Online gegen G 8 Die Links der Linken

Blogs, Videos, SMS - auch online formiert sich Widerstand gegen den G-8-Gipfel. Prominente Seiten wie "Block G8" werden dabei zu Drehkreuzen des organisierten Protests. Andere Zaungäste erzeugen in Video-Communitys eine durchaus humorvolle Gegenöffentlichkeit.

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Eine McDonalds-Filiale nahe Rostock. Mitglieder der "Clowns Army" umtanzen in Dreiergrüppchen Polizisten. Die Beamten wirken wie eingefroren, lassen das Spektakel regungslos über sich ergehen. "Hier ist G8-TV", verliest eine Stimme aus dem Off. "Wir zeigen, worum es bei den Protesten wirklich geht." Schnitt ins Studio.

Die Moderatoren sehen müde aus, so als hätten sie bis kurz vor Sendebeginn selbst vor dem Zaun demonstriert. Ihre Gesichter glänzen, sie wurden nicht abgepudert. Auch ihr Studio ist ein Provisorium. Als Stühle dienen Pappkartons, bedruckt mit Schlagworten wie "Opposition", "Reality" und "Resistance".

Seit dem 2. Juni sendet G8-TV live aus Rostock – jeden Tag etwa eine halbe Stunde Nachrichten, dazu TV-Reportagen in unregelmäßiger Abfolge. Moderiert werden die Beiträge zweisprachig: abwechselnd auf Deutsch und Englisch.

G8-TV ist mit seinem Video-Aktivismus nicht allein. Die Linke protestiert im Netz ebenso heftig gegen das System wie vor dem Zaun in Heiligendamm. Der Trend im Online-Aktivismus geht dabei zum Video: Die Revolution wird gefilmt und zeitnah produziert. Auf den Online-Plattformen von Indymedia oder Nadir.org. Und auf YouTube, natürlich.

Dort propagiert beispielsweise die Protest-Gruppe Attac mit ihrem "Move against G8-Mobilisierungsclip" die Cyber-Revolution. In dem etwa zehnminütigen Video werden die Vertreter der G-8-Länder als Pappmaché-Skelette karikiert, und Jan Delay kommentiert den Klimawandel.

Weniger bedeutungsschwanger sind die G-8-Videos der "Hedonistischen Internationalen", in denen Aktivisten die "Heiligen Lympics" zelebrieren, unter anderem in der Disziplin Tauziehen durch den Zaun. G8-TV sendet derweil eine weitere McDonalds-Reportage. Dieses Mal stürmen etwa 40 Mitglieder der "Clown Army" die Filiale, um dort ihren bösen Kollegen Ronald McDonald aufzuspüren.

Damit möglichst viele solcher PR-Bomben durchs Netz gehen, legte die Organisation Nadir eigens das "Webportal Videoaktivismus" an. Weniger technikversierte Aktivisten finden dort Tipps und Tricks zum Erstellen eines Protestfilms und erfahren, wie sie ihre Clips nach dem Dreh erfolgreich im Internet publizieren. Abrufbar ist dort beispielsweise der Artikel "Fünfundvierzig Minuten Straßenschlacht, ungeschnitten – Stichworte zur Geschichte einer linken Videoarbeit in der BRD".

Online organisierter Widerstand

Auch sonst sind die Protestierenden übers Netz gut organisiert. Eine zentrale Anlaufstelle für viele ist beispielsweise die Seite Block G8. 124 Bewegungen aller Couleur haben sich dort zusammengerauft: Umweltschützer, Kirchenverbände, Antifaschisten und radikale Linke gleichermaßen.

Globalisierungskritiker wie Attac oder die Interventionistische Linke bieten Nutzern ebenfalls das gesamte Online-Paket: Aktuelle Informationen erreichen die Widerständler per Newsletter und SMS, Petitionen werden direkt im Netz unterschrieben, Flugblätter für Demos können als PDF heruntergeladen und dann ausgedruckt werden. Auch gespendet wird ganz im neuen Tempo: per PayPal.

Die Logistik wird ebenfalls über das Netz abgewickelt. Von Bustickets über Bettenbörsen, die Fahrpläne von Sonderzügen bis zu Zeltplätzen hat sich die Bewegung online durchorganisiert. Block G8 gibt auf seiner Website sogar Empfehlungen zum Aktivisten-Kofferpacken.

Live-SMS vom Zaun

Selbst das Berliner Blog Spreeblick hat auf den G-8-Hype reagiert und hält sich auf seiner Sonderseite "Spree8" eine Art Aktivisten-Twitter. Beobachter des Gipfeltreffens sollen dort Kurzberichte per SMS oder Telefonanruf veröffentlichen. Im Gegensatz zu den Web-Auftritten der Linken will Spreeblick allerdings politisch neutral bleiben: Hetze, Aufrufe zur Gewalt und Links zu illegalen Inhalten seien gemäß Hausmitteilung zu unterlassen.

Die Einträge im Spreeblick-Ticker sind manchmal unfreiwillig komisch. Weil einige Zaungäste ihre Mitteilungen offenbar über Gratis-SMS-Portale schicken, mischen sich auf Spree8 Aktivisten-Jargon und Werbung. Zum Beispiel gestern, 18.49 Uhr: "Wann kommen endlich Gummigeschosse?", fragt da ein User.

Die automatisch generierte Werbung hinter seinem Eintrag liest sich wie eine kryptische Antwort: "By 1sms4free.com".

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