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Online-Tagebücher: Die Blogger vom Times Square

Von , New York

Bloggen ist in: So viele Leute führen inzwischen ein Online-Tagebuch, dass die Szene reichlich unübersichtlich geworden ist. Drei New Yorker haben eine elegante, wenn auch altmodische Navigationshilfe gefunden: Die U-Bahn-Karte.

Bloggerkarte: Stationen eines Tagebuchs

Bloggerkarte: Stationen eines Tagebuchs

New York - Pat wiegt 207 Pfund. Geburtstag hat er am 29. Juli, er ist gerade 30 geworden. Seit Januar hat er 40 Pfund abgenommen. Am 29. Mai hatte er einen Protein-Riegel zum Frühstück, einen Protein-Riegel zu Mittag, und Spaghetti mit Truthahnsauce zum Abendessen. Sein Hauptziel im Leben ist es, einem gewissen Matt Johnson in die Eier zu treten.

Willkommen in der Welt der Blogger. Hier ist keine Beobachtung zu banal, keine Info überflüssig, kein Gedanke zu peinlich. Es ist ein Raum für Obsessionen, und Pat ist ein Meister darin. "Letters from Pat", heißt sein Blog, kurz für Weblog (eine Mischung aus Tagebuch und Homepage). Seit Monaten lässt er die Öffentlichkeit täglich wissen, was er isst, wieviel er wiegt - und dass Matts Eier selbst in Spanien nicht sicher sind.

Leute wie Pat verdienen es, gefunden und gelesen zu werden, meint Mike Everett-Lane, ein 32-jähriger New Yorker und Gelegenheits-Blogger. Bei einer geschätzten halben Million Blogs ist es jedoch nicht ganz einfach herauszuragen. Deshalb startete Mike im April mit zwei Bekannten nycbloggers.com - die erste Website, auf der Blogs anhand des U-Bahn-Plans geordnet sind.

Hohe Bloggerkonzentration in Chelsea

Die U-Bahn-Karte biete eine optimale "Informationsreduzierung", sagt Mike. "Es ist nicht so intim, dass man sich auf der Straße verfolgt fühlt, aber auch nicht so vage, dass die Neugier erlischt".

Pats U-Bahn-Station etwa ist die 23. Straße, C-Train, in Chelsea. Hier sind auch noch 14 andere Blogs gelistet, eine der aktivsten Blogger-Gegenden auf der Karte. Am Times Square sind acht Blogs registriert. Hier wunderte sich ein gewisser "Mr. Swill" kürzlich: "Warum hat jede attraktive Frau in New York ein Tattoo?"

Die Idee zu nycbloggers.com entstand im März, als Mike mit einer anderen wildfremden Bloggerin, Liz, ins Gespräch, Pardon, Mailen kam. "Wir leben beide in New York und dachten: Wäre es nicht cool, wenn man auf einen Blick die Blogs seines Viertels finden könnte?"

Liz ist Web-Designerin, ihr Freund Matt Programmierer. Nach drei Wochen hatten sie die Seite fertig. "Wir haben alles über Email gemacht, telefoniert haben wir zum ersten Mal eine Woche nach dem Start", erzählt Mike.

Fünf neue Blogger täglich

Um nycbloggers.com bekannt zu machen, suchte Mike per Google rund hundert Blogs in New York und mailte jedem eine Einladung, sich zu registrieren. Sobald diese Blogger die Seite verlinkt hatten, tauchte sie auf Popularitäts-Rankings wie Blogdex auf. Von da an war es ein Selbstläufer. "Wir bekamen 50 Bewerbungen pro Tag", sagt Mike. Inzwischen sind 1345 Blogger in allen fünf Stadtteilen gelistet, pro Tag kommen fünf hinzu.

Blogger, die sich eintragen wollen, müssen ein Formular ausfüllen. Verlangt wird die Internet-Adresse des Tagebuchs, U-Bahn-Station und eine kurze Selbstbeschreibung. Matt, Liz, und Mike checken jede Bewerbung. Die Kriterien sind großzügig: Als New Yorker qualifizieren nicht nur die, die im Moment hier wohnen, sondern auch ehemalige New Yorker. "Wir erkennen den wahren New Yorker an seinem Blog", sagt Mike.

Längst gibt es kleinere Nachahmer in London und Washington. Bloggerkarten nach Ländern gibt es bereits mehrere, darunter auch in Deutschland. Fürs ganze Land sind allerdings nur 197 Blogs gelistet.

Extrasektion mit 9-11 Posts

Dass im selbstverliebten New York Legionen von Bloggern wohnen, ist kaum überraschend. Doch nach dem 11. September, sagt Mike, habe das Bloggen noch eine ganz andere Bedeutung bekommen. "Der Tag hat gezeigt, dass Bloggen einen Sinn hat, der über das Mitteilen von Frühstücksgewohnheiten hinausgeht." Blogs seien das ideale Medium, um Gefühle auszudrücken. Auf nycbloggers.com gibt es inzwischen eine Extra-Sektion mit "9-11 Posts".

Geld verdienen die drei Initiatoren mit der Seite nicht. "Ich mache es, weil ich New Yorker interessant finde", sagt Mike. Er arbeitet für eine gemeinnützige Organisation, die Obdachlosen hilft. Liz und Matt sind beide Freiberufler. Liz sucht gerade nach einem Job. Für den Server zahlen sie 50 Dollar im Monat.

Als nächstes wollen sie Besuchern der Seite ein "tägliches Pendler-Tagebuch" anbieten. U-Bahnfahrer können dann ihre Strecke angeben und erhalten jeden Tag per Email oder auf ihren PalmPilot einen Text, der aus den aktuellen Blogs entlang der Strecke zusammengestellt ist. Ob die Welt das braucht, ist Mike ziemlich egal. "Wir machen das, weil es cool ist."

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