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Online Publishing: Wie die "New York Times" im Netz überleben will

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Die "New York Times" setzte mit ihrer Web-Ausgabe jahrelang Trends und Standards. Um mehr Leser im Netz zu erreichen, will die renommierte Zeitung radikal neue Wege gehen. Im Online Publishing könnte schon bald nichts mehr sein wie es vorher war.

Das größte Dilemma des Online Publishing kann man mit einem Wort beschreiben: Masse.

Es gibt massenhaft Raum im Web. Anders als die Print-Presse muss sich der Online-Journalismus nicht beschränken, wenn er das nicht will. Er darf sich jedoch ohnehin nur in Maßen beschränken, denn es gibt so massenhaft Themen wie unterschiedliche Leserinteressen, die bedient werden wollen. Werden diese Interessen nicht bedient, wird also auf thematische Bandbreite verzichtet, erreicht man die Masse nicht, die notwendig ist, um für die Werbewirtschaft interessant zu sein. Scheitert das Vorhaben, droht die Gefahr, online massenhaft Geld zu verbrennen - denn zahlen will der Leser für die Inhalte auch nicht. Das alles stellt die Online-Medienmacher vor allem vor ein Präsentationsproblem. Nachrichten-Web-Seiten wirken oft entweder mit Inhalten überladen oder aber optisch schick, jedoch inhaltlich ärmlich. Der Hauptgrund dafür: Sie sind hierarchisch strukturiert. Der Leser weiß, dass das vermeintlich Wichtigste oben steht - die sogenannten Aufmacher generieren daher das Gros der Seitenaufrufe.

Die Aufmacher aber können für einen Leser mit spezifischen Interessen völlig irrelevant sein. Doch die für ihn persönlich wichtigen Nachrichten entdeckt er vielleicht gar nicht mehr - sie sind am unteren Ende der Web-Seite versteckt. Das ist, als würde sich der Leser nicht "horizontal" blätternd durch eine Zeitung oder ein Magazin bewegen, um Wirtschaft, Kultur oder Sport aufzuschlagen, sondern bekäme sein Druckwerk auf einer Rolle von mehreren Metern Länge geliefert.

Wie weit würden Sie diese Rolle abwickeln? Und mehr noch: Wie oft würden Sie gezielt das Ressort auf Höhe 2,85 Meter ansteuern?

Es gibt keinen Online-Journalisten, keinen Internet-Medienmacher, der dieses Problem nicht gern lösen würde. Zu den Standards des Webs gehören Navigationselemente, die hier Abkürzungen bieten sollen, eine Quernavigation ermöglichen. Sie funktionieren in Maßen - egal, ob als Navigationsblöcke am Seitenrand oder als Zeilen am Seitenkopf. Nutzen Sie so etwas? Wahrscheinlich kaum.

Tatsache ist, dass es derzeit keinem professionellen Nachrichtenangebot gelingt, dem Leser die Fülle seiner Inhalte effektiv zu erschließen.

Eine Lösung wäre eine weitgehende Personalisierung, die aber erhebliche Nachteile mit sich bringt. Als ideal gilt ein Ein-Blick-Bildschirm, bei dem man überhaupt nicht mehr scrollen und die Maus nicht mehr in die Hand nehmen muss. Doch dies scheitert an der Masse der Inhalte. Bewährt haben sich Methoden, die Leser an anderen Orten "abzuholen", mit Informationen zu beliefern.

Die " New York Times" feilt an einem Methodenbündel, das all diese Ansätze bedient und bis zum Extrem treibt. Mittelfristig ist in ihrer Strategie die News-Web-Seite nur noch eine von vielen Schnittstellen hin zu den Informationen der "New York Times". Aus der erfolgreichsten Zeitungs-Web-Seite der Welt soll eine flexible Plattform für digitale Informationen werden: Eine API- und News-Gadget-Börse mit zentralem Leseraum.

Erstes Beispiel: Skimmer - RSS war gestern

Seit einigen Tagen zeigt die "New York Times" den Prototyp eines neuen News-Seiten-Typs im Netz: Die Seite hat fast tabellarischen Charakter und ist für eine blätternde Nutzung optimiert. Für diese "Skimmer" genannte Seite (siehe Bildergalerie) ist noch nicht einmal mehr eine Maus notwendig, weil sich alles per Tastatur erschließen lässt - ideal für kleine, mobile Geräte vom Handy über das Netbook bis zum Kindle-haften E-Reader.

Sie verzichtet auf optische Opulenz, multimediale Inhalte, eine lockere, lichte Seitengestaltung und vieles mehr, was derzeit Trend ist im Online Publishing. Sie scheint sogar ohne Räume für die überlebenswichtige Werbung auskommen zu wollen. Was soll das?

Der "New York Times" geht es um neue, genauer um alternative Wege, sich mehr Leser zuzuführen. Tatsächlich präsentiert die "Times" mit ihrem Skimmer nicht weniger, sondern mehr Inhalte auf ihrer ersten Ebene: Als würde man blättern, kann man hier zwischen 15 Ressortseiten, der Homepage und der Empfehlungsliste hin- und herschalten. Der Skimmer-Seite gelingt es so, höchst übersichtlich und optisch gleichgewichtet rund 190 Themen zu präsentieren.

Sie mag nicht schön sein, ist in dieser Hinsicht aber ungewöhnlich effektiv. Und sie ist nicht mehr als die aufwendige Visualisierung der RSS-Feeds der "Times".

So präsentiert sie die Top-Artikel der Ressorts und Themenbereiche des Angebots. Tiefe fehlt ihr dagegen völlig: Sie ist also kaum als Ersatz für eine Nachrichten-Homepage zu sehen, sondern als Ergänzung. Wie ein RSS-Feed oder ein Newsletter soll sie den Leser mit lockenden Schlagzeilen ins Angebot lotsen. Genau das ist Sinn aller Instrumente, die die "Times" am Freitag auf ihrem ersten, selbst veranstalteten API-Kongress vorstellen wird.

Die API: Löse Dich auf und fließe überall hin

Für die Strategie der "Times" ist API ein magisches Kürzel: Es steht für Application Programming Interface, also etwa Schnittstelle zur Programmierung von Anwendungen. APIs sind die Brücken und Zugänge ins Reich der eigenen Datenschätze: Macht man APIs öffentlich, eröffnet man anderen die Möglichkeit, Ressourcen zu nutzen, neu zu arrangieren und außerhalb des eigenen Angebotes anzubieten.

Im Klartext: APIs sind ein Weg, potentielle Leser zu erreichen, ohne dass sie die eigene Homepage besuchen müssen. Das ist das erklärte Ziel der "Times", die nun mächtig forcierte Strategie: Verschenke deine Inhalte an jeden, lass sie andere hinaustragen zu Facebook, MySpace, auf andere Homepages, in Google-Earth-Mashups und wo auch immer sich sonst noch Menschen tummeln mögen, die die "New York Times" bisher noch gar nicht für sich entdeckt haben. Mit der Veröffentlichung des Internet Explorer 8 kommen die "Slices" hinzu: Aufklappfensterchen, die man in den Browser integrieren kann, die wie die Skimmer-Seite ausgewählte RSS-Feeds mit ihren Schlagzeilen, Bildern und Anlauftexten visualisieren. Ein Fensterchen also zur "New York Times", das man zwischendurch immer wieder einmal öffnen kann, ohne zur "Times"-Seite wechseln zu müssen.

Das alles ist ein Remix-Prozess, wenn man so will, der Nutzer die Inhalte immer neu arrangieren lässt. Auch die "Times" selbst macht da mit und beginnt damit, sich Facetten des "Social Web" auf die eigene Seite zu holen. Seit einigen Tagen können sich die virtuellen Abonnenten der "Times" zu Mitgliedern einer Community umdefinieren und in einem Interessenkreis der News-Interessierten gegenseitig Lesetipps geben. Prominent am Kopf der News-Seite erscheinen ihre twitterhaft kurzen Botschaften und Empfehlungen - die jeweilige Community liefert so ein Kontrastprogramm zur Nachrichtenauswahl der Redaktion.

Kann das alles funktionieren?

Aber natürlich. Zu den ersten veröffentlichten APIs und anderen Tools gehörten Schnittstellen, die eine Suchmaske für Filmrezensionen möglich machen, eine Suchmaske für das üppige Archiv, eine ganze Reihe an Community-Tools für die Kommunikation der Leser untereinander und ein Baukasten, um Infografiken aus Informationen von der Seite zu generieren. Das alles zum Mitnehmen, versteht sich: Man darf nicht nur, man soll das alles auf eigenen Web- und Profilseiten einbauen. Zu den Beispielapplikationen gehören Widgets, die man in seine Googlemail-Seite integrieren kann, um immer auf dem Laufenden zu sein, was die lieben "Times"-Community-Kumpel gerade lesen und diskutieren.

Jeder Klick in einen Inhalt hinein aber führt wieder zu einer aufbereiteten Seite, die werblich refinanziert wird. Das macht die Tools und APIs zu einer Art Angel, um Leser aus dem Netz zu fischen, bietet ihnen aber auch nützliche Spielzeuge und Anwendungen. Entwickelt werden sollen die von anderen - von Lesern, Entwicklern, Content- und Marketingpartnern.

Das ist wie bei Google und dem Android-Konzept: Zeitung Open Source. Am Freitag beginnt in New York das erste große offene Brainstorming. Man wird überall sehen, was es bringt.

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Forum - Online Publishing - reicht die Webseite nicht mehr?
insgesamt 8 Beiträge
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1. ...
Nov 20.02.2009
Zitat von sysopDie "New York Times" forciert die Entwicklung von Schnittstellen für das Social Web, will zum Lieferanten für Informationen werden, die man überall lesen kann. Zukunfts- oder Holzweg?
Technisch gesehen Zukunftsweg, es passt zum Social-Web-Zeitgeist. Die Skimmer-Idee ist auch ziemlich clever, weil der Anteil des mobilen Internets an der Gesamtnutzung des Netzes auch immer mehr zunehmen wird. Den am Anfang des Artikels dargestellten Problemen beim grundlegenden Aufbau von Online-Seiten kann ich nicht zustimmen. Mit der Navigation auf Spiegel Online hatte ich z.B. niemals Probleme und warum das horizontale "blättern" besser sein soll als das vertikale "abrollen", kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. SpOn macht diesbezüglich nicht alles richtig. Was mich dagegen bei nytimes.com immer gestört hat, war dass es in deren Artikel-Rankings zwar einen "most emailed" und einen "most blogged" Reiter, aber keinen "most viewed" Reiter gibt. Klingt trivial, aber ich schätze mindestens 80% der Leser einer Online-Seite orientieren sich an solche Statistiken. Trotz aller toller neuen Ideen sollte man solche Kleinigkeiten nicht aus den Augen verlieren.
2. Chancen
Eiermann 21.02.2009
Die stärkere Integration von Onlinemedien ins gesamte Internet, insbesondere in Web-2.0- oder Business-Anwendungen ist nicht nur ein Muß (weil irgendwer irgendwann damit wegen folgendem anfängt), sondern auch große Chance. Wozu solche Sparten dann natürlich viel stärker als bisher voneinander abgegrenzt werden müssten, um sie miteinander verbinden zu können. Onlinemedien haben sicher nicht nur hinsichtlich der Struktur einzelner Artikel, sondern auch in ihrer Gesamtstruktur weiteren, wahrscheinlich noch recht lange währenden Entwicklungs- und Optimierungsbedarf. So könnten Onlinemedien auch *technisch* (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3386122&postcount=136) von der Kooperation und Verbindung mit Web-2.0-Anwendungen profitieren, etwa bei Managementtools für Onlinenews. Möglichkeiten zur Ablage von Artikellinks in der Art der Playlists bei Youtube könnte ich mir auch sehr gut bei Onlinenews vorstellen. Damit könnte man Onlineartikel dann schon ganz gut nach Tagespriourität und längerfristig nach Themen ordnen. Im Moment werden Leser mit Massen von Informationen bombardiert, ohne dass sie nach meinem Kenntnisstand kaum angemessene technische Möglichkeiten haben, sie zu bewältigen. Den NYT-Skinner-Prototypen finde ich zwar von der Stuktur leidlich überlegenswert, grafisch-optisch aber eher abturnend. Mulimediale Onlinenews möchten auch schon was fürs Auge sein.
3. Information und Kommunikation
Eiermann 21.02.2009
Noch ein weiterer Aspekt im Verhältnis von Onlinemedien und Web 2.0: Wenn sich der Onlinejournalismus nicht schneller an die Anforderungen des Internets hinsichtlich stärkerer Verkürzung, Zuspitzung und Struktuierung anpasst, könnte er von eben diesem Web 2.0 bald ähnlich weggespült, mindestens in Bedrängnis gebracht werden wie heute schon die traditionellen Medien Fernsehen, Rundfunk und Printmedien durch das Internet. Onlinemedien sind ebenfalls noch zu sehr in traditionellen Formen verhaftet, das könnte sich ebenfalls rächen. Das Bedürfnis nach Kommunikation ist mindestens ebenso groß wie das nach Information, wenn nicht sogar größer. Wer sich im Infobereich nicht selbst beschränkt und auf das Wichtige konzentriert, zuwenig Prioritäten, Strukturen und sogenannte Leitplanken setzt, wird mangels Struktur und Lesbarkeit der Tagesübersichten und Buchstabenmassen zusehends weniger gelesen werden.
4. Re: Traditionelle Formen
eboadam 22.02.2009
Zitat von EiermannNoch ein weiterer Aspekt im Verhältnis von Onlinemedien und Web 2.0: Wenn sich der Onlinejournalismus nicht schneller an die Anforderungen des Internets hinsichtlich stärkerer Verkürzung, Zuspitzung und Struktuierung anpasst, könnte er von eben diesem Web 2.0 bald ähnlich weggespült, mindestens in Bedrängnis gebracht werden wie heute schon die traditionellen Medien Fernsehen, Rundfunk und Printmedien durch das Internet. Onlinemedien sind ebenfalls noch zu sehr in traditionellen Formen verhaftet, das könnte sich ebenfalls rächen. Das Bedürfnis nach Kommunikation ist mindestens ebenso groß wie das nach Information, wenn nicht sogar größer. Wer sich im Infobereich nicht selbst beschränkt und auf das Wichtige konzentriert, zuwenig Prioritäten, Strukturen und sogenannte Leitplanken setzt, wird mangels Struktur und Lesbarkeit der Tagesübersichten und Buchstabenmassen zusehends weniger gelesen werden.
Ich werd jetzt mal polemisch: Verkuerzung, Zuspitzung a la Twitter ist doch hoffentlich nicht gemeint? Und mir draengt sich das Gefuehl auf, dass 90% der "Kommunikation" im Internet aus Banalitaeten in Social Networks wie Facebook oder Videoplattformen wie YouTube bestehen. Im Ernst: Ich bin heilfroh darueber, dass im Online-Journalismus "traditionelle Formen" noch nicht ausgestorben sind. Ich lebe im Ausland (sieht man ja an den fehlenden Umlauten), und wenn es nicht die Online-Angebote gaebe von Spiegel, Tagesspiegel, Sueddeutscher und wie sie alle heissen, dann stuende ich ziemlich dumm im Walde. Und mein "Kommunikationsbeduerfnis" erschoepft sich in Foren wie diesem, und ab und zu mal 'ne EMail (aber die laeuft ja nicht ueber SPon ;-)
5.
Rainer Eichberg 22.02.2009
Zitat von eboadamIch werd jetzt mal polemisch: Verkuerzung, Zuspitzung a la Twitter ist doch hoffentlich nicht gemeint? Und mir draengt sich das Gefuehl auf, dass 90% der "Kommunikation" im Internet aus Banalitaeten in Social Networks wie Facebook oder Videoplattformen wie YouTube bestehen. Im Ernst: Ich bin heilfroh darueber, dass im Online-Journalismus "traditionelle Formen" noch nicht ausgestorben sind. Ich lebe im Ausland (sieht man ja an den fehlenden Umlauten), und wenn es nicht die Online-Angebote gaebe von Spiegel, Tagesspiegel, Sueddeutscher und wie sie alle heissen, dann stuende ich ziemlich dumm im Walde. Und mein "Kommunikationsbeduerfnis" erschoepft sich in Foren wie diesem, und ab und zu mal 'ne EMail (aber die laeuft ja nicht ueber SPon ;-)
Sie verkennen, daß das Leben an sich banal ist. Eine Eilmeldung via Twitter ist besser als gar nichts. Sie soll lediglich Interesse wecken. Außerdem verkennen Sie, daß Journalisten heute tunlichst über den Nutzwert von Meldungen reflektieren sollten.
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