Online-Journalismus Kevins Kriege

Die Experten sind sich sicher: Die Zeit des Audio-Video-Webs bricht an. Höchste Zeit, Inhalte zu schaffen, die das Internet gegen das Fernsehen in Stellung bringt. Yahoo setzt auf einen hauseigenen Kriegsberichterstatter. Der soll in zwölf Monaten alle Kriege dieser Welt besuchen.

Von


"Hotzone": Alle Kriege dieser Welt als Infotainment

"Hotzone": Alle Kriege dieser Welt als Infotainment

Irgendwann im März 2005 wandte sich Kevin Sites, wohletablierter Kameramann und Berichterstatter aus einer ganzen Reihe von Kriegen, mit einem ambitionierten Projektvorschlag an das Internet-Unternehmen Yahoo. Ein Jahr lang, schlug er vor, könne er bloggend, filmend, podcastend und fotografierend von den Kriegsschauplätzen der Welt berichten. Und zwar von allen, und da zählen Internationale Organisationen zurzeit 36. Drei Kriege pro Monat, sozusagen.

Bei Yahoo rannte er offene Türen ein.

Dass Kevin Sites Kriegsberichterstattungs-Webseite "Kevin Sites in the Hotzone" nun ab dem 26. September "auf Sendung" geht, heiße nicht, dass Yahoo anstrebt, "irgendeine Art von Nachrichtenorganisation" aufzubauen, sagte Lloyd Braun, Chef von Yahoos Medien-Unternehmungen, der "New York Times".

Sinn der Aktion sei es vielmehr, herausragende Inhalte für Yahoos Medienangebote über das Web zu schaffen, und da ist die "Hotzone" offenbar nur der Anfang: Auch in anderen Bereichen wie Nachrichten, Sport, Gesundheitsberichterstattung oder Entertainment sollen künftige Highlights des multimedialen Angebotes in Auftrag gegeben werden und das weitgehend bei Medienpartnern eingekaufte aktuelle Angebot mit Eigenproduktionen würzen. All das soll sich zu einem Programm summieren, das die Stärken des Webs konsequent nutzt.

Gesucht: Schicke Umfelder

Eines der Motive dafür, vermutet die "Times", sei die "wachsende Nachfrage nach Videowerbung im Internet". Die aber verlangt nach multimedial aufgebohrten Umfeldern.

Das WWW, zeichnet sich ab, ist dank Breitbandverbindungen auf dem Weg, zu einer echten TV-Konkurrenz zu werden. Und das ist keine Science Fiction: In Deutschlands 50 größten Städten sollen Telekom-Kunden schon 2007 mit bis zu 50 Mbits Geschwindigkeit durchs Web rasen - der Standard-DSL-Anschluss bringt es bis heute auf ein bis zwei Mbits. Drei Milliarden Euro will die Telekom in ihr Hochgeschwindigkeitsnetz pumpen.

50 Mbits braucht aber niemand, um Webseiten zu lesen, Bilder zu betrachten oder Word-Dokumente zu verschicken. Nur, um die Größenordnung klar zu machen: Um ein qualitativ hochwertiges Fernsehbild von A (Satellit) nach B (Empfänger) zu schicken, rechnet man heute mit circa sechs Mbits pro Programm. Sprich: In den nächsten Jahren könnte sich das WWW zu einem "Ausstrahlungsmedium" mausern, das qualitativ mit der klassischen Glotze mithält.

Das sind nicht nur interessante Nachrichten für Fernsehmacher, deren Programm womöglich bald mit dem von Free- und Pay-TV-Sendern aus Italien, Indonesien oder Idaho konkurrieren wird. Nicht minder große Unruhe dürfte diese Veränderung des Verbreitungskanals WWW auch unter den Web-aktiven Unternehmen verursachen. Denn die operieren nach wie vor in einem "Schriftmedium".

Wohl aber nicht mehr lang: Von AOL ist bekannt, dass der Großprovider für seine Abonnenten derzeit an einer TV-haften Show über das Musikbusiness bastelt. Derweil ist Rupert Murdochs News Corp. so fleißig auf Einkaufstour wie kein Medienunternehmen mehr seit der Dotcom-Krise: Allein in diesem Jahr gab Murdoch satte 1,5 Milliarden Dollar für den Aufkauf von Internet-Unternehmen aus. Auch die Filmvertriebe verschiedener Provider dürften wie Musik-Downloadshops nur Vorboten kommender Online-Mediatheken sein, die künftig gegen Pay-TV-Sender antreten werden.

Kevin Sites erster "Warblog": Der Irak-Krieg, ganz subjektiv

Kevin Sites erster "Warblog": Der Irak-Krieg, ganz subjektiv

Auch bei Yahoo hat man sich offenbar bereits Gedanken gemacht, wie sich ein Web-Angebot multimedial so aufbohren lässt, dass sich das "AV-Potential" breitbandiger Verbindungen nutzen lässt, ohne dass das Internet zur bloßen Vertriebsalternative für AV-Inhalte verkommt. Anders müssten die Angebote sein, mehr als Fernsehen oder Radio, meint Yahoo-Medien-Manager Brown. Bewegt, voller Sound, aber auch weiter "klickbar" und "webbig".

Die "Hotzone" deutet an, wie das aussehen könnte: stressig für Mr. Sites.

Der Reporter als Ein-Mann-Medium

Einen Artikel mit 600 bis 800 Wörtern soll Sites täglich liefern, dazu eine "Diashow" mit fünf bis zehn exklusiven Bildern. Das Audioblog gehört natürlich auch dazu, und als Sahnehäubchen Film-Schnappschüsse und -eindrücke, die das wahre Mittendrin-Gefühl vermitteln sollen. Einmal wöchentlich gibt es dazu dann noch einen redaktionell bearbeiteten Feature-Beitrag in Filmform. Zu Sites kommunikativen Pflichten gehören dann noch die Pflege des Tätigkeits-Tagebuches, Beiträge im - so hofft Yahoo - lebendigen Forum der Webseite sowie gelegentliche Chats mit den Nutzern. Langeweile dürfte da wohl kaum aufkommen, weder bei Mr. Sites noch bei seinen Lesern-Hörern-Zuschauern.

Dass er das alles weitgehend allein stemmen will und kann, erscheint erst einmal schwer zu glauben. Unmöglich ist es aber nicht, denn dass die Aufbereitung der Inhalte weniger professionell geschehen wird als bei etablierten Medien üblich, ist Teil des Konzeptes.

Kevin Sites selbst verspricht seinen künftigen Web-Besuchern eine journalistisch geprägte Seite, die versuchen werde, "Dinge, die man im Internet nicht oft sieht, in verantwortungsbewusster Weise" zu tun. Zugleich aber wolle er "transparent, verletzlich und einfühlsam" bleiben. Sites übersetzt das so: Er werde seinen Nutzern stets klar machen, was er gerade macht und wie. Er sei sich seiner "Verletzlichkeit" als Mensch bewusst und also auch darüber, dass er Fehler machen werde. Sensibel wolle er mit den berichteten Menschen umgehen, sie respektieren.

Kurzum: Er verspricht den subjektiven Blick eines um Integrität bemühten, wahrscheinlich permanent überbeschäftigten Profis.

Das ist Trend im Web, Blogger-Kultur und gilt vielen mit allen Vor- und Nachteilen als vielleicht wichtigstes Input in einen neuen Journalismus.

Vielleicht kommen Sites und Yahoo damit zur richtigen Zeit. Überall in der westlichen Welt weisen die Internet-Nutzerstudien aus, dass irgendwann rund ums 14. Lebensjahr aus kleinen Fernsehzuschauern nicht mehr ganz so kleine Web-Nutzer werden - in der so heiß beworbenen pubertierenden Zielgruppe ist das Internet längst Medium Nummer eins.

Diese Web-affine Zielgruppe wird sich mit einem Internet als Alternativ-Fernsehen kaum anfreunden, vielleicht aber die interaktivierte multimediale Blog-Form genießen. Lloyd Brown jedenfalls hofft darauf, mit seiner Kriegs-Webseite "viele neue Nutzer" zu gewinnen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.