Online-Lexikon Wikipedia geht in Druck

Die englischsprachige Wikipedia-Version könnte bald auch gedruckt erscheinen. Laut Gründer Jimmy Wales soll das im Web gesammelte Wissen so Menschen ohne Internetverbindung erreichen. Das erste deutsche Wikipedia-Buch kommt noch im November auf den Markt.


Papier ist nicht unbedingt das Medium der Wahl für die Autoren von Wikipedia. Es ist schlicht zu unflexibel. Zu den Stärken der Online-Enzyklopädie gehört unbestritten, dass sie blitzschnell aktualisiert werden kann. Beispiel Franz Müntefering: Am Montag um 15.06 Uhr meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass der SPD-Politiker nach einer Abstimmungsniederlage im Vorstand nicht mehr für das Amt des Parteivorsitzenden kandidieren will. Andere Agenturen bestätigten dies wenige Minuten später, um 15.26 Uhr war die Nachricht bereits in den Wikipedia-Artikel über Müntefering eingearbeitet.

Jimmy Wales: "Wissen hinaus in die Welt tragen"
DDP

Jimmy Wales: "Wissen hinaus in die Welt tragen"

Trotz der bekannten Vorteile des Webs liebäugelt Jimmy Wales, der Gründer des Projekts, mit einer gedruckten Version von Wikipedia für den englischen Sprachraum: "Ich habe die Idee einer Buchausgabe immer gut gefunden, weil eines der Dinge, die uns ausmachen, das Ziel ist, Wissen hinaus in die Welt zu tragen und nicht nur zu denen, die einen Breitbandanschluss haben."

Offenbar gehen die Pläne jedoch über eine Ausgabe für Entwicklungsländer hinaus. "Wir reden mit verschiedenen Agenten und Verlegern darüber, was sie interessieren könnte", sagte Wales der Nachrichtenagentur Reuters. Er nannte die Themen Gesundheit, Football, Geschichte des zweiten Weltkriegs und Rock'n Roll, zu denen Wikipedia-Artikel zusammengestellt werden könnten.

Deutschland ist weiter

Zudem sei es denkbar, Inhalte der Enzyklopädie als Ausgabe auf CD und DVD zu brennen, so dass Computerbesitzer in Afrika ohne Internetzugang offline darauf zugreifen können.

Wikipedia-Buch: Erscheint im November inklusive DVD

Wikipedia-Buch: Erscheint im November inklusive DVD

Was Wales für den englischen Sprachraum anvisiert, ist in Deutschland längst Realität. Die erste Wikimedia-CD der Welt wurde im Oktober 2004 vom Verlag Directmedia Publishing aus Berlin herausgebracht; im April 2005 folgte die erste DVD. Noch im November will der Verlag das erste Taschenbuch der Reihe "Wikipress" publizieren: In "Wikipedia - Das Buch" wird die Geschichte des Projekts erzählt; Einsteiger erhalten eine Anleitung zur Mitarbeit am Lexikon.

Im Dezember sollen laut Verlagssprecherin Gertraud Götz vier weitere Bände der Wikipress-Reihe folgen, darunter ein Buch über HipHop und eins über Friedensnobelpreisträger. Die Titel werden für höchstens 9,90 Euro verkauft. Dem ersten Band "Wikipedia - Das Buch" wird die aktuelle DVD-Version der Online-Enzyklopädie beiliegen.

Artikel gehen mit Verzögerung live

Nach Angaben des Wikipedia-Gründers Wales haben bisher weltweit 350.000 Freiwillige an dem Projekt mitgearbeitet. Der Großteil der Arbeit werde jedoch von einem harten Kern von 2000 Leuten erledigt, die das Rückgrat der Community bildeten.

Wales erklärte, es sei nicht geplant, Artikel "einzufrieren", um so Vandalismus zu verhindern. Die Wiki-Technik erlaubt es jedem Surfer, Inhalte von Artikeln zu verändern - auch ohne vorherige Registrierung. Dieses Prinzip weckt immer wieder Zweifel an der Zuverlässigkeit von Wikipedia. In der Praxis werden böswillige Veränderungen jedoch in der Regel binnen weniger Minuten erkannt und rückgängig gemacht.

Eine Software-Änderung zum Jahresende soll Vandalismus jedoch erschweren. Dann wird es nach Wales Angaben grundsätzlich möglich sein, dass Änderungen an besonders kontrovers diskutierten Artikeln erst mit einer gewissen Verzögerung online gehen. Dies werde es Wikipedia-Mitarbeitern ermöglichen, die Texte vorab zu prüfen, erklärte Wales.

Holger Dambeck

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