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03. Juli 2008, 09:49 Uhr

Online-Reklame

Betrugsroboter attackieren Googles Anzeigensystem

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Textanzeigen bescheren Google den größten Batzen des Milliardenumsatzes. Werbekunden zahlen pro Klick. Einige fürchten aber, dass darunter auch wertlose Klicks von Betrugsrobotern sind. Ein besorgter Kunde hat im Selbstversuch so eine Trickser-Software geschrieben - innerhalb von zwei Tagen.

Rund 150 Euro bezahlte der Programmierer Karl Schmitt (Name von der Redaktion geändert) jeden Monat an Google. Er hatte beim Internet-Riesen Werbung für sein kleines Web-Portal gebucht. Googles Anzeigensystem Adsense blendete Schmitts Textanzeigen auf inhaltlich passenden Web-Seiten ein.

Google-Dienste: Einige Werbekunden zweifeln, ob nicht bisweilen Betrugsroboter auf ihre Anzeigen klicken
REUTERS

Google-Dienste: Einige Werbekunden zweifeln, ob nicht bisweilen Betrugsroboter auf ihre Anzeigen klicken

Für jeden Klick auf eine dieser Anzeigen zahlte Schmitt ein paar Cent an Google. Der Web-Konzern behielt seine Provision und gab den Rest an die Betreiber der Seiten weiter, auf denen die Anzeige angeklickt wurde. Bis Schmitt sich fragte, wie sicher er sich sein kann, dass nicht von Betrügern programmierte Klickroboter anstelle von Menschen seine Seite aufriefen.

Schmitts Antwort: nicht sicher genug. Der Programmierer hat in 48 Stunden ein Skript programmiert, mit dem er nach eigener Darstellung Googles Werbesystem austricksen konnte und Klicks auf über das Google-System geschaltete Anzeigen so simulierte, dass Googles Sicherheitssystem den Betrug offensichtlich nicht erkannt hätte. Schmitt: "Ich habe das auf meiner eigenen Seite mit meiner eigenen Google-Anzeigenkampagne ausprobiert. Es hat funktioniert, der Account wurde auch im Anschluss nicht gesperrt. Das spricht sehr dafür, dass Googles System in diesem Fall nicht erkannt hätte, dass ein Bot die Anzeigen klickte."

In einer SPIEGEL ONLINE in Kopie vorliegenden E-Mail informierte der Informatiker am 11. Juni einen Ansprechpartner bei Google und schickte seine neunseitige Dokumentation der Sicherheitslücke und des Exploits mit. Die Reaktion, so Schmitt: "Mir wurde gesagt, der Hinweis sei an die richtigen Stellen weitergeleitet worden. Ich habe bei einem Test meiner Bots vor ein paar Tagen ein paar neue Sicherheitsstufen in dem Adsense-System bemerkt." Aber, so Schmitt, diese Hürden würden nur komplett Ahnungslose abschrecken.

Informatiker: "Plausible Betrugsmethode"

Schmitt beschreibt die Sicherheitslücken in dem Papier "Deceiving the Adsense-System through Advanced Click-Manipulation" - Google äußert sich dazu nicht. Die Frage, wie riskant man den beschriebenen Exploit einschätze, ließ Google in einer Stellungnahme unbeantwortet. Die allgemeine Aussage: "Wir begrüßen, dass Nutzer uns auf mögliche Quellen unzulässiger Klicks hinweisen. Wir erhalten viele dieser Berichte, ein Team von Ingenieuren prüft diese Berichte und beseitigt etwaige Schwachstellen."

Experten schätzen das von Schmitt beschriebene Vorgehen als plausibel ein. Der Informatiker Joachim Posegga, Professor am Institut für IT-Sicherheit und Sicherheitsrecht der Universität Passau und bislang Leiter des Arbeitsbereiches Sicherheit in Verteilten Systemen an der Universität Hamburg, urteilt nach Durchsicht der Beschreibung, das Vorgehen sei "machbar, aber nicht besonders aufsehenerregend". Posegga: "Das ist stimmig und könnte so theoretisch auch gut funktionieren. Aber das ist ein netter, gut gemachter Schulbubenhack, das hätten wir am Institut an einem Nachmittag auch ausgetüftelt."

Google: "Zehn Prozent der Werbeklicks unzulässig"

Schmitts Software nutzt Anonymisierungsdienste, um zu verschleiern, dass die Anzeigenklicks alle von einem einzigen Server kommen. Außerdem ahmt die Software menschliches Klickverhalten nach, statt stupide in festgelegten Zeiträumen einen bestimmten Anteil von Anzeigenklicks an den Seitenaufrufen vorzutäuschen.

Ob Betrüger diese Methode in der Praxis erfolgreich nutzen können, um Anzeigengelder ohne Gegenleistung abzugreifen, ist allerdings unklar. Schmitt beschreibt eine theoretische Angriffsmöglichkeit - Betrug im großen Stil hat er damit selbstverständlich nicht versucht. Google passt die Sicherheitsroutinen des Adsense-Werbeprogramms sicher ständig neuen Angriffsversuchen an.

Schließlich beschert das Werbesystem Google als Zwischenhändler den allergrößten Anteil der Einnahmen. Google erklärt, dass außer spezieller Software das sogenannte "Click Quality Team" verdächtige Zugriffe analysiert. Den Werbetreibenden würden die bereits gezahlten Gebühren für alle als unzulässig eingestuften Klicks erstattet.

Informatiker: "Klickbetrug ist ein Geschäft"

Wie erfolgreich diese Betrugsprävention ist, kann niemand außer Google zuverlässig sagen. Google erklärt, dass weniger als zehn Prozent aller Klicks auf Textanzeigen unzulässig seien. Die meisten davon würden herausgefiltert, bevor die Werbekunden dafür zahlen. Google: "Weniger als 0,02 Prozent dieser Klicks werden nachträglich entdeckt."

Die Einschätzung des Informatikers Posegga: "Es gibt Klickbetrug und Klickbetrug ist ein Geschäft. Wie groß es ist, weiß nur Google. Und Google allein weiß, welche Maßnahmen das Unternehmen dagegensetzt - da ist das Unternehmen sehr verschwiegen, das ist für Außenstehende nicht abzuschätzen."

Außerdem verweist Posegga darauf, dass Betrüger bei weitem schwieriger zu entdeckende Methoden zum Klickbetrug nutzen können als die von Programmierer Schmitt beschriebene. Der Informatiker erklärt: "Ich gehe davon aus, dass Profis das über Netze per Schad-Software weltweit gekaperter Rechner abwickeln. Da muss man sich gar nicht um die Tarnung der IP-Adresse kümmern und kann das System zudem viel geschmeidiger skalieren."

Solche sogenannten Botnetze gekaperter Rechner haben Kriminelle in der Vergangenheit schon zum Google-Werbebetrug genutzt. Die Organisation für Informationssicherheit Sans Institute beschrieb schon 2006 ein solches Betrugssystem, das die Informatiker nach anonymen Hinweisen analysiert hatten. Ihr Fazit damals: "Der Werbende bezahlt dafür, dass ein Software-Bot seine Seite besucht." Eine Sammelklage von Werbekunden wegen Klickbetrugs hatte Google 2006 mit einer außergerichtlichen Einigung samt Zahlung von insgesamt 90 Millionen Dollar abgewendet.

Programmierer Schmitt jedenfalls nutzt Googles Werbesystem nicht mehr, um Textanzeigen anderswo zu schalten. Er hat das Vertrauen verloren: "Wenn ein Seitenbetreiber mit Bots betrügt, die Klicks hochtreibt, für die ich zahle, kann ich nicht sicher sein, dass Google davor schützt und warnt." Denn, so Schmitt: "Wie auch - es scheint, als könne ich nicht mal sicher sein, dass Google das überhaupt merkt."

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