Online-Zeitung: Das löchrige Digital-Abo der "New York Times"

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Ab Montag ist das Online-Angebot der "New York Times" nur noch zahlenden Nutzern uneingeschränkt zugänglich - eigentlich. Längst haben Internetnutzer Wege gefunden, das Bezahlsystem mit einfachen Mitteln auszuhebeln.

Zentrale der "New York Times": Neuer Versuch, mit Nachrichten im Web Geld zu verdienen Zur Großansicht
AFP

Zentrale der "New York Times": Neuer Versuch, mit Nachrichten im Web Geld zu verdienen

Jetzt macht die " New York Times" ("NYT") ernst: Am Montag soll auf der Web-Seite der US-Tageszeitung ein Bezahlsystem eingeführt werden, das nicht-zahlenden Nutzern nur noch eingeschränkten Zugang zu den Inhalten der "NYT" gewährt. In die Entwicklung der sogenannten Paywall, der Bezahlmauer um das Digitalangebot herum, soll der Verlag 40 bis 50 Millionen Dollar investiert haben. Wirklich dicht ist sie trotzdem nicht, sondern lässt sch mit einfachen Mitteln umgehen. Der Digitalchef der "NYT" trägt es mit Fassung und kündigt bereits an, Umgehungsversuche nicht mit großem Aufwand verfolgen zu wollen.

Der Aufbau des neuen Online-Abo-Systems der "NYT" ist im Grunde einfach: Für die Nutzung der Website und eine Smartphone-App der "NYT" werden 15 Dollar pro Monat verlangt. Wer das Blatt im Web und auf einem Tablet-Computer lesen will, soll 20 Dollar zahlen. Nutzer, die via Web, Tablet und Handy lesen wollen, was die "New York Times" zu bieten hat, müssen für einen All-in-One-Tarif 35 Dollar berappen. Abonnenten der gedruckten Zeitung erhalten den Zugang zu allen Online-Diensten ohne Zusatzkosten.

In engen Grenzen steht das Digitalangebot dennoch auch Nicht-Abonnenten offen. Deren Zugriff auf Artikel, Videos und Blog-Einträge der "NYT" soll allerdings auf 20 Artikel pro Monat begrenzt sein. Außerdem wird jedermann kostenfrei Zugang zur Homepage und den Aufmacherseiten der Ressorts und Blogs gewährt.

Twittern reicht schon

Lücken im System erlauben es jedoch, die Bezahlschranke zu unterwandern, ganz ohne Hackerkünste oder kriminelle Energie. Die einfachste Methode ist es, Links aus Social Networks zu nutzen, um "NYT"-Artikel zu lesen. Wer bei Facebook oder Twitter einen Hinweis samt Link auf eine interessante Geschichte findet, kann sie ungehindert auf der Website der "New York Times" lesen. Das 20-Artikel-Limit der "NYT" spielt dabei keine Rolle.

Diese Lücke haben einige Enthusiasten bereits automatisiert. Sobald ein neuer Artikel auf der Website erscheint, posten sie einen entsprechenden Link samt der Headline auf Twitter. Ein derartiger Account war auf Druck der "NYT" bereits gesperrt worden. Allerdings nicht wegen seiner Tweets, sondern, weil er das Logo der Zeitung unerlaubt verwendet hatte. Jetzt fördert eine kurze Suche schnell mehrere Twitter-Accounts zutage, die sich die Weitergabe von "NYT"-Links zur Aufgabe gemacht haben, darunter #freeUnnamedNews und #timeswiretap. Unter dem Titel " The firehose Daily" sammeln zudem 40 Twitter-Nutzer "NYT"-Artikel zu einem "New-York-Times"-Mashup zusammen, in dem Social-Links zur "NYT" wiederum in Form einer Newssite aggregiert werden.

Vertrauen in die Leser

Eine andere Möglichkeit, die Bezahlschranke zu umgehen, hat der kanadische Entwickler David Hayes erdacht. Er hat eine Web-App namens NYTClean geschrieben. Integriert man diese App als Bookmarklet in seinen Browser, soll es ausreichen, einmal auf das entsprechende Bookmark zu klicken, wenn man auf der NYT-Seite an die 20-Artikel-Grenze stößt, und schon kann man kostenlos weiterlesen.

Von der Website All Things Digital auf solche Umgehungsversuche angesprochen, erklärte Martin Nisenholtz: "Ich glaube, die meisten Leute sind ehrlich und schätzen den großartigen Journalismus der 'New York Times'". Nach seiner Ansicht gibt es viele Nutzer, die ohnehin ein schlechtes Gewissen haben, weil sie das Angebot der "NYT" schon lange kostenlos nutzen. Er wolle zwar die Entwicklungen der nächsten Monate aufmerksam beobachten, habe aber nicht vor, "enorme Ressourcen darauf zu verwenden, Leute zu verfolgen", die das System umgehen. Lücken in der Paywall wolle er erst schließen lassen, wenn sie "substantiell genug" geworden sind.

Was er als substantiell ansehen würde, sagte Nisenholtz allerdings nicht.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Tja...
sappelkopp 28.03.2011
...das macht nachdenklich. Solange die Netzgemeinde für qualitativ hochwertigen Journalismus nicht zahlen möchte, wird sie ihn nicht erhalten. Die Umsonst-Mentalität führt dazu, das alle möglichen Tricks ausprobiert werden, nur um den Inhalt dann doch noch kostenlos zu erhalten. Das wird dann auch noch beklatscht! In meinen Augen wird dadurch nicht nur der Verlag geschädigt, sondern langfristig der einzelene engagierte Journalist bzw. die Journalistin. Sie erbringen eine wertvolle Leistung, die auch nachgefragt wird - schließlich machen die Menschen sich ja die Mühe Sperren zu umgehen - aber nicht bezahlt wird. Eine Spirale, die nach unten führt, zum beliebigen Verlautbarungsjournalismus der von knallharter Recherche so weit entfernt ist, wie der Neandertaler von der Raumfahrt.
2. Geht wohl auch noch leichter
Ben-99 28.03.2011
... klappt das denn nicht auch, wenn man den Umweg über Google nimmt? Bei einer großen norddeutschen Regional-Zeitung, die seit einiger Zeit sämtliche Hamburg-Themen kostenpflichtig gemacht hat, muß man nur die Überschrift des gewünschten Artikels in die Suchmaschine eingeben, um Zugriff auf den vollständigen Bericht zu erhalten.
3. geht einfacher
sensenstiel 28.03.2011
Zitat von Ben-99... klappt das denn nicht auch, wenn man den Umweg über Google nimmt? Bei einer großen norddeutschen Regional-Zeitung, die seit einiger Zeit sämtliche Hamburg-Themen kostenpflichtig gemacht hat, muß man nur die Überschrift des gewünschten Artikels in die Suchmaschine eingeben, um Zugriff auf den vollständigen Bericht zu erhalten.
beim Firefox reicht es, sich den "Useragent switcher" als "Erweiterung" zu laden und damit seinen Browser als MSN-Bot auszugeben.
4. Ich hoffe und glaube, dass es funktionieren wird
WolfHai 28.03.2011
Ich glaube auch, dass es, jedenfalls in den USA, genügend Leute gibt, denen es langfristig zu dumm ist, immer kleine Tricks anwenden zu müssen, und die dann lieber ehrlich für das zahlen, was sie ja auch nutzen. Wenn nicht, wäre es nicht nur gefährlich für die Zeitung, sondern auch für die Demokratie, die langfristig auf Qualitätsjournalismus angewiesen ist - Qualitätsjounralismus, der rein werbefinanziert vermutlich nicht angeboten werden kann. Alles Gute, New York Times!
5. Gutes Konzept
tobicus 28.03.2011
Das erinnert ein wenig an die Strategie von Microsoft mit Windows. Hacken leicht gemacht, um Personen ohne nötige Bonität nicht auszuschließen, aber ein schlechtes Gewissen machen. Ich würde auch für Spiegel ein Abo bezahlen, solange Paypal unterstützt wäre. Die 40 Cent pro Artikel Aktion war von vornerein ein Reinfall. Ich hoffe nur, Spiegel wird bei seinem nächsten Versuch mehr auf Vernunft und Betriebswirtschaft achten. Weil das bekommt mach für unter 50 Mio wenn man die richtigen Leute hat ...
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