Online-Wahlkampf: "Sie werden sich wünschen, wir wären politikverdrossen"

Von Zacharias Zacharakis

Kampfansage an SPD und Union: Nach dem Bundestagsbeschluss über Internet-Sperren kündigt die Netzgemeinschaft eine breite Front gegen die Netz-Wahlwerbung der beiden Parteien an - Online-Strategen von SPD und Union stehen vor einem echten Problem.

Berlin - Sichtlich gelangweilt sitzen die fünf Sprecher der im Bundestag vertretenen Parteien auf dem Podium. Einer tippt lustlos auf seinem Smartphone herum, ein anderer hängt schlaff zurückgelehnt im Drehstuhl.

Sie verfolgen wechselseitig die Präsentationen ihrer längst bekannten Konzepte für die Onlinekampagnen zur Bundestagswahl - bis die Sprache auf die neueste Entwicklung kommt: Die aktivsten Nutzer im Netz wollen den Internetwahlkampf von Union und SPD aushebeln.

Bundestagsparteien: Bislang kein Barack Obama in Sicht

Bundestagsparteien: Bislang kein Barack Obama in Sicht

Eingeladen zu dem ungewöhnlichen Gruppentreffen der fünf Werbe-Strategen hat der Suchmaschinen-Gigant Google. Eigentlich soll der Frage nachgegangen werden, welches Interesse für Politik bei Internetnutzern besteht und wie sich dieses Interesse steigern lässt.

Eine Marketing-Mitarbeiterin zeigt Kurven und Säulendiagramme, präsentiert eine Untersuchung. Sie sagt, dass gut jeder dritte Nutzer unter 30 Jahren das Internet als seine wichtigste politische Informationsquelle angibt. 60 Prozent informieren sich demnach in dieser Altersgruppe "häufig" bis "sehr häufig" im Netz über Politik.

Die Marketingdame empfiehlt den Parteien, mehr Anzeigen bei Google zu kaufen.

"Sehr emotionale und teilweise entsachlichte Debatte"

All das birgt keine Überraschungen. Die Hoffnung der deutschen Parteien auf eine massenhafte Mobilmachung von Wählern im Netz ist ohnehin bereits der Erkenntnis gewichen, dass man dafür auch entsprechend charismatische Figuren bräuchte. Doch ein Barack Obama ist in Deutschland bisher nicht in Sicht.

Als wäre dies nicht genug, drohen nun Netzaktivisten, die Online-Kampagnen der beiden Regierungsparteien zu bekämpfen. Sie sind wütend auf die Union und vor allem auf die SPD, weil diese den Beschluss über Internetsperren gegen Kinderpornografie durchgeboxt haben - gegen alle Widerstände aus der Community und trotz einer Netz-Petition mit weit über 130.000 Unterstützern.

"Es gab in den letzten Wochen eine sehr emotionale und teilweise entsachlichte Debatte", sagt Sebastian Reichel, bei der SPD verantwortlich für den Online-Wahlkampf. "Wichtig ist, dass wir jetzt wieder auf einander zugehen."

Auch CDU-Wahlkampfmanager Stefan Hennewig versucht, die Wogen zu glätten: "Einen Herzlichen Glückwunsch an die Netzgemeinde, dass sie solch eine Debatte zu diesem Thema auslösen konnte."

"Die SPD in Sturm aus Scheiße schicken"

Doch die Stimmen im Netz klingen alles andere als versöhnlich: "Sie werden sich wünschen, dass wir politikverdrossen sind!" Dieser Satz geistert als Schlachtruf durch zahlreiche Foren. Der in der Szene bekannte Politikblogger Michael Seemann alias MSpro, schreibt: "Wir werden die SPD in einen Sturm aus Scheiße schicken. Sie hat sich nämlich selber zum Feind des Internets gekürt." Eine ähnliche Haltung findet sich in vielen aktuellen Blogbeiträgen, samt und sonders aus der A-Riege, den oberen Rängern der "Deutschen Blogcharts" - Spreeblick, Nerdcore, Netzpolitik, Fefe, und viele andere, lauter echte Multiplikatoren mit vielen treu ergebenen Lesern. Diese Meinungsführer der Netzgemeinde sind jetzt nicht nur nicht mehr für die SPD - sie sind gegen sie.

Diese Drohung könnte sich für die Wahlkämpfer zur realen Gefahr auswachsen: Dann nämlich, wenn Blogger und Forenschreiber auch zu anderen Themen der Parteien eine ähnliche Öffentlichkeit erzeugen, wie dies bei den Internetsperren geschehen ist.

SPD-Onlinewahlkämpfer Reichel hält dagegen: "Letztlich geht es im September um ein ganzes Spektrum von Themen und um die Entscheidung zwischen zwei Kanzlerkandidaten. Das wird die größte Rolle spielen."

Frust über die Missachtung aus der Politik

Doch Reichel könnte dabei einen wichtigen Punkt unterschätzen. Aus Frustration über die Missachtung seitens der Politik könnten sich nun viele Aktivisten die Wahlprogramme der Parteien genauer vornehmen, Schwächen und Widersprüche herausstellen, oder einfach auf Übereinstimmungen aufmerksam machen.

Die Parteien werden sich wohl nicht auf einen physischen Übergriff einstellen müssen, also etwa auf einen Hackerangriff auf ihre Online-Angebote. Aber auf eine breite publizistische Front. Den positiven Obama-Effekt aus dem Netz dagegen, den sich mancher Parteistratege wohl insgeheim doch erhoffte, können die Wahlkämpfer wohl schon jetzt abschreiben.

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