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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Verfassung für Verfasser

Eine Kolumne von

Das Kommentieren in Internetforen erreicht demnächst eine neue zivilisatorische Stufe. Höchste Zeit, einmal ein grundlegendes Regelwerk für diese wichtige Kulturtechnik zu formulieren.

Trollface (klassische Internet-Trolldarstellung): Monolith modernen Moserns Zur Großansicht

Trollface (klassische Internet-Trolldarstellung): Monolith modernen Moserns

Im Lauf des Jahrs 2015 wird der hundertmilliardste Internetkommentar* in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Dieser Meilenstein taugt zugleich als Monolith modernen Moserns wie auch als Wahnmal der Webwirrnis. Vor allem aber wird allein durch die schiere Masse die nächste Entwicklungsstufe der Kommentarkultur erklommen.

Und dort gilt ein vollkommen neues Gesetzeswerk, gewissermaßen eine Kommentarverfassung zur Kommentarverfassung. Entstanden aus den gesammelten Erfolgsrezepten deutscher Internetkommentatoren, die übrigens - das darf man ohne Nationalismusverdacht sagen - zu den zehn weltweit erfolgreichsten Kommentatoren in deutscher Sprache gehören. Hier ist die Kommentarverfassung erstmals für Sie niedergelegt, der Sache angemessen in forderndem Ton.

§ 1

Die Tastatur des Menschen ist unwürdig. Als solche hat sie als Tor Ihres Kommentars zum Internet zu fungieren. Nehmen Sie deshalb keine Rücksicht, nicht auf Ihre Tastatur, noch auf irgendjemanden oder irgendetwas anderes. Der Maßstab sind Sie allein.

§ 2

Wenn es irgend möglich ist, verschweigen Sie in Ihren Kommentaren nicht die Wahrheit, und also auch nicht Ihre Funktion als Zentrum des belebten Universums sowie Ihre ausschlaggebende Meinung zu Themen.

§ 3

Im Internet gibt es letztlich nur Meinungen und Fakten. Meinungen erkennt man an den Rechtschreibfehlern, Fakten an der Wikipedia-Verlinkung. Die einzige Ausnahme aus dieser Zweiteilung stellen Sie selbst dar.

§ 4

Internetkommentare sind nichts weniger als ein Dienst an der Demokratie selbst. Weniger fachlich firme Figuren mögen nur eine aus der Empörung geronnene Buchstabenfolge sehen. Aber genau dagegen müssen Sie mit der Beharrlichkeit der Kontinentaldrift Ihre Überzeugung setzen, mit jedem einzelnen Wort die Zivilisation ihrer finalen Rettung entgegenzukommentieren.

§ 5

Das Internet ist ein Gewebe aus digitalen Verbindungen, die sich an ihren Knotenpunkten zu Fehlern anderer Leute verdicken. Ihre Aufgabe ist es, intuitiv zu erspüren, ob die zweifellos falschen Einlassungen Dritter echte Fehler oder absichtlich entstanden sind und die Welt an Ihren Erkenntnissen teilhaben zu lassen.

§ 6

Das Internet sei Ihr Schlachtfeld, die Diskussion Ihr Kampf, der Kommentar Ihr Schwert. Definieren Sie Diskussion als Kreuzzug für die richtige Meinung gegen die falsche Meinung. Falls Sie nicht instinktiv wissen, wie sich richtige und falsche Meinungen unterscheiden lassen, sind Sie als Internetkommentator ungeeignet.

§ 7

Häme, Herablassung und Hochmut lassen Sie klüger und überlegener erscheinen.

§ 8

Sollte sich die höchst unwahrscheinliche Situation ergeben, dass im Verlauf einer Diskussion Spuren von Selbstzweifel in Ihr Bewusstsein dringen: Dagegen hilft meist, das eigene Argument leicht umformuliert erneut zu posten. Wiederholen Sie dies aber nicht häufiger als acht oder neun, im Ausnahmefall vielleicht zwölf bis dreißig, maximal jedoch zweihundertneun Mal. In Fällen hartnäckigen Selbstzweifels trainieren Sie selbstsicheres Kommentieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf Google Plus.

§ 9

Lassen Sie Ihre digitale Umwelt nie vergessen, dass Ihr Job die Beurteilung von allem ist. Ihr Tenor ist tendenziell negativ - aber sparen Sie auch nicht an verkapptem Eigenlob für Dritte. Benutzen Sie dabei Wendungen wie "Gut geschrieben", "Sehr witzig", "Intelligent!" oder andere Umschreibungen für "ganz meine Meinung."

§ 10

"Dritte Reich"-Vergleiche sind so sinnvoll wie Hitlers Russlandfeldzug.

§ 11

Kämpfen Sie gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die allgegenwärtige Zensur, die Ihr verfassungsgarantiertes Recht auf alles aushöhlen und das Ziel verfolgen, die von Putins Mossad bezahlte Chemtrail-Diktatur der Echsenmenschen in der Hohlwelt zu vertuschen.

§ 12

Lassen Sie sich nichts einreden!

§ 13

Die behutsame Differenzierung gegenüber abweichenden Meinungen ist unbedingt notwendig, es gibt schließlich nicht nur falsche und dumme, sondern auch gekaufte Kommentare.

§ 14

Niemand darf Sie gleich als Antisemit beschimpfen, bloß weil Sie Antisemit sind.

§ 15

Frauen sind ganz normale Leute, die ganz normal kommentieren dürfen, vorausgesetzt, sie verstehen ein bisschen Humor und fühlen sich jetzt nicht von jeder kleinen Pimmligkeit angegriffen, mein Gott. Achten Sie allerdings auf die Guerilleras der feminazistischen Weltverschwörung und deren Kastrationspläne des Weltmanntums.

§ 16

Schwer widerlegbare Argumente sind auch bloß Worte, die Ihre Überlegenheit angreifen sollen. Halten Sie dagegen, indem Sie eine Reihe von Artikeln auf .info-Domains verlinken. Geben Sie Ihrem eigenen Bauchgefühl den ihm zustehenden Rang zwischen intellektuellem Fundament des Abendlandes und päpstlicher Unfehlbarkeit und kommunizieren Sie diesen Umstand subtil.

§ 17

Kraft souveräner Willkür sind Sie jederzeit in der Lage, zwei nicht miteinander zusammenhängende Sätze kausal miteinander zu verbinden, indem Sie das Wort "weil" dazwischensetzen. Intensivieren Sie bei Bedarf die Kausalität mit einem "weil nämlich".

§ 18

Suchen Sie Verbündete durch die gefühlvolle Verwendung von Internet-Folklore wie "ROFL", "GRÖxAZ" oder "Godwin's Law". Schrecken Sie niemals davor zurück, den naheliegendst möglichen Gag in Ihre Kommentare einzubauen, den Sie jedoch zur Sicherheit mit einem Zwinkersmiley markieren sollten. Beweisen Sie im Notfall Ihren Witz durch die Feststellung, alle anderen seien humorlos.

§ 19

"Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von verstorbenen Personen kommen einem Beweis für die eigene These gleich!" (Winston Churchill)

§ 20

Schauen Sie ganz, ganz genau hin: Ihr Kommentar besteht aus dunklen Pixeln auf hellem Grund, ist also faktisch vollkommen unbestreitbar schwarz-weiß. Zufall? Nein - ein Zeichen. Warum also sollte in eindeutig schwarz-weißen Kommentaren die Welt anders dargestellt werden als schwarz-weiß? Eben.

tl;dr

[Gelöscht - die Redaktion bittet darum, keine beleidigenden, sittenwidrigen oder NATO-kritischen Kommentare zu posten.]

*Quelle: Internet

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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1. SEHR schön!
akmsu74 18.02.2015
Habe herzlich gelacht - allerdings gefriert das angesichts §21 ganz fix wieder...
2. ganz schwacher artikel
ziegenzuechter 18.02.2015
ganz schwach. (den verlierer der diskussion erkennt man daran, dass er sich später über die diskussion an sich amüsiert) Josephus Gregorius römischer Stadtschreiber in Kleinasien, 134 n. Chr.
3. Wer an Regeln glaubt, glaubt auch an den Klapperstorch
DenkZweiMalNach 18.02.2015
Kein Mensch wird sich ohne innere Überzeugung oder äusseren Zwang Regeln unterwerfen. Die Mächtigen machen es ja vor, indem sie ungeniert alle Verträge brechen und die Bürger ausspionieren. Also bleibt nur ziemlich viele Auswüchse zu ertragen oder die Internet-Stasi einzuführen. Die Medien sind natürlich für ... sie werden es erraten.
4.
smersh 18.02.2015
Nichtsdestotrotz stellen Leserkommentare ein wichtiges Korrektiv für Artikel dar, mit dem sich andere Blickwinkel aufs Thema eröffnen können. Artikel ohne Kommentarmöglichkeit lese ich daher gar nicht mehr, da man ihrem Inhalt misstrauen muss - ein wahrheitsgemäßer Artikel hätte durch Kommentare nichts zu befürchten.
5. Frei nach Dr.sheldon C.
fred2013 18.02.2015
'War das Sarkasmus'??
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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