Online Publishing "Times" verliert nur 40 Prozent ihrer Leser

Was in anderen Verlagen eine Katastrophe wäre, dürfte bei der britischen Tageszeitung "Times" als Hoffnungszeichen verbucht werden: Eineinhalb Monate nach der Umstellung auf kostenpflichtigen Web-Zugang hat die "Times" weniger Leser verloren als befürchtet. Geht Murdochs Kalkül auf?

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Rupert Murdoch: Lieber weniger Leser, aber zahlende
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Rupert Murdoch: Lieber weniger Leser, aber zahlende


Im Vorfeld hatten Skeptiker damit gerechnet, dass "The Times" 80, nach hausinternen Schätzungen vielleicht sogar 90 Prozent ihrer Leser verlieren könnte: Der totale Kollaps der Leserzahlen blieb jedoch aus, wenn man Statistiken der Marktforschungsunternehmen ComScore und Alexa folgt. Demnach brach die Leserzahl wie Nutzung der "Times"-Seiten zwar massiv ein, aber weit weniger als vorab befürchtet.

Seit dem 15. Juni musste man sich registrieren, um Zugang zu der Zeitungs-Seite zu bekommen, seit dem 2. Juli zudem auch noch zahlen. Und zwar prinzipiell nicht wenig. Rupert Murdochs Plan sieht vor, den Werbe-Umsatzverlust durch Reichweitenschwund durch spürbare Gebühren auszugleichen: Mittelfristig soll man ein ganzes Pfund pro Tag bezahlen oder zwei Pfund für eine Woche. Noch allerdings traut sich "The Times" nicht so richtig, gewährt einen Vollzugang für den Schnupperpreis von einem Pfund im Monat.

Der erste Zahlmonat ist nun gelaufen, die Statistiker stürzen sich auf die ersten Resultate. Die sehen besser aus, als ursprünglich befürchtet: Zumindest das verbilligte Einführungsangebot nahmen scheinbar rund 60 Prozent der Leser (in den Statistiken als Unique Visitors geführt) an. Irritierend an den jetzt vorgelegten Statistiken des Marktforschungsunternehmens Comscore ist nur, dass diese Leser, die ja bereits für ihren Zugang bezahlt haben, dort weniger Seiten aufrufen als je zuvor (Pageviews-Rückgang von Mai bis Juli: Von 29 Millionen auf 20 Millionen auf aktuell 9 Millionen).

Der Effekt ist allein schon durch die "Abpraller", die nur bis zur Eingangsseite kommen, dort die Pay-Wall wahrnehmen und einfach wieder abdrehen, leicht zu erklären. Signifikanter ist, dass die verbliebenen Nutzer auf der Webseite weniger Zeit verbringen, wie ComScore behauptet: So soll die durchschnittliche Nutzungszeit in drei Monaten von 7,6 auf vier Minuten gefallen sein. Das wäre wohl kaum ein Zeichen von Zufriedenheit mit dem, was sie dort offeriert bekommen.

Auf der anderen Seite ist die Nutzung der "Times"-Webseiten seit dem 2. Juli zwar rückläufig, aber nur leicht: Die meisten der Leser, die die Umstellung auf das Pay-Modell Anfang Juli mitgemacht haben, sind auch jetzt noch dabei. Schaut man nur auf den heißen Sommermonat, hätten andere britische Newsseiten im gleichen Zeitraum sogar mehr Leser verloren - wenn die Sonne brennt, sitzt der gemeine Onlineleser halt lieber am Strand oder im Park als im Büro vor dem Rechner. Die Comscore-Zahlen korrelieren mit denen der Internet-Statistiker von Alexa, die über einen Zeitraum von drei Monaten einen Nutzungsrückgang von 44 Prozent ausmachen, das Gros davon im Juli.

Je nachdem, wie man die Sache sieht, ist all das noch ziemlich positiv. Murdoch lässt derweil in den USA bereits den nächsten Versuchsballon steigen: Seine News Corp. arbeitet an einer rein elektronischen, kostenpflichtigen Zeitung für iPad und Co. Klingt wie eine Schnapsidee, andererseits sind iPad-Nutzer augenscheinlich erheblich zahlungsbereiter als der gemeine PC-Nutzer.

News Corp ist nicht allein

So bleiben Abo-Gebühren, als Modell längst nicht mehr nur von Murdochs News Corp. getrieben, weiter im Trend: Am Dienstag verschwand in den USA die Regionalzeitung "The Telegram & Gazette" aus Worcester, Massachusetts ebenfalls hinter einer Maut-Wand (ein Dollar am Tag, 14,95 Dollar im Monat, Print-Abonnenten haben kostenlosen Zugang). Auch das kann man als Versuchsballon werten, denn die "Gazette" wird Anfang nächsten Jahres das Mautmodell für die "New York Times" implementieren - wer wissen will, wie das aussehen wird, kann sich das nun also vorab ansehen.

Jetzt schielt eine ganze Branche auf die Resultate, die die Branchenriesen News Corp. und "New York Times" mit ihren halb mutigen, halb verzweifelten Schritten Richtung Maut-Kultur erzielen werden. Online Publishing scheint durch Werbung allein nicht zu refinanzieren zu sein, zumal auf Seiten vieler Leser selbst die Bereitschaft, sich Werbung auch nur anzusehen, zu sinken scheint.

Erschwerend kommt vor allem in den USA hinzu, dass das Renommee vieler Medien im Sinkflug ist. Ganz besonders entwertet ist einer aktuellen Gallup-Studie zufolge dabei das Produkt Tageszeitung: Ihr vertrauen immer weniger Leser, wenn man sie nach einer Qualitätseinschätzung von Nachrichten fragt. Knapp 25 Prozent aller Amerikaner halten Zeitungen noch für vertrauenswürdige Nachrichtenquellen, nur noch leicht mieser schneiden da noch die TV-Nachrichten mit 22 Prozent ab. Gallup zieht daraus genau die richtigen Schlüsse: In einer Zeit, in der Konsumenten immer skeptischer auf ein Produkt sehen, dürfte es schwer werden, sie dafür zur Kasse zu bitten.



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Hercules Rockefeller, 17.08.2010
1. Bischen früh
Also wenn so schnell schon annähernd die Hälfte der Kunden weg ist, dann kann man optimistisch gerechnet nochmal ein Drittel abziehen, dass aus Neugierde ein Abo geschlossen oder einen Zugang bezahlt hat. Ich wette, nach einem Jahr haben die allerhöchstens ein Drittel der Leser halten können, wahrscheinlicher sind 3-8%.
albert schulz 17.08.2010
2. reine Werbung
Zitat von Hercules RockefellerAlso wenn so schnell schon annähernd die Hälfte der Kunden weg ist, dann kann man optimistisch gerechnet nochmal ein Drittel abziehen, dass aus Neugierde ein Abo geschlossen oder einen Zugang bezahlt hat. Ich wette, nach einem Jahr haben die allerhöchstens ein Drittel der Leser halten können, wahrscheinlicher sind 3-8%.
Absolut nachvollziehbar. Bei Foren mit "Goldmitgliedschaft" liegen die Prozente der Zahler ähnlich, nämlich um 5 %. Die Leute wollen lesen, aber nicht zahlen, und da man allüberall umsonst lesen kann, müßte hier eine besondere Leistung erbracht werden, relativ unwahrscheinlich. Außerdem werden Vielleser geübt. Sie lesen eben lieber einen kurzen präzisen Text. Leute mit einer Vorliebe für viele Buchstaben trifft man insbesondere in schlechten Ehen oder eben bei leitenden Angestellten, die Däumchen drehen. Die Meldung als solche ist allerdings kaum verständlich, in sich logisch natürlich auch nicht. Dürfte wohl mal wieder Werbung im redaktionellen Teil sein. Gäbe es dafür Preise, bekäme alle der Spiegel.
spon-1178394816883 17.08.2010
3. Abpraller und eindeutige Besucher
Zitat von sysopWas in anderen Verlagen eine Katastrophe wäre, dürfte bei der britischen Tageszeitung "Times" als Hoffnungszeichen verbucht werden: Eineinhalb Monate nach der Umstellung auf kostenpflichtigen Web-Zugang hat die "Times" weniger Leser verloren als befürchtet. Geht Murdochs Kalkül auf? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,712196,00.html
Sicher, dass die "Abpraller" nicht zu den Unique Visitors gehören? Das würde zu Verweildauer und Pageviews passen und die Sicht der Pay-Skeptiker stärken. Schlimmer noch: Man kann unterstellen, dass die zahlenden Nutzer Intensiv-Nutzer sind und damit erstens überdurchschnittlich viele Seiten aufrufen und zweitens überdurchschnittlich lang auf der Site bleiben. Das wiederum hieße, dass die Zahl der Besucher noch dramatischer zurückgegangen ist, als die Pageimpressions dies vermuten ließen. Und dann wäre man wieder bei 80 bis 90 Prozent Leserschwund. Für wirkliche Klarheit könnte nur die Times sorgen.
kiwikawa 17.08.2010
4. Ich würde zahlen
Ich finde es vernünftig, denn für die Papierausgabe zahle ich ja auch etwas. Niemand schreibt die Artikel umsonst. Unsbhängiger Jounalismus ist nicht geschenkt. Soll die Industrie allein mit ihrer Werbung (die ich Dank Adblocker nicht sehe) die Verlage speisen? Allerdings muss der Preis auch fair sein und nicht in Höhe der Printausgabe, schließlich ist der Vertrieb ja günstiger. 10 - 15 Euro im Monat erschiene mir bei Spiegel Online durchaus ok. Außerdem würde sich das Niveau des Forums sicher auch erhöhen, da bin ich sicher. Ständig diese primitiven Nörgler und Pöbler.
D0nJuAn 17.08.2010
5. !
Vor ein paar Jahren hätte ich das noch nicht gesagt, abern achdem ich gesehen hab wie manche zeitungen auf kindl ipad und co aussehen, würde ich auch zahlen. Der hauptgrund warum ich bis dato dafür nicht zahöen wollte war die fehlende Mobilität des Mediums Internet, sowie die einfache Handhabung einer zeitung. Alles schön geordnet einfach zur Hand zu haben ar für mich immer ein Argument für das papier. Mittlerweile ist enorm viel passiert.
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