Online-Rekrutierung: Marines suchen "Freunde" auf MySpace

Von Felix Knoke

Die Werber der US Marines gehen dorthin, wo die jungen Leute sind: ins Internet auf die Community-Seite MySpace. 12.000 "Freunde" haben sie bereits gewonnen - kritische Kommentare sind nicht erlaubt.

Bilder, Bier, Bikinigirls – dann hören auf den ersten Blick auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen der Kneipe Tun Tavern in Atlantic City und Website der Online-Community MySpace.com auf. Was sie nun aber seit einigen Monaten vereint, ist ausgerechnet der US Marine Corps, rund 200.000 Soldaten und Reservisten, die in Filmen und Selbstbild den Ruhm der amerikanischen Armee verkörpern.

MySpace-Seite der Marines: "The Few. The Proud"

MySpace-Seite der Marines: "The Few. The Proud"

Die Tun Tavern gilt als Geburtsstätte der Marines. 1775 wurden hier die ersten Soldaten verpflichtet. Noch heute stoßen sie am 10. November jedes Jahres auf die erste Rekrutierung an. Damals lockte die Aussicht auf ein kaltes Bier die jungen Männer in die Arme des Rekrutierungs-Offiziers.

Heutzutage scheint Alkoholisches allerdings nicht mehr so verlockend für zukünftige Soldaten zu sein. 231 Jahre später, in Zeiten von Terror und Irak-Krieg, vertrauen die Marines lieber auf Hightech zur Mitgliederwerbung. Seit Februar dieses Jahres betreibt das Corps auf MySpace.com ein eigenes Profil; schwarz, edel, ein Werbevideo mit Kurzhaarfrisuren im Gleichschritt, Maschinengewehren und stolzer Amerika-Flagge.

Junge Männer zwischen 17 und 24 Jahren, so der Plan, sollen damit für den Dienst an der Waffe erwärmt werden. Über 12.000 MySpace-User sind bereits in der Freunde-Liste der Einheit. Über "Contact a Recruiter" nahmen in den letzten fünf Monaten 430 Interessenten zu den Marines Kontakt auf, 170 davon kommen für den Job angeblich in Frage. Eine magere Ausbeute.

Stolz und immer treu

Wer bei MySpace nach Mitarbeitern sucht, ist aber eigentlich nicht wirklich auf der Suche nach dem neuen Super-Kollegen. Viel mehr steht im Vordergrund, ein gutes Bild in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Pathetische Videos zeigen junge Männer und Frauen in grünen Klamotten. Mit wenig Aufwand wird hier das elitäre, stolze und doch menschliche Image der Marines zementiert und verbreitet. "The Few. The Proud" ist eines ihrer Mottos. Ein anderes ist "semper fidelis", immer treu.

Gegenüber der Nachrichtenagentur AP schwärmt Brian Lancioni während eines Rekrutierungs-Events: "Für die Kids ist Technik alles, und das Internet ist eine großartige Möglichkeit, ihnen zu zeigen, was das Marine Corps zu bieten hat."

Das unterstreicht nur, wie wichtig Seiten wie MySpace werden, um Amerikas Jugend zu erreichen. Bereits über 94 Millionen Mitglieder sind weltweit bei MySpace eingeschrieben. Das ist eine fantastisch leicht zu erreichende, immens große Öffentlichkeit. So groß, dass sie Musikgruppen von einem Tag auf den anderen vom Taxi-Job in den Pophimmel hieven kann – oder im Handumdrehen Existenzen in Gefahr bringen.

In MySpace ist Aufmerksamkeit Währung und Ware und wer das Spiel versteht, kann hier einiges in Bewegung setzen. Und sei es nur dadurch, dass man einmal ordentlich Dampf ablässt. Wie zum Beispiel Mitarbeiter von Wal-Mart, Disneyland, Blockbuster oder Best Buy, die sich in Ermangelung einer Arbeitnehmervertretung online zusammentaten, um gemeinsam gegen ihren Arbeitgeber zu wettern.

"Wir sind doch nur Wegwerfware"

Im "Best Buy Losers Club" ärgert man sich über raffgierige Bosse und nervige Kunden, ein Mitglied der "Blockbuster Crew" regt sich darüber auf, dass die "Firmenidioten nicht herausfinden, wie man Geld machen kann, ohne seine Angestellten zu verarschen" und ein Disneyland-Mitarbeiter moniert auf "The Disneyland Bitterness Convention" anonym: "Ich hasse es, wie uns die Firma ausnutzt und wie scheißegal ihr das ist. Für die sind wir doch nur Wegwerfware!"

Auf der Suche nach neuen (Wegwerf-)Mitarbeitern könnten sich solche Kommentare als fatal für die Unternehmen herausstellen. Zwar ist bekannt, dass viele ihre Billigjob-Mitarbeiter schlecht behandeln, solange das aber nicht klar und authentisch ausgesprochen wird, greift das ein poliertes PR-Bild einer Firma kaum an. Doch Community-Portale wie MySpace geben Billigjobbern ein Gesicht.

Ein brenzliges Umfeld also für Disneyland & Co. - aber auch für die Anwerber der Marines. Für den Fall, dass sich einzelne Soldaten nicht an den Treue-Wahlspruch "semper fidelis" halten, wurde bereits vorgesorgt. Im Marine-Profil auf MySpace gibt es keine Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen. Hier ist nur Platz für Flaggen, Waffen und freundliche Gesichter.

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