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Online-Reklame: Firmen bekommen Werbebetrug auf Porno-Portalen nicht unter Kontrolle

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Werbung für seriöse Firmen in Raubkopieverzeichnissen und auf rechtswidrigen Porno-Portalen: Manche Unternehmen haben ihre Reklame nach einer SPIEGEL-ONLINE-Recherche entfernen lassen - doch viele werden des Problems nicht Herr. Schuld sind Betrugsversuche in undurchsichtigen Anzeigennetzen.

Dieses Angebot ist eindeutig. Die Macher der laut Selbstdarstellung "besten deutschen Streamseite im Netz" versprechen Besuchern: "Momentan haben wir um die 600 Movies online, es werden weitere täglich folgen." Und: "Da Ihr auf XXX-Streams steht, werden wir in den nächsten Tagen viele davon uppen." Auf Deutsch heißt das: Hier gibt es im Browser Raubkopien aktueller Kinofilme und Hardcore-Pornos ohne Altersprüfung zu sehen.

Dieses Angebot verstößt offenkundig gegen deutsches Recht. Und doch wird auf der Seite in sogenannten Layern (Einblendungen) Werbung für deutsche Unternehmen eingeblendet. Für den Musikshop Jamba zum Beispiel: Dessen Werbeslogan "10.000 Klingeltöne – Hol dir jetzt den Zugang!" steht neben einem Mitschnitt des Kinofilms "Iron Man", aber auch neben Hardcore-Pornos.

Jamba-Werbung neben Hardcore-Pornos

Wie kann das sein? Vor knapp zwei Wochen berichtete SPIEGEL ONLINE, dass auf zahlreichen zwielichtigen oder offensichtlich rechtswidrigen Web-Seiten (Raubkopie-Linkkataloge, Stream-Sammlungen aktueller Kinofilme, Pornografie für Erwachsene ohne Altersprüfung) Werbung für namhafte Unternehmen wie Karstadt, E-Plus, Premiere und auch Jamba läuft. Die betroffenen Firmen sprachen von Betrug, betonten, sie würden ein solches Werbeumfeld in den Geschäftsbedingungen ausschließen und rechtliche Maßnahmen gegen die Verstöße prüfen.

Eine Woche später prüfte SPIEGEL ONLINE am Donnerstag noch einmal die Werbung auf zwielichtigen Seiten. Ergebnis: Auf diversen Linksammlungen zu Raubkopie-Downloads und Streaming-Portalen ( mehr zu Streams bei SPIEGEL WISSEN...) mit Hardcore-Pornos und Kinofilmen wird für Unternehmen wie Jamba, Karstadt, Napster, SportScheck, TUIfly und Getmobile geworben.

Landgerichte machen Werbende haftbar

Werbeeinblendungen auf solchen Seiten könnten nach aktuellen, SPIEGEL ONLINE vorliegenden Gerichtsentscheidungen für die Unternehmen problematisch werden. Der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels (IVD) hat entsprechende einstweilige Verfügungen erwirkt:

  • Das Landgericht München I verbot Anfang des Monats Kabel Deutschland, Werbeschaltungen auf Internet-Seiten, "die jugendgefährdende Filme (...), indizierte Filme, und/oder (...) schwer jugendgefährdende Filme, ohne sie gegen Zugang durch Minderjährige abzusichern, zum Herunterladen anbieten." Kabel-Deutschland-Sprecher Marco Gassen erklärt dazu: "Wir werden uns gegen die Einstweilige Verfügung wehren und die Angelegenheit detailliert gerichtlich überprüfen lassen." (AZ 1HK O 7351/08)

  • Bereits Anfang des Jahres hat das Landgericht Frankfurt entschieden, dass ein Unternehmen, das Werbung auf einer Internet-Plattform schaltet, auf der überwiegend urheberrechtswidrige oder jugendgefährdende Werke zum Download angeboten werden, dafür abgemahnt werden kann.

In diesen Fällen hat der Videothekenverband wettbewerbsrechtlich argumentiert. Der IVD erkannte in den werbenden Unternehmen Mitstörer und in den Webangeboten unzulässigen Wettbewerb gegen Videotheken. Wenn sich diese Rechtsauffassung durchsetzt, drohen vielen Unternehmen unangenehme Konsequenzen – sie müssen entweder auf bestimmte Formen der Online-Werbung ganz verzichten oder einkalkulieren, für ein Werbeumfeld haftbar gemacht zu werden, das sie nicht kontrollieren.

Verantwortung für Werbeumfeld versickert in der Werbekette

Die Anzeigen sind über sogenannte Affiliate-Programme gelaufen, die im Kern digitalisierte Provisionsgeschäfte über viele Ebenen sind (siehe Kasten).

So sind die Anzeigen ohne Wissen und offenbar gegen den Willen der beworbenen Firmen auf den zwielichtigen - und von deutschen Surfern offensichtlich gut besuchten - Angeboten gelandet. Zum Beispiel:

  • SportScheck mit dem Slogan "Sonderangebote Frauen" neben Hardcore-Pornografie
  • TUIfly auf einem Linkverzeichnis zu Downloads von Film-, Musik- und Software-Raubkopien
  • Jamba und Napster auf einer Seite mit Streams von Hardcore-Pornografie und aktuellen Kinofilmen
  • Getmobile und Karstadt auf einer Seite mit Streams aktueller Kinofilme, zum Beispiel "No Country for Old Men"

Versucht man in der langen Kette von Unternehmen, Agenturen, Affiliate-Programmen, Vermarktern und Seitenbetreibern die Verantwortlichen zu finden, zeigt sich, wie komplex und undurchsichtig dieses Werbesystem derzeit ist.

Netzwerke, Vermarkter, Porno-Portale - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Schritt für Schritt, wer für Werbung auf zwielichtigen Seiten verantwortlich ist:

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Fehlplazierung: Online-Reklame in Raubkopie-Katalogen


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