Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Online-Reklame: Betrugsroboter attackieren Googles Anzeigensystem

Von

Textanzeigen bescheren Google den größten Batzen des Milliardenumsatzes. Werbekunden zahlen pro Klick. Einige fürchten aber, dass darunter auch wertlose Klicks von Betrugsrobotern sind. Ein besorgter Kunde hat im Selbstversuch so eine Trickser-Software geschrieben - innerhalb von zwei Tagen.

Rund 150 Euro bezahlte der Programmierer Karl Schmitt (Name von der Redaktion geändert) jeden Monat an Google. Er hatte beim Internet-Riesen Werbung für sein kleines Web-Portal gebucht. Googles Anzeigensystem Adsense blendete Schmitts Textanzeigen auf inhaltlich passenden Web-Seiten ein.

Google-Dienste: Einige Werbekunden zweifeln, ob nicht bisweilen Betrugsroboter auf ihre Anzeigen klicken
REUTERS

Google-Dienste: Einige Werbekunden zweifeln, ob nicht bisweilen Betrugsroboter auf ihre Anzeigen klicken

Für jeden Klick auf eine dieser Anzeigen zahlte Schmitt ein paar Cent an Google. Der Web-Konzern behielt seine Provision und gab den Rest an die Betreiber der Seiten weiter, auf denen die Anzeige angeklickt wurde. Bis Schmitt sich fragte, wie sicher er sich sein kann, dass nicht von Betrügern programmierte Klickroboter anstelle von Menschen seine Seite aufriefen.

Schmitts Antwort: nicht sicher genug. Der Programmierer hat in 48 Stunden ein Skript programmiert, mit dem er nach eigener Darstellung Googles Werbesystem austricksen konnte und Klicks auf über das Google-System geschaltete Anzeigen so simulierte, dass Googles Sicherheitssystem den Betrug offensichtlich nicht erkannt hätte. Schmitt: "Ich habe das auf meiner eigenen Seite mit meiner eigenen Google-Anzeigenkampagne ausprobiert. Es hat funktioniert, der Account wurde auch im Anschluss nicht gesperrt. Das spricht sehr dafür, dass Googles System in diesem Fall nicht erkannt hätte, dass ein Bot die Anzeigen klickte."

Googles Werbeprogramme
Google verdient sein Geld fast ausschließlich mit Werbung - mit zwei nahezu vollautomatisierten Programmen.
AdSense
Mit diesem Programm können Blogger und kleine Unternehmen schnell und einfach Werbeeinnahmen erzielen: Auf ihren Internetseiten erscheinen nur kontextbasierte Suchwörter. Die sind auf den Seiteninhalt abgestimmt. Der Seitenbetreiber erhält pro Klick einen Betrag in US-Dollar gutgeschrieben. Google zahlt ab 100 Dollar Werbeeinnahmen per Scheck in US-Dollar oder als Überweisung in Euro aus. Welches Suchwort wie hoch bewertet wird und wie viel Prozent Google für seine Dienste einbehält, erfährt der Seitenbetreiber nicht.
AdWords
Werbende Unternehmen buchen Suchwörter, die in Google-Suchergebnissen oder auf anderen Internetseiten erscheinen. Das Wort "Orchidee" beispielsweise erscheint nur dann, wenn nach Orchideen gesucht wird oder sich die Web-Seite mit dem Thema beschäftigt. Der Werbetreibende bezahlt nur, wenn ein Nutzer auf das gebuchte Suchwort klickt. Der Preis für jedes Suchwort wird in einem Auktionsverfahren ermittelt. Je beliebter das Wort ist und je weiter oben es in den Suchergebnissen auftauchen soll, desto teurer ist es.

In einer SPIEGEL ONLINE in Kopie vorliegenden E-Mail informierte der Informatiker am 11. Juni einen Ansprechpartner bei Google und schickte seine neunseitige Dokumentation der Sicherheitslücke und des Exploits mit. Die Reaktion, so Schmitt: "Mir wurde gesagt, der Hinweis sei an die richtigen Stellen weitergeleitet worden. Ich habe bei einem Test meiner Bots vor ein paar Tagen ein paar neue Sicherheitsstufen in dem Adsense-System bemerkt." Aber, so Schmitt, diese Hürden würden nur komplett Ahnungslose abschrecken.

Informatiker: "Plausible Betrugsmethode"

Schmitt beschreibt die Sicherheitslücken in dem Papier "Deceiving the Adsense-System through Advanced Click-Manipulation" - Google äußert sich dazu nicht. Die Frage, wie riskant man den beschriebenen Exploit einschätze, ließ Google in einer Stellungnahme unbeantwortet. Die allgemeine Aussage: "Wir begrüßen, dass Nutzer uns auf mögliche Quellen unzulässiger Klicks hinweisen. Wir erhalten viele dieser Berichte, ein Team von Ingenieuren prüft diese Berichte und beseitigt etwaige Schwachstellen."

Experten schätzen das von Schmitt beschriebene Vorgehen als plausibel ein. Der Informatiker Joachim Posegga, Professor am Institut für IT-Sicherheit und Sicherheitsrecht der Universität Passau und bislang Leiter des Arbeitsbereiches Sicherheit in Verteilten Systemen an der Universität Hamburg, urteilt nach Durchsicht der Beschreibung, das Vorgehen sei "machbar, aber nicht besonders aufsehenerregend". Posegga: "Das ist stimmig und könnte so theoretisch auch gut funktionieren. Aber das ist ein netter, gut gemachter Schulbubenhack, das hätten wir am Institut an einem Nachmittag auch ausgetüftelt."

Google: "Zehn Prozent der Werbeklicks unzulässig"

Schmitts Software nutzt Anonymisierungsdienste, um zu verschleiern, dass die Anzeigenklicks alle von einem einzigen Server kommen. Außerdem ahmt die Software menschliches Klickverhalten nach, statt stupide in festgelegten Zeiträumen einen bestimmten Anteil von Anzeigenklicks an den Seitenaufrufen vorzutäuschen.

Ob Betrüger diese Methode in der Praxis erfolgreich nutzen können, um Anzeigengelder ohne Gegenleistung abzugreifen, ist allerdings unklar. Schmitt beschreibt eine theoretische Angriffsmöglichkeit - Betrug im großen Stil hat er damit selbstverständlich nicht versucht. Google passt die Sicherheitsroutinen des Adsense-Werbeprogramms sicher ständig neuen Angriffsversuchen an.

Schließlich beschert das Werbesystem Google als Zwischenhändler den allergrößten Anteil der Einnahmen. Google erklärt, dass außer spezieller Software das sogenannte "Click Quality Team" verdächtige Zugriffe analysiert. Den Werbetreibenden würden die bereits gezahlten Gebühren für alle als unzulässig eingestuften Klicks erstattet.

Informatiker: "Klickbetrug ist ein Geschäft"

Wie erfolgreich diese Betrugsprävention ist, kann niemand außer Google zuverlässig sagen. Google erklärt, dass weniger als zehn Prozent aller Klicks auf Textanzeigen unzulässig seien. Die meisten davon würden herausgefiltert, bevor die Werbekunden dafür zahlen. Google: "Weniger als 0,02 Prozent dieser Klicks werden nachträglich entdeckt."

Die Einschätzung des Informatikers Posegga: "Es gibt Klickbetrug und Klickbetrug ist ein Geschäft. Wie groß es ist, weiß nur Google. Und Google allein weiß, welche Maßnahmen das Unternehmen dagegensetzt - da ist das Unternehmen sehr verschwiegen, das ist für Außenstehende nicht abzuschätzen."

Außerdem verweist Posegga darauf, dass Betrüger bei weitem schwieriger zu entdeckende Methoden zum Klickbetrug nutzen können als die von Programmierer Schmitt beschriebene. Der Informatiker erklärt: "Ich gehe davon aus, dass Profis das über Netze per Schad-Software weltweit gekaperter Rechner abwickeln. Da muss man sich gar nicht um die Tarnung der IP-Adresse kümmern und kann das System zudem viel geschmeidiger skalieren."

Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Solche sogenannten Botnetze gekaperter Rechner haben Kriminelle in der Vergangenheit schon zum Google-Werbebetrug genutzt. Die Organisation für Informationssicherheit Sans Institute beschrieb schon 2006 ein solches Betrugssystem, das die Informatiker nach anonymen Hinweisen analysiert hatten. Ihr Fazit damals: "Der Werbende bezahlt dafür, dass ein Software-Bot seine Seite besucht." Eine Sammelklage von Werbekunden wegen Klickbetrugs hatte Google 2006 mit einer außergerichtlichen Einigung samt Zahlung von insgesamt 90 Millionen Dollar abgewendet.

Programmierer Schmitt jedenfalls nutzt Googles Werbesystem nicht mehr, um Textanzeigen anderswo zu schalten. Er hat das Vertrauen verloren: "Wenn ein Seitenbetreiber mit Bots betrügt, die Klicks hochtreibt, für die ich zahle, kann ich nicht sicher sein, dass Google davor schützt und warnt." Denn, so Schmitt: "Wie auch - es scheint, als könne ich nicht mal sicher sein, dass Google das überhaupt merkt."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: