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Onlinebetrug: Wo die Webmafia zuschlägt

Von Fabian von Keudell

Internetkriminalität gilt als lohnendes Geschäftsfeld für Betrüger. Aber wie und womit genau machen die ihr Geld? Die PC-Zeitschrift "Chip" ging auf die Suche - und fand Gauner mit 800.000 Euro Einkommen. Wir zeigen, wie der lukrative Onlinebetrug funktioniert und wie man sich davor schützt.

Onlinebetrug: Datenklau im Internet Fotos
CHIP

Wer es nicht besser weiß, würde Mihai P. für einen sympathischen jungen Mann halten: 22 Jahre alt, kurze Haare, nettes Lächeln. Doch hinter der jugendlichen Fassade steckt ein hinterhältiger Abzocker, der über 80 Personen auf der Auktionsplattform Ebay betrogen hat. Sein Gewinn: satte 57.000 Euro. Und dabei ist er noch ein kleines Licht, denn der Verdienst eines Top-Webkriminellen liegt bei ungefähr 800.000 Euro - pro Monat.

Das Perfide: Obwohl die Strafverfolgungs-Behörden wissen, wo die Gauner stecken, bekommen die wenigsten ernsthafte Probleme mit der Staatsgewalt. Mit eigenen verdeckten Recherchen und in Zusammenarbeit mit Insidern entlarvt CHIP, wie die Internetmafia Konten plündert, Identitäten stiehlt und mit Mietbetrug Kasse macht.

Ebay-Betrug: Schnelles Geld für Arme

Die rumänische Kleinstadt Dragasani zählt 20.708 Einwohner; knapp unter 10 Prozent davon verdienen sich den Lebensunterhalt mit Ebay-Betrug. Der Durchschnittsverdienst in der Region lag vor zwei Jahren bei 233 Euro, trotzdem sieht man viele Bürger in Limousinen von Audi, Mercedes-Benz und BMW durch die Straßen fahren. Dass sich mit Webbetrug gutes Geld machen lässt, haben hier viele Leute kapiert, denn was früher nur wenige machten, ist heute organisiertes Verbrechen im großen Stil.

Wie genau die Kriminellen bei Auktionsbetrug vorgehen, hat das Ebay-Magazin recherchiert: Einer der Webgauner, der genannte Mihai P., lebt mit seinen Eltern in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Dragasani, vier Autostunden westlich von Bukarest. Zusammen mit ein paar Kumpels stellte er zum Spaß Handys auf Ebay ein, die er selbst gerne gehabt hätte. Als die ersten Überweisungen eintrafen, sei er überrascht gewesen, dass er tatsächlich Geld für Waren erhielt, die er gar nicht besaß, sagt Mihai. Seine Masche war erfolgreich. In einem Fall ging es um eine fiktive Charge von 20 Mobiltelefonen, für die er rund 3800 Euro kassierte.

Der Trick von Mihai war und ist immer noch eine der am weitesten verbreiteten Betrugsvarianten bei Ebay: Im Verkaufsangebot befinden sich Waren, die gar nicht vorhanden sind. Diese sollen die Bieter nach erfolgreicher Auktion im Voraus bezahlen - allerdings nicht per Banküberweisung. Denn die lässt sich zu leicht nachverfolgen und setzt ein Empfängerkonto voraus. Die Kriminellen setzen auf Western Union, den weltweit führenden Anbieter von Geldtransfers. Hier braucht niemand ein Bankkonto - weder der Sender noch der Empfänger.

Über 90 Prozent geben den Gaunern freiwillig ihr Geld

Für Überweisungen an Onlinehändler sollten Sie daher nie auf Western Union setzen; Seriöse Verkäufer bieten die Zahlung per normaler Inlands-Überweisung an. Sind Sie bereits Opfer eines Betrugsfalls, erstatten Sie sofort Anzeige.

Und so läuft die Transaktion beim Gelddienst ab: Der Auftraggeber füllt ein Sendeformular in einem Vertriebsstandort von Western Union aus, gibt das Formular mit dem Geld am Schalter ab und zeigt seinen Ausweis vor. Der Sender erhält dann eine Money Transfer Control Number (MTCN). Innerhalb weniger Sekunden steht das Geld weltweit zur Auszahlung an den Empfänger bereit. Zur Abholung muss der Empfänger ebenfalls einen Identitätsnachweis mitbringen und den Namen des Senders, das Land, aus dem gesendet wurde, sowie die Höhe des Betrags angeben.

Die Betrüger nehmen das Geld mit einem gefälschten Pass und der MTCN in Empfang - komplett anonym. In vielen Fällen benötigt man nicht mal einen Ausweis, falls der Mitarbeiter der Western-Union-Filiale eingeweiht ist. Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch, denn laut der Organisation Transparency International liegt Rumänien auf Rang 71 des Korruptionsindex. In den Jahresberichten bezüglich Internetkriminalität, die das US-amerikanische FBI herausgibt, taucht Rumänien sogar regelmäßig unter den zehn Ländern mit den meisten Tätern auf.

Arbeitsteilung zwischen Bossen und "Sachbearbeitern"

Stefan Bauer, Kriminaloberkommissar in München, nennt im Ebay-Magazin weitere Zahlen: 285 Geschädigte aus 21 Ländern und ein Schaden von über einer Million Euro. Die Köpfe der internationalen Auktionsbetrüger-Bande sitzen in Dragasani, berichtet das Ebay-Magazin. Die Gruppe ist wie eine Firma aufgebaut. Bauer kennt mehr als hundert Mitglieder mit Namen. In der Regel sind es Männer zwischen 18 und 30 Jahren.

Es gibt Bosse, die den Betrug organisieren, und "Sachbearbeiter", die Angebote ins Internet stellen und mit den Opfern in Verbindung stehen; Computerexperten programmieren Websites mit erfundenen Unternehmen, die Geschädigte in Sicherheit wiegen sollen. Sogenannte Arrows - "Pfeile" - holen das Geld bei Bargeldservices wie Western Union ab. Die Arrows sind über ganz Europa verteilt, was die Ermittlungen erschwert.

Dass nur ein extrem kleiner Teil der rumänischen Kriminellen verhaftet werden kann, liegt aber auch am rumänischen Prozessrecht selbst, so das Ebay-Magazin: Die Geschädigten müssen persönlich vor Gericht aussagen. Und selbst wenn es so weit kommt, erwischt es nur die "Arrows" - nie die Strippenzieher.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. Dummheit tut weh.
archie, 06.05.2010
Ehrlich gesagt, wer auf einen der hier geschilderten Tricks hereinfällt, muss schon ziemlich bescheuert sein und hat den Schaden, den er dabei erleidet, in jedem Fall verdient.
2.
serdna 06.05.2010
Zitat Artikel: ...Neben den Einnahmen aus dem Verkauf der Pseudo-Schutzsoftware verdienen die Kriminellen noch durch den Webtraffic der Site, auf der sie die Software anbieten. Allein bei TrafficConverter verdienen die zehn erfolgreichsten Kunden der Site im Schnitt 17.000 Euro - pro Woche..... Liebe Leute, durch den "Webtraffic", wahrscheinlich sind die unique visitors, pageviews oder sowas gemeint, also irgendetwas, mit dem gemessen wird, wie oft eine Seite aufgerufen wird, verdient man GAR KEIN Geld, das kostet. Modelle, bei denen schon der Zutritt kostenpflichtig ist, fallen ja nach Angaben des Artikels aus, denn das wären Kleinstbeträge, die anonym nicht eingezogen werden können. Bleibt also das übliche Schema Online Werbung. Abgesehen davon, dass sich für eine solche Seite gar keine Werbepartner finden würden, google adsenst würde das sofort abschalten, bräuchte man etwa 70 Millionen pageviews pro Monat um auf 17 000 Euro pro Monat zu kommen. Es sei zuversichtlich versichert, auf diese Größe kommen nur hochseriöse Seiten. Der Artikel zeigt, dass derjenige, der ihn geschrieben hat, nicht nur vom Internet keine Ahnung hat, sondern auch dumm wie Bohnenstroh ist. Ich verstehe den Ansatz der Journaille, immer und immer wieder über das Internet als ein Sammelsurium an Betrug, Porno, Gefahren etc. etc. zu berichten, ein Medium, in dem Nichts, aber wirklich gar Nichts positiv ist, verstehe, dass es als existenbedrohende Gefahr empfunden wird. Die Journaille wiederum wird verstehen, dass die Journaille, mit einm IQ unter Zimmertemperatur, allmählich als ekelhaft empfunden wird. Über die 93 Prozent, die auf den Trick mit den Pseudo Viren reinfallen, braucht man sich schon gar nicht mehr unterhalten. 93 Prozent (100 Prozent wäre full house, falls der Journaillist, der den Schwachsinn geschrieben hat das nicht weiß) wäre fast jeder. Ich hingegen, befasse micht beruflich damit und kenne 0 Prozent, die darauf reingefallen sind. Lernt man eigentlich in einem Journaillisten "Studium" nicht sowas wie Quellen angeben, recherchieren, kritisch prüfen ?
3. Rougeware?
Bommi 06.05.2010
Ist das nicht die Software, die die Avon-Beraterin mitbringt? Oder ist vielleicht eher die Rogueware gemeint?
4. Onlinebetrug
BonChauvi 06.05.2010
Zitat von archieEhrlich gesagt, wer auf einen der hier geschilderten Tricks hereinfällt, muss schon ziemlich bescheuert sein und hat den Schaden, den er dabei erleidet, in jedem Fall verdient.
Was für ein dümmlicher Kommentar. Es sind eben nicht alle Computernutzer pickelige bleiche Nerds die nichts anderes zu tun haben, als den lieben langen Tag vereinsamt vor dem PC zu hocken.
5. Nachsendeauftrag
poster 06.05.2010
Zwei mal wird der Helfershelfer beim Namen genannt: ---Zitat von SPIEGEL--- deshalb greifen sie zu einem Trick, um an die EC-Karte zu gelangen: ein Nachsendeauftrag der Deutschen Post. Über das Internet lässt sich für 15,20 Euro eine Umleitung der Post an eine beliebige Anschrift veranlassen. ---Zitatende--- Das ist natürlich ein toller Service, solange er nicht misbraucht wird. Dass er das wird, ist offenbar allerdings hinlänglich bekannt. Was passiert dagegen? ---Zitat von SPIEGEL--- Sind Sie erst mal in die Fänge der Gauner geraten, kommen Sie nur schwer wieder heraus. Nachsendeaufträge der Post etwa lassen sich nur mit dem Auftragscode löschen. ---Zitatende--- Und das ist dann die konsequente Vollendung: Der Betrogene braucht den "Auftragscode" vom Betrüger... Bin mir sicher, dass der ganze Prozess rechtlich absolut einwandfrei ist und sämtlichen relevanten Vorschriften genügt. Also, nichts zu machen...
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Identitätsklau im Internet

Kriminelle schlüpfen in fremde Online-Identitäten und begehen in deren Namen Straftaten: Sie eröffnen Scheinkonten für illegale Geldtransfers, nutzen die gestohlenen Daten, um bei Ebay einzukaufen, und verwenden die Kreditkarten ihrer Opfer, um sich ein schönes Leben zu finanzieren.

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