Von Matthias Kremp
Es gibt keine chinesische Cyber-Armee. Stattdessen gibt es 20 Hackergruppen, von denen die Mehrzahl der Cyber-Attacken gegen die USA ausgehen. Etwa zwölf dieser Gruppen werden von der chinesischen Volksbefreiungsarmee unterstützt, weitere sechs unterhalten Verbindungen zu Universitäten, von zweien ist unklar, ob sie einen militärischen Status haben. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Personen, die über die Vorgänge unterrichtet seien.
In dem Bericht der US-Wirtschaftszeitung heißt es, der amerikanische Militärgeheimdienst NSA (National Security Agency) habe sogar die Identitäten einzelner Mitglieder der verschiedenen Gruppen aufgedeckt. Die NSA hat sich zu dem Bericht bislang nicht geäußert. Die Wirtschaftszeitung berichtet, bei laufenden Angriffen seien die US-Ermittler jetzt nicht nur in der Lage, die den jeweiligen Angriff ausführende Gruppe zu identifizieren, sondern sogar einzelne Mitglieder und deren Standorte zu ermitteln.
Jede der Gruppen sei von US-Geheimdiensten an typischen Charakteristika erkennbar. Demnach unterscheiden sich die Hackertrupps darin, welche Software sie verwenden, von welchen IP-Adressen aus sie aktiv werden und wie sie ihre Angriffe gegen US-Behörden, Militäreinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen ausführen.
China hat die Existenz einer Cyber-Armee bestätigt
Die Veröffentlichung des "Wall Street Journal" folgt auf einen Bericht, den die amerikanische Spionageabwehr (Office of the National Counterintelligence Executive) Anfang November veröffentlicht hatte. In dem Papier heißt es, digitale Wirtschaft- und Industriespionage füge den USA wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe zu. Schuld seien vor allem China und Russland, die durch Cyber-Attacken oder korrupte Mitarbeiter Zugang zu Geheiminformationen erhielten.
Ohnehin beschuldigen US-Behörden regelmäßig chinesische Hacker, Urheber von Angriffen gegen US-Einrichtungen zu sein. So wurde chinesischen Hackern vorgeworfen, Googles Passwort-System gestohlen, US-Ölkonzerne ausgespäht und viele weitere Aktionen durchgeführt zu haben. Im Sommer bestätigte die chinesische Armeeführung erstmals, eigene Elitehacker zu beschäftigen, eine Art Cyber-Armee.
Gegen die nun erhobenen Vorwürfe allerdings wehrt sich die chinesische Führung. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking wies darauf hin, dass das chinesische Recht Hackeraktivitäten eindeutig verbiete. Außerdem würde man derartige Unternehmungen strikt bekämpfen und sich aktiv an internationalen Kooperationen beteiligen. Vorwürfe, China beteilige sich an illegalen Aktionen oder die Regierung würde Hacker unterstützen, seien vollkommen unbegründet.
Nun haben die Amerikaner ein Druckmittel in der Hand
Doch genau darum scheint es den US-Behörden zu gehen. Sollten die in dem Zeitungsbericht aufgestellten Behauptungen tatsächlich zutreffen, hätten US-Diplomaten erstmals Argumente und Beweise in der Hand, um Druck auf die Regierung in Peking auszuüben.
Bisher hatten die amerikanischen Geheimdienste nach derartigen Hackerattacken stets nur darauf hinweisen können, die Angriffe seien von IP-Adressen aus China erfolgt. Wer diese Adressen verwendet hat, warum und von wo aus, war dagegen unklar. Mit konkreten Angaben darüber, wer von wo mit welchen Mitteln US-Einrichtungen im Netz attackiert hat, könnten die USA China beispielsweise unter Zugzwang setzen, die ermittelten Täter festzusetzen.
Intern jedoch dürften die nun vorgestellten Erkenntnisse auch als Argumentationshilfe dienen, wenn Ermittlungsbehörden neue Kompetenzen und höhere Budgets verlangen.
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