Online-Journalismus: AOL und Huffington schmieden Allianz der Billigheimer

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AOL kauft die Huffington Post - doch was steckt hinter dem Deal? Manche Beobachter sehen Potential für Synergien, viele aber reagieren mit Hohn und Spott auf den Zusammenschluss. Die Kritiker sehen eine Ära des Billig-Journalismus im Web heraufziehen.

"Huffington Post" verkündet die Fusion mit AOL: Viel Inhalt für wenig Geld Zur Großansicht

"Huffington Post" verkündet die Fusion mit AOL: Viel Inhalt für wenig Geld

Aus der Nähe betrachtet sieht AOL aus wie ein sterbendes Unternehmen. Zumindest, wenn man dem Journalisten Ken Auletta glaubt. Der berichtet in seinem jüngst erschienenen Firmenporträt im "New Yorker": 80 Prozent seines Umsatzes mache der Konzern, der einst die Amerikaner ins Netz brachte, bis heute mit überwiegend überflüssigen Abogebühren. Der "New Yorker" - das sei hier angemerkt - ist bekannt für akribische Recherche und rigorose Faktencheck-Mechanismen.

Nur zur Erinnerung: AOL war jenes Unternehmen, das durch CDs mit Aufschriften wie "50 Stunden gratis!" Bekanntheit erreichte; dessen penetranter Werbung man um die Jahrtausendwende kaum entkommen konnte. AOL verkaufte Internetzugänge über die Telefonleitung. Und genau dieses Geschäftsmodell verfolgt das Unternehmen auch heute noch. Auletta zitiert einen ungenannten ehemaligen AOL-Manager mit den Worten: "Das schmutzige kleine Geheimnis ist, dass 75 Prozent der Leute, die für AOLs Einwahl-Service bezahlen, ihn gar nicht mehr brauchen." Denn in ihren Häusern liegen längst DSL- oder Kabel-Zugänge.

Trotzdem bezahlen sie 25 Dollar im Monat für den wertlosen AOL-Zugang - aus Gewohnheit, aus Unwissenheit oder warum auch immer. Die "Columbia Journalism Review" bringt es auf den Punkt: AOL "existiert nur aufgrund der Ignoranz und Trägheit der Überreste seiner einst mächtigen Kundenbasis".

Fazit: AOL braucht dringend ein neues Geschäftsmodell.

"Der George W. Bush der Unternehmens-Merger"

Kein Wunder, dass der noch immer ziemlich neue AOL-Chef Tim Armstrong sich jetzt bemüht, sein Unternehmen radikal umzubauen. Bei Google Chart zeigen war Armstrong zuvor der gefeierte und extrem erfolgreiche oberste Anzeigenverkäufer. Nun will er AOL zu einem Medienkonzern machen. Und das, nachdem der erste Versuch dieser Art - die Verschmelzung mit dem Mediengiganten Time Warner - einst so spektakulär scheiterte. Der Deal im Jahr 2000 gilt bis heute als eine der miesesten Unternehmenshochzeiten in der Wirtschaftshistorie und bescherte allen Beteiligten gewaltige Verluste. Der britische "Guardian" ätzte: "AOL ist für Unternehmens-Merger das, was George W. Bush für die US-Außenpolitik ist." Seit 2009 gehen beide Konzerne wieder getrennte Wege.

Armstrong kauft jetzt dennoch wieder ein. Zuerst den Technik-Spielzeug-Blog Engadget und andere Blogs, später den Branchenblog TechCrunch - und nun die Huffington Post, einen der erfolgreichsten Newcomer im Online-Journalismus der vergangenen Jahre.

Die Huffington Post sollte einst eine Art linksliberales Gegengewicht zu Kolportage-Websiten wie dem rechten Drudge Report werden. Heute steht das Politische nicht mehr so sehr im Vordergrund. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte Chefredakteurin Arianna Huffington zwar kürzlich: "Wir haben pro Monat weit über 25 Millionen unterschiedliche Besucher auf unserer Seite. 20 Prozent davon interessieren sich für Politik, das ist doch viel."

Doch ihr Angebot ist heute ein wildes Sammelsurium von Blogeinträgen prominenter und weniger prominenter Gastschreiber, gelegentlich eingestreuten investigativen Geschichten, Fotostrecken und viel Link-Verwertung. Die Huffington Post hat die Methode perfektioniert, aus interessanten Artikeln irgendwo da draußen im Web ein interessantes Detail zu extrahieren, daraus einen Kurzartikel samt Link zur Originalquelle zu schmieden und das Ganze mit einer möglichst klick- und suchmaschinenoptimierten Überschrift zu versehen.

Effizienter als AOL

Der Erfolg spricht für das Konzept. Das Angebot hat, wie Huffington sagt, 25 Millionen unterschiedliche Leser im Monat. AOL hat eigenen Angaben zufolge 112 Millionen - allerdings auch 25-mal so viele bezahlte Mitarbeiter wie die Huffington Post. Die HuffPo ist also effizienter als Armstrongs Unternehmen. Entsprechend wird Arianna Huffington nun die Chefin der journalistischen Sparte von AOL.

Ein Beispiel für die Arbeitsweise: Am vergangenen Sonntag, als in den USA der Super Bowl ausgetragen wurde, war in der Huffington Post ein Text mit folgender Überschrift zu finden: "Wann fängt der Super Bowl an?" Der darunter plazierte Artikel enthielt tatsächlich die gewünschte Information, sonst eigentlich keine. Dafür aber eine Aufzählung weiterer möglicher Varianten der gleichen Suchanfrage.

So sieht Google-optimierter "Journalismus" aus, höhnten diverse US-Techblogger - prompt war der "Artikel" einer der Toptreffer bei der Suche nach der entsprechenden Frage, die zum fraglichen Zeitpunkt auf Platz eins der "Google Trends"-Liste stand.

Marshall Kirkpatrick vom Fach-Blog ReadWriteWeb formuliert es - durchaus anerkennend - so: "Huffington hat eine deutliche Fähigkeit bewiesen, im Spiel mit großen Content-Mengen für kleines Geld gewinnen zu können." Daran ändert auch die Tatsache nichts, das Huffington einige renommierte Journalisten eingekauft hat, die nun eigene Berichterstattung zum Angebot beitragen.

"Feuerwehrschlauch voller Traffic"

Medienjournalist Peter Kafka fasste das Synergie-Potential von Huffington Post und AOL bei AllThingsD (das zur "Wall Street Journal"-Gruppe gehört) so zusammen: "Beide Unternehmen versuchen zumindest, das Gleiche zu tun: Viel Web-Zeug zu einem geringen Preis herstellen und dann Anzeigen dazu verkaufen." Anthony Ha von VentureBeat zitiert ungenannte "Kritiker", die darauf hinwiesen, dass beide Unternehmen der Ruf verbinde, "keinen übermäßig guten Content zu produzieren". Bei AllThingsD wird außerdem ein anonymer AOL-Mitarbeiter zum HuffPo-Kauf mit den Worten so zitiert: "Die Vorstellung, einen Feuerwehrschlauch voller Traffic auf unsere Inhalte zu richten, ergab enormen Sinn."

An dieser Stelle liegen die Philosophien der Huffington Post und die von AOL-Chef Armstrong also gar nicht so weit auseinander. Ein interner AOL-Leitfaden, den der Tech-Blog Business Insider kürzlich veröffentlichte, macht deutlich, dass Journalismus bei AOL primär unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Für die Themenwahl empfiehlt das Papier beispielsweise vier Entscheidungskriterien: Klick-Potential, Profiterwartung, Produktionszeit und - als letzten Punkt in der Liste - "redaktionelle Integrität". An anderer Stelle ist zu lesen, dass AOL-Redakteure "beispielsweise fünf bis zehn Artikel pro Tag" produzieren sollten. Das ist nicht so extrem wie das Modell von Contentfabriken wie Demand Media, die freie Mitarbeiter für Hungerlöhne im Akkord suchmaschinenoptimierten "Content" produzieren lassen. Weit aber ist der Weg nicht mehr.

Eins steht fest: 315 Millionen Dollar für die Huffington Post, die 2010 30 Millionen Dollar umsetzte, sind ein stolzer Preis. Ob die Synergien zwischen den beiden Low-Cost-Traffic-Maschinen AOL und Huffington Post sich wirklich rechnen werden, bleibt abzuwarten. Vielleicht wird die Sache auch so ausgehen, wie Scott Rosenberg von Salon.com vermutet: "Im Jahr 2011 wird die Huffington Post für AOL die selbe Rolle spielen, die AOL damals im Jahr 2000 für Time Warner gespielt hat: Sie verkauft sich selbst am Gipfelpunkt der Marktblase, steckt einen Profit ein, den Kunden nie eingebracht hätten und lässt ein größeres, älteres Unternehmen mit allen Problemen zurück."

An der Wall Street jedenfalls scheint man das ähnlich zu sehen. Dort fiel der Kurs der AOL-Aktie am Montag, dem Tag der Verkündung dieses Deals, um gut 3,4 Prozent.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. AOL gibt es noch?
LeisureSuitLenny 08.02.2011
Erstaunlich das es die Firma immer noch gibt. Wenn Huffington CDs herstellt, dann sehe ich da auch mögliche Synergien. ;)
2. 99% des Internet sind Müll, Abfall, für Idioten gemacht ...
town621903 08.02.2011
... genauso wie "normale" Medien auch. Da spiele AOL und huffington keine besondere Rolle.
3. die Kommerzialisierung geht weiter
52m.de 08.02.2011
Es zählt nicht die Information, sondern nur wieviel man damit verdienen kann. Das Modell wird sich mehr und mehr durchsetzen. Es gibt so viele sinnlose Seiten, die nur existieren, um Werbung zu enthalten. Das wird sich zur nächsten Plage im Netz entwickeln. Und wenn das große Konzerne selbst noch anschieben, werden sich Google & Co. noch einiges bei ihren Algorithmen einfallen lassen müssen, damit inhaltsarme Seiten nicht die Seiten verdängen, die noch Informationen enthalten.
4. Die Medien haben generell
Huuhbär 08.02.2011
anscheinend eine Strukturkrise. Wer braucht eigentlich 150 Fernsehesender? Ich denke mal kein Mensch. Dreiviertel von den Medien werden in Zukunft pleitegehen. Es werden nur Medien überleben, die wirklich was zu sagen haben und Medien, die Sinn und Verstand sogar noch liefern können, werden auch nach wie vor eine wichtige Bedeutung haben auch auf dem Papier. Das ist meine bescheidene Meinung zu dem zukünftigen Geschehnissen.
5. Pfui bäh.
Wintermute 08.02.2011
Ich habe gewisse Sympathien für die linksliberalen Wurzeln der Huffington Post. Aber das hier beschriebene Content Farming, das ist einfach ekelhaft. Hier werden keine neuen Inhalte generiert, sondern nur durch "Schatten" und Variationen existierender Inhalte Fallgruben geschaffen; in der Hoffnung, dass jeder hundertste oder tausendste Leser dann doch mal auf ein Werbebanner klickt. AOL plant noch viel mehr dieser Content-Farmen, und der "Sweat Shop-Journalismus" scheint dort in der Tat die neue Unternehmensmaxime zu sein. Na gut. Die machen halt im großen das, was im ganz kleinen jüngst bei der deutschen Blogszenepassiert ist: Content als notwendiges Übel beim Kauf/Verkauf von Augäpfeln. Braucht man nicht.
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