Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Online-Medien: "Washington Post" lässt Leser Nachrichten remixen

Ein ungewöhnliches Online-Projekt hat die Redaktion von "Washingtonpost.com" ins Leben gerufen. Leser können die Überschriften von Nachrichten und Storys von der Webseite nehmen und "remixen" - also in eigene Angebote integrieren und anders verwenden.

Frank Wiles beispielsweise verwandelt die Schlagzeilen des Onlineangebotes der "Washington Post" in eine "Nachrichtenwolke". "News Cloud" ist eine Umgruppierung der Texte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der Seite der Zeitung stehen, geordnet nach Schlagworten. Die Häufigkeit bestimmter Begriffe schlägt sich in der Schriftgröße nieder, in der die Stichwörter in der Nachrichtenwolke auftauchen.

Screenshot "News Cloud": Schlagwortwolke aus Schlagzeilen

Screenshot "News Cloud": Schlagwortwolke aus Schlagzeilen

Möglich werden die Zeitungs-Neumischungen durch das Format RSS ("really simple syndication"), das es möglich macht, die aktuellen Schlagzeilen von Nachrichtenseiten als unabhängigen Datenstrom zu abonnieren. Manche Webbrowser oder spezielle RSS-Reader-Programme zeigen die jeweils neuesten Überschriften nach ihrem Erscheinen direkt an, mit einem Klick kommt man von dort weiter zum gewünschten Artikel - eine Art Nachrichtenticker, den man selbst konfigurieren kann. Auch SPIEGEL ONLINE bietet übrigens seit einiger Zeit ein solches "RSS-Feed" an.

Die Zeilen und Schlagworte, die das RSS-Feed von Washingtonpost.com auswirft, werden in dem neuen Projekt nun zum Werkstoff für kreative Webdesigner und Blogger. Jacob Kaplan-Moss beispielsweise gestaltete "Ripped from the Headlines!", ein Quiz, bei dem der eifrige Leser des Blattes testen kann, wie gut er aufgepasst hat: Aus den Überschriften einzelner Ressorts macht Kaplan-Moss einen Lückentext, der mit Versatzstücken in Aufklapp-Fenstern aufgefüllt werden muss.

Adam du Vander gestaltete mit ein bisschen Hilfe von Google eine Weltkarte, auf der die Anzahl der eine Region betreffenden Geschichten farblich dargestellt ist. Grüne Balken zeigen niedrige Nachrichten-Aktivität, rote Balken hohe. Demnach liegt der Brennpunkt der Berichterstattung der "Washington Post" derzeit im nahen Osten: Diese Weltgegend betreffen fast 90 Geschichten, gefolgt von Asien (29) und Europa (19). Wenn du Vanders Aufstellung stimmt, sind die USA selbst derzeit abgschlagen, was das Interesse eines ihrer berühmtesten Blätter angeht: Nur zwei Überschriften zum Thema Nordamerika findet die "World News Map".

Für die Zeitung ist das Remix-Projekt, das sie selbst auch liebevoll "Mashingtonpost" (von "to mash" = vermanschen) nennt, einerseits eine Möglichkeit, mit ihren aktivsten Lesern in Kontakt zu kommen. Andererseits lassen sich so auf simple und kostenfreie Weise Ideen darüber sammeln, wie man Nachrichten online noch präsentieren könnte. Mit einem anderen Versuch, Leser einzubeziehen, war die "Los Angeles Times" vor einigen Monaten kläglich gescheitert: Leser, die ein Editorial im Netz frei bearbeiten konnten, überfluteten das Textfenster mit Flüchen und sogar obszönen Bildern. Bei der "Washington Post" hat man wohl aus den Fehlern der Kollegen gelernt: In die Inhalte eingreifen dürfen sie nicht.

Natürlich will die Zeitung ihre wertvollen Geschichten nicht einfach hergeben - die eingebundenen Überschriften selbst führen im Endeffekt immer wieder zurück auf die Seiten der "Washington Post". In den Geschäftsbedingungen zum Projekt wird betont, dass die Urheberrechte für die Überschriften bei der Zeitung bleiben, und dass die Bemühungen "für persönlichen, nicht für kommerziellen Gebrauch" bestimmt sein müssen. Außerdem weist Executive Editor Jim Brady darauf hin, dass Washingtonpost.com die Ideen der Leser "in künftige Projekte einbeziehen könnte". Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: