Online-Selbstverlag Bookrix: Bücher-MySpace für Hobbyschreiber

Von Tobias Lill

Publizieren ohne Verlag: Wie bei MySpace Musiker ihre Songs ins Netz stellen können, dürfen bei BookRix Nachwuchsautoren ihre Romane, Kurzgeschichten oder Mangas kostenlos in richtiger Buchform veröffentlichen. Autoren gibt es eine Menge - die Leser dagegen zieren sich.

Eigentlich wollte Gunnar Siewert nur seiner Frau helfen. Die hatte ein Kinderbuch geschrieben. "Einfach drauf los, ohne sich groß Gedanken zu machen", wie sich der Münchner erinnert. Doch dann stellte sie sich schon bald die Frage, die sich jeder Hobbyautor irgendwann stellt: Wo kann ich mein Prachtwerk veröffentlichen?

"Einen Verlag zu finden – das schaffen nur die wenigsten", weiß Siewert. Und Alternativen wie Books on Demand, also der Druck bei Bestellung, ist in der Regel für den Produzenten nicht kostenlos, für den Käufer sowieso nicht. "Außerdem erreicht man so nur die zwei Dutzend Freunde, die das Buch eh gelesen hätten", ist der 42-Jährige überzeugt.

Da kam ihm die Idee: "Warum nicht das Internet zur Veröffentlichung nutzen?" Deshalb gründete der Münchner, der viele Jahre in der Musikbranche arbeitete, im Mai 2007 gemeinsam mit dem Pianisten und Programmierer Alex Racic sowie dem Komponisten Davor Drezga das Münchner Startup BookRix.

Pfiffige Idee ...

"So wie bei MySpace Musiker ihre Songs ins Netz stellen können, dürfen bei uns Nachwuchsautoren ihre Texte kostenlos in richtiger Buchform veröffentlichen", sagt Siewert, der sein Büro in einer alten Trambahnwerkstatt hat. Im Gegensatz zu Word-Dokumenten oder E-Books im PDF-Format, die in diversen Literatur-Blogs zu finden sind, erinnern die Texte auf BookRix tatsächlich ans herkömmliche Buch: Die Falz wirft einen Schatten, und das Umblättern der Seiten geht per Mausklick.

Die Bücher haben sogar ihr eigenes Cover. Siewert wirbt: "Das Erstellen des Titelblatts auf unserer Seite ist einfach." BookRix stellt den Nachwuchsautoren eine Vielzahl kostenloser Fotomotive zur Verfügung. "So sieht das Buch dann so aus, wie man es sich immer vorgestellt hat", sagt Siewert. Tatsächlich wirken die auf BookRix vorgestellten Werke zumindest auf den ersten Blick professionell, die Handhabung ist einfach.

Doch wer die Werke durchblättert, merkt beim Lesen schnell, dass hier vor allem Lieschen Müller veröffentlicht: Nicht jeder von uns ist fit für Literaturpreise. Wenn etwa in einer der zahlreichen Liebesschnulzen die langjährige Singlefrau mit "der ausgedörrten Pflanze, die nicht mehr gegossen wurde" verglichen wird, erinnert das unweigerlich an einen vergilbten Groschenroman. Für rotstiftsüchtige Deutschlehrer hat die Seite dagegen auf jeden Fall ihren Reiz. Manche Texte strotzen nur so vor Tippfehlern. "Wir wollen jedem, der Schreiben will, die Möglichkeit geben zu publizieren", schwärmt Siewert trotzdem und sieht in seiner Seite einen "Beitrag für mehr Demokratie".

... mit Schwächen: mehr Schreiber als Leser

Die Resonanz der Autoren ist bislang besser als die der Leser: Selbst in den Top Ten von BookRix kommen manche Titel auf nicht einmal 100 Leser. Dafür haben laut dem Betreiber seit Anfang Juli bereits 1200 Autoren Bücher auf die Seite gestellt. Und unter den über 2000 Werken gibt es auch das eine oder andere literarische Schmankerl: Für die "Abenteuer der kleinen Meeresschnecke Luna" konnten sich immerhin bereits 2100 Leser begeistern. Das einfühlsam geschriebene Kinderbuch von Heike Siewert ist mit einer Reihe stimmungsvoller Ozeanbilder unterlegt.

Vom Gedichtband über den Roman bis hin zu japanischen Manga, das eine Geigenspielerin im kurzen Spitzenröckchen zeigt, ist bei BookRix übrigens jedes Genre vertreten. Siewert ist überzeugt: "Durch BookRix steigt die Chance, dass auch ein Verlag auf das Buch aufmerksam wird."

Die großen Verlage sind da skeptischer. Bei der Auswahl der Nachwuchsschriftsteller setzen sie auf die klassischen Wege, etwa auf die Bewerbung über einen Agenten. Vom Internet hervorgebrachte Stars, wie sie in der Musikbranche im Zeitalter von YouTube und MySpace üblich sind, dürfte es auf dem Buchmarkt deshalb zunächst wohl allenfalls in Einzelfällen geben - bekannt geworden ist so etwas bisher nicht.

Trotzdem: "Wir beobachten die Entwicklung solcher Online-Foren aber sehr aufmerksam", sagt eine Ullstein-Sprecherin. Als Bedrohung für das eigene Geschäft sehe man solche Online-Formate aber nicht.

Das Web tut niemandem weh

Gefährlicher könnten Formate wie BookRix für kleine Verlage und vor allem für Zuschuss-Verlage werden. Deren Geschäftsmodell basiert darauf, dass die Autoren selbst für die Veröffentlichung der Bücher zur Kasse gebeten werden. Seit dem Siegeszug von Books on Demand ist allerdings auch das längst ein überholtes Modell.

Auch die Bod-Anbieter bleiben jedoch noch entspannt. "Das ist keine Konkurrenz. Denn ohne den Verkauf der gedruckten Bücher kann man ja kein Geld verdienen", sagt ein Sprecher des führenden Book-on-Demand-Anbieters BoD. Wer wirklich als Nachwuchsautor Ambitionen habe, wolle unbedingt den Kontakt zum Verlag und eine eigene ISBN-Nummer. Aus Sicht der Drucker gehören Modelle wie BookRix in die Hobby-Ecke.

Deshalb setzt man auch bei Readbox darauf, zugleich selbst als Verlag aufzutreten. "Jeder kann bei uns umsonst sein Buch sowohl als E-Book als auch in gedruckter Form als Softcover vertreiben", verspricht Mitbegründer Torsten Husemann. Der Anteil am Verkaufspreis, der beim Autor bleibt, ist mit 18 bis 30 Prozent höher als bei den herkömmlichen Verlagen. Doch auch die etablierten Verlage können von Readbox profitieren: Sie können Bücher über die Internet-Seite vermarkten und neue Autoren entdecken, die ihre Fans gleich mitbringen. Allerdings ist das kostenlose Lesen der Bücher auf der Seite für den Nutzer anstrengend, die Schriftgröße ist zu klein und die Handhabung noch zu umständlich. Das ebenfalls umsonst nutzbare BookRix hat hier bislang die Nase vorn.

Beide Angebote sollen sich auf Dauer nicht zuletzt durch Werbeeinnahmen zu finanzieren. In den USA gibt es mit Webook bereits seit dem Frühjahr eine ähnliche Seite, die nach Betreiberangaben mittlerweile von rund 500.000 Menschen im Monat besucht wird. Das Besondere bei Webook: Die Autoren unterstützen sich gegenseitig bei ihren Büchern, indem sie etwa vorab Kapitel lesen und Verbesserungsvorschläge machen.

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