Online-Wahlkampf Auch das Web macht Merkel nicht locker

Der Online-Wahlkampf hat begonnen: Seit Donnerstagmittag präsentiert sich die CDU im Web chic, abgespeckt und völlig runderneuert. Das heimliche Motto der Kampagnenseite: Lernen von Obama. Allerdings bitte nicht zu viel.

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Irgendwas geht immer schief, und auch bei der CDU klappt nicht alles am Donnerstagmorgen. "Die CDU Deutschlands hat heute ihr neues Online-Portal www.cdu.de gestartet", erfährt man eben dort am Morgen in einer aktuellen Pressemitteilung. "Mit zahlreichen neuen Angeboten wird das CDU-Internetangebot vom klassischen Informations- zum modernen Mobilisierungsportal ausgebaut."

Was daran nicht stimmt, ist das Tempus: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist das Portal noch gar nicht online. Irgendwer hat da zu früh den "Veröffentlichen"-Knopf gedrückt - ein verzeihlicher Fehler. Denn einerseits brennt das Web-Team darauf, mit neuen Mitteln zu zeigen, was in seinem Wahlkampfmedium steckt. Andererseits ist es Online-typisch klein - es sind nur eine Handvoll Mitarbeiter des Wahlkampf-Teams, die in den nächsten Monaten dafür sorgen sollen, dass nicht nur die Website der Partei, sondern auch die Kampagnenseite "teAM Deutschland" und zahlreiche CDU-Spinoff-Seiten in Social-Networks stets auf dem neuesten Stand sind. Was darüber hinaus an Manpower nötig ist, soll durch den neuen Web-Auftritt mobilisiert werden - Obama lässt grüßen. Da gibt es viel zu tun.

Zum Wahlkampf 2009 soll sich die CDU-Website von der behäbigen Parteiseite zur agilen Kampagnenseite mausern. Abgespeckt und doch aufgebohrt: Übersichtlicher, visuell reduziert und doch informationsreich. Von einer "Landebahn für politisch Interessierte" solle sie zur "Startrampe für politisch Aktive" werden, erklärt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla die Runderneuerung.

Nach Barack Obamas fulminantem Web-Wahlkampf haben alle Parteien das - aus ihrer Sicht auch nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten noch immer neue - Medium für sich entdeckt. Von Barack lernen heißt nicht nur Siegen lernen: Es bedeutet, wieder einen direkten Draht zum Bürger zu finden.

Das "teAM Deutschland": Auf der Suche nach Graswurzeln

Genauer: Zur Basis, zu den sogenannten Grassroots, wie das Neuhochdeutsch heißt. Zum Fußvolk, zu den begeisterungsfähigen, ehrenamtlichen Zuarbeitern, von denen man annimmt, dass sie sich gern auch einmal für die Sache der Partei engagieren wollen. Und die, so der Plan, sollen dann hinaus gehen ins Land, in die Peer-Groups, zu den Altersgenossen, und dem Wahlkampf der CDU Frische verleihen. Am besten als Teil des teAM Deutschland, dem Social Network der CDU.

Wer da eintritt, hat ein Ziel: Angela Merkel soll weiter Kanzlerin bleiben. Parteimitglied muss man dagegen nicht sein.

Tatsächlich verzichtet teAM Deutschland - für deutsche Verhältnisse gewagt - auf jedes "CDU" im Logo oder sonst wo. Wo man da ist, teilt sich auch so mit: Die Partei ist das zentrale Thema der ebenfalls neuen Seite. Der Relaunch betrifft eben nicht nur die Homepage der Partei, sondern eine ganze Reihe von Seiten, die nun besser vernetzt werden sollen (Twitter, Facebook, die VZ-Seiten, Wer-kennt-wen, Flickr). Knapp über 4000 Unterstützer haben sich schon vorab unter dem virtuellen Dach der geplanten Jung-Volksbewegung versammelt, und parallel zum Neustart der Website soll es auch dort losgehen.

Was wächst denn da?

Und zwar zunächst diskutierend, Freunde sammelnd, Fotos veröffentlichend und was man sonst noch so tut in einem veritablen Social Network. Dieses hier ist eines für Gleichgesinnte, die sich nicht nur virtuell näher kommen sollen: teAM Deutschland, so die für konservative Zielgruppen gewagte, für Sprachpuristen quälende Schreibweise, soll dazu beitragen, dass sich auch Sympathisanten finden, die der Partei bisher fern standen. Eines der Pflichtfelder im Anmeldeprozess ist die Frage nach der Postleitzahl. Wer eine angibt, erfährt sofort, wer da im näheren Umkreis noch zum teAM gehört.

Damit folgt die CDU einem Modell, das auch die SPD seit längerem probiert. Dort heißt das entsprechende Angebot "meine SPD", bietet ähnliche Möglichkeiten, aber noch mehr Mission: Es malträtiert seine Mitglieder mit ständig wechselnden, zu erfüllenden Aufgaben. So etwas sucht man bei der CDU noch vergeblich, doch das mag sich noch ändern im Laufe des Wahlkampfs.

Bei beiden Großparteien spielt natürlich die Verteilung von Kampagnenmaterial und Partei-Merchandising eine nicht unwichtige Rolle. Beide folgen mit ihren renovierten Parteiseiten fast identischen Philosophien. Die kann man so zusammenfassen:

  1. Weg mit der Textwüste aus Partei-Pressemitteilungen, hin zur visuell ansprechenden, auf einen Blick erfassbaren Homepage;
  2. Sei überall: Eröffne Social Networks, spiele Web-TV bei YouTube, biete Deinen Anhängern Dinge, die sie auf eigenen Seiten einsetzen können;
  3. Erscheine jugendlich, ohne die eher alte Stammwählerschaft zu vergrätzen.

Klar, dass dabei ein ziemlicher Drahtseilakt herauskommt. Auch die CDU sucht den Extrem-Spagat zwischen staatsmännisch-langweiliger Verlautbarungskommunikation und dem Mitmach-Web. Sie verteilt Videos bei YouTube und erlaubt sogar, dass man sich die nimmt und irgendwo anders einbaut ("embedded").

Das ist durchaus ein Risiko. Zum einen ist, was eine Partei zu bieten hat, nach YouTube-Maßstäben ganz schön hölzern-langweiliges Zeug. Entsprechend sehen bisher die Abruf-Statistiken aus, aber auch hier lernt die CDU hinzu. Das bisher erfolgreichste Parteivideo mit immerhin über 13.000 Aufrufen hat nahezu viralen Charakter und ist ungewohnt frech für hiesige Politik-Verhältnisse:

Zum anderen besteht natürlich das Risiko, das bald CDU-Videos in Kontexten auftauchen, die der Partei nicht dienlich sind. Die CDU sei sich des "Spannungsverhältnisses zwischen dem Kontrollbedürfnis einer Partei und der spielerischen Freiheit, die man dem Medium Internet gewähren muss, wenn man es erfolgreich einsetzen will, durchaus bewusst", so Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler.

In den nächsten Wochen sollen zunehmend auch Videos von der Basis zu sehen sein. Wie auch immer das dann aussehen mag: Während die Partei die freie Verwendung ihrer Materialien auf anderen Webseiten innerhalb gesetzlich vertretbarer Grenzen tolerieren wird, sollen alle Inhalte, die auf den Parteiseiten selbst zu sehen sein werden, natürlich passenden Stallgeruch haben. Es soll ein wenig jugendlicher und frischer zugehen - aber bitte nicht zu sehr.



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