Online-Recht "In der Praxis herrscht eher Anarchie"

Virtuelle Welten wie "World of Warcraft" bieten nicht nur ihren Nutzern, sondern auch der Zunft der Anwälte ein "Second Life". Der auf Spiele spezialisierte Anwalt Andreas Lober erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wie es steht um Law und Order im Cyberspace.


SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Menschen begeben sich in virtuelle Welten. Was ist denn Second Life aus juristischer Sicht: Anarchie oder Rechtsstaat?

Anwalt Andreas Lober: Legt in Kürze in der "Telepolis"-Reihe ein Buch zum Thema "Fantasy-Reiche und Zukunfts-Ökonomie" vor

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Andreas Lober: Wenn man sich auch nur eine halbe Stunde in dieser Welt bewegt, sind die Rechtsverletzungen nicht zu übersehen. Da gibt es eine große Bandbreite – von den häufigen Markenverletzungen über unerlaubtes Glücksspiel bis zu Pornographie.

Also – in der Praxis herrscht eher Anarchie, und der Betreiber Linden Lab sieht sich selbst nur als Anbieter einer Plattform und nicht für deren Inhalt verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einem gesetzlosen Sündenpfuhl. Gelten die echten Gesetze nicht?

Lober: Doch, die Gesetze gelten grundsätzlich schon, auch wenn manche immer noch meinen, dass es sich um einen rechtsfreien Raum handelt. Aber es sind ja echte Menschen, die dort interagieren, und für die gelten die echten Gesetze. Sie finden nur nicht immer Beachtung.

SPIEGEL ONLINE: Ich könnte also vor ein ordentliches Gericht ziehen, um mein Recht durchzusetzen?

Lober: Ja, selbstverständlich. Es hat auch schon Verfahren gegeben, weil jemand in "World of Warcraft" beleidigt worden ist. Auch einen Betrug müssen Sie nicht einfach hinnehmen, sondern können dagegen vorgehen. Bisher gibt es noch wenige Fälle, die tatsächlich vor Gericht getragen werden. Aber das dürfte stark zunehmen, wenn immer mehr Nutzer echtes Geld investieren und die virtuellen Welten an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen.

"World of Warcraft" ist übrigens eher so etwas wie ein Polizeistaat. Der Betreiber Blizzard hat strenge Regeln aufgestellt und greift bei Verletzungen sehr hart durch. Eine virtuelle Welt, in der rechtsstaatliche Verhältnisse herrschen, gibt es derzeit noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kann denn unser Zivil- und Strafrecht, dessen Grundsätze aus dem 19. Jahrhundert stammen, diese neuen Konstellationen erfassen?

Lober: Grundsätzlich schon. Aber natürlich gibt es auch Probleme, etwa beim Diebstahl. Das Strafgesetzbuch erfasst nur körperliche Gegenstände. Was aber ist mit einem virtuellen Spielfigur-Schwert, das mir gestohlen wird? Da werden die Juristen im Einzelfall noch einiges klären müssen.

Grundsätzlich halte ich aber nichts davon, bei jedem neuen Rechtsproblem nach einem neuen Gesetz zu rufen. Mit einer vernünftigen Auslegung unserer bestehenden Gesetze kommt man meist zu besseren Ergebnissen als mit neuen Gesetzen, die oft mit heißer Nadel gestrickt werden. Bei den ganzen neuen Gesetzen haben nur noch Spezialisten den Überblick.

Wenn diejenigen, die sich an die Gesetze halten sollen – nämlich Normalbürger – diese aber kaum kennen und schon gar nicht verstehen, dann werden sie auch nicht eingehalten. Das schöne an unseren Gesetzen aus dem 19. Jahrhundert ist dagegen, dass diese so allgemein wie möglich gehalten und zumindest einmal bekannt sind.

SPIEGEL ONLINE: Droht nicht der Verlust des spielerischen Charakters, wenn jetzt Juristen in den virtuellen Welten regieren? Manche Menschen fasziniert an denen doch gerade, dass dort erlaubt ist, was in der wirklichen Welt verboten ist.

Lober: Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Wenn es technisch möglich ist, dass ich mich irgendwo einschleiche oder einem Mitspieler etwas wegnehme, dann muss man überlegen, ob das wirklich eine unerlaubte Handlung ist oder doch noch Teil des Spiels. Da ist im Einzelnen noch vieles ungeklärt.

Prinzipiell muss der Betreiber einer virtuellen Welt eine große Freiheit haben, diese nach seinen Wünschen zu gestalten. Spielerische virtuelle Welten – MMORPGs wie "World of Warcraft" – leben ja von Mord, Totschlag und Krieg zwischen Fabelwesen, und in vielen ist der Beruf des Diebs einer der vom Spiel vorgesehenen Karrierewege. Da sollten Juristen sich nicht zu sehr einmischen. Aber natürlich muss es Grenzen geben. Über Kinderpornographie etwa muss man nicht diskutieren, denn auch in virtuellen Welten darf nicht alles möglich sein.

Die Fragen stellte Markus Verbeet

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