte demnach vor allem durch den Mini-Feed zu erklären sein, über den die Nutzer in Echtzeit erfahren, was ihre Freunde online so treiben.

Community-Betreiber setzen auf falsche Werbemaßnahmen

Werbung hat im Online-Geschäft einen enorm hohen Stellenwert. Die in der Studie untersuchten Portalbetreiber wenden im Schnitt 40 Prozent ihres Gesamtetats für Werbung auf, ein Drittel der Mitarbeiter arbeitet im Marketing. Das Problem: Die Mühe ist oft vergebens. Laut Studie überschätzen die Community-Betreiber die Wirksamkeit ihrer Werbung durchgängig.

Das liegt meist daran, dass die falschen Maßnahmen ergriffen werden. Im Offline-Sektor setzen 67 Prozent der Werbenden auf Flyer - dabei wurde mehrfach nachgewiesen, dass deren Effekt fast gleich null ist. Beim Online-Marketing ist das Verschicken von Newslettern noch immer eine der beliebtesten Maßnahmen - dabei ist deren Erfolg laut Studie ebenfalls äußerst begrenzt.

Den größten Werbeerfolg hat laut Studie einfache Mundpropaganda, doch die lässt sich nur schwer steuern. Oft versuchen Portalbetreiber, ihre Nutzer dazu zu bewegen, die Community weiterzuempfehlen, indem sie dafür Prämien bieten. Sie haben damit aber nur wenig Erfolg. "Nutzer empfehlen eine Seite nur weiter, wenn sie mit ihr überdurchschnittlich zufrieden sind und wenn sie besonders lebendig wirkt", sagt Böcker. Und das sei nur in den wenigsten Fällen gegeben.

Generell sei die Werbung oft zu unkonkret. "Alles, was den Nutzer unmittelbar betrifft, erregt seine Aufmerksamkeit", sagt Goette. "Im Selbstversuch haben wir herausgefunden, dass die persönliche Kontaktaufnahme mit einem Nutzer etwa fünfmal so erfolgreich ist wie das anonyme Anschreiben per Newsletter."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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firstart 14.02.2008
1. Blödsinnige Analyse
Das die Online und Offlinewelt zu 80% einer Trennung obliegt, kann wohl jeder nachvollziehen. Wer sich ein wenig in Foren etc. rumtreibt weiss welch schräge Typen dort unterwegs sind. Wer will die schon im Wohnzimmer sitzen haben. Aber das Foren und Internetbenutzer Informationen suchen... na, wer hätte das nun wirklich gedacht. Welche neuer Ansatz. Wurde diese Studie - mit Bindenweiseheiten des Webs - vom Studenten erstellt? Ich kann darin wirklich nichts finden, was nicht vor 10 Jahren auch schon klar war. Naja gut, die alten Compuserve Communities heissen jetzt wohl anders und aus privaten Websites bei Puretec und 1000 anderen Anbietern ist nun mySpace geworden. Ich finde es immer wieder witzig, wie im Internet ständig das Rad neu erfunden wird.
xtorbati, 14.02.2008
2. Was ich brauche
Ich habe seit 2002 einen DSL-Anschluss , kann also sagen, dass ich zu den frühen Nutzern einer DSL Flatrate gehöre. Neben der Nutzung anfangs spannender (illegaler) Tauschbörsen wie morpheus, die dann von Kazzaa innerhalb weniger Wochen überholt wurden. Einer der Gründer v. Morpeus, das damals auf jedem 2 PC war, gründete eine identische Tauschbörse, selbst die Oberfläche blieb gleich, nur der Name wurde geändert, "Kazaa" hat Morpeus in kurzer Zeit von Position 1 in die Bedeutungslosigkeit katapultiert. Heute schon Web-Geschichte. Ich habe meinen TV und meinen CD-Player ausgemustert, der PC ist Fernseher, CD/MP3 usw-Player in Einem. 2003 kam die eigene Webseite, damals mußte man noch etwas html und vor allem Flash beherrschen, um etwas kreatives zu machen. Aber das wurde schnell langweilig. Ich bin bei ca. 10 sog Onlineportalen angemeldet, habe 3 versch. Passwörter, um nicht durcheinander zu kommen, nach Wichtigkeit getrennt. Täglich nutzen tue ich das Netz als Tageszeitungsersatz. Spiegel.online ist seit Anfang an meine Startseite, um etwas nachzuschlagen oder zu recherchieren nutze ich aus Bequemlichkeit meistens die Google-Toolbar in meinem Firefox. Natürlich nutze ich auch andere Suchmaschinen, wenn es um wichtige Themen, meistens beruflich geht. Pageranking ist eine Methode, aber eben nicht die Einzige. Ansonsten, (ich habe die letzten Tage mal bewußter darauf geachtet,) habe ich zu den meisten Freunden und Bekannten regelmäßigen Mailkontakt. Wenn ich eine Meinung veröffentlichen will, dann tue ich es meistens im online-Forum des Spiegel. Ansonsten bleibt das online-Banking, und viel Zeit, um Winwows immer am laufen zu halten. Es ist seit XP besser geworden. Der Sprung von 3.11 zu Win 95 war anfangs für mich beruflich eine mittlere Katastrophe, kein Dateimanager mehr, (bis heute nicht, ich empfehle den Win-Commander) kein echtes dos, und die bluescreens nahmen erheblich zu. (schwerer Aufnahmefehler) Newsletter landen bis auf die Sonderangebote des Supermarkes in meiner Straße im Spamfilter. Der immer wieder fast identische Regitrierungsablauf hält mich schon von weiteren Portalen ab. Eines habe ich immer vernachlässigt : die Sicherheit. Jetzt bin ich selbst zum 1.mal Opfer. Ein mir unbekanntes Unternehmen hat 5.-€ von meinem Konto abgebucht. Auf deren (hitflip) Startseite steht groß : Keine Kosten, Keine Vertragsbindung, u.ä. Gestern ahben sie sogar gemahnt. Lehrgeld.
andrejdelany 14.02.2008
3. Keine persönliche Ansprache oder gar Werbung...
Ich könnte den Artikel unterschreiben, wenn der letzte Absatz nicht wäre. Was ich ganz bestimmt nicht will, ist eine persönliche Ansprache der Portal-Betreiber. Da stellen sich bei mir alle Haare auf.
xtc170371 14.02.2008
4. Ein Schritt Richtung Wahrheit
Endlich mal eine Studie die ansatzweise das beweist, was ich persönlich schon lange denke. Wenn ich mein eigenes Surf-Verhalten betrachte finde ich mich hier wieder. Vor allem das "Überangebot" an vielen gleichen Dingen trägt meiner Meinung eher dazu bei das man ganz weg bleibt. Vieles im Internet (vor allem Werbung) wird völlig überschätzt und auch monetät völlig überzogen bewertet. Irgendwann gibt es den Bigbang ..... kein Mensch braucht diese Mengen an unsinnigen Communities
heinz ijottkah 14.02.2008
5. Völlig falsche Einschätzung
1. Individuelle Nutzerwünsche benötigen eine Vielzahl von Angeboten, damit jeder das findet was er sucht. Was bedeutet, dass er etwas findet was ihm nah ist. Verabschieden Sie sich vom Wunsch nach dem höchsten Marktanteil einer Applikation. Es gibt DIE Sonnabendabend-Familiensendung nicht mehr - im Internet wird es Sie nie geben. 2. Kontakte über Quartärmedien sind nicht vom gleicher Qualität wie die im 'realen' Leben (eigentlich ist ja alles real). Sie sind von höherer Qualität, man berührt sich in einem speziellen Thema, meist nie direkt. Dennoch ist es ein Kontakt (zB über Inhalte). Verabschieden Sie sich vom Glauben, dass 'reale' Kontake alles seien. Sie sind ein Teil, die anderen sind viel hochwertiger. 3. Verabschieden Sie sich von dem Wunsch, diese Studie je lesen zu wollen, um womöglich wichtige Informationen zu erhalten (insofern sie dem entspricht, was bei Spiegelonline veröffentlicht wurde). Außer (bekannten) Usability Informationen dürfte Sie kaum einen Wert besitzen.
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