Onlinemusik Google macht Musik kostenlos - in China

Google gräbt Raubkopierern in China das Wasser ab: Ab sofort kann man über den chinesischen Ableger des Unternehmens kostenlos Musik laden - vollkommen legal. Die Plattenfirmen haben dem Angebot ihren Segen gegeben, und auch die Regierung spielt mit - so lange Google kooperiert.

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Google Music China hat einiges zu bieten: 1,1 Millionen Songs soll das Angebot bereitstellen, allesamt sofort herunterladbar, legal und vor allem kostenlos. Unter anderem soll Raubkopierern auf diese Weise die Grundlage entzogen werden. Schätzungen zufolge wird der Löwenanteil der in China in Umlauf befindlichen Musik illegal kopiert. Internet-Suchmaschinen spielen dabei offenbar eine bedeutende Rolle. Laut Google geben 84 Prozent der chinesischen Websurfer an, Suchmaschinen vor allem für die Suche nach Musik zu verwenden.

Google wird dabei aber offenbar nur selten genutzt. Vielmehr gilt hier die chinesische Suchmaschine Baidu, Googles ärgster Konkurrent, als führend. Das Portal bietet schon seit seiner Gründung vor zehn Jahren eine auf Musik spezialisierte Suchfunktion an, die gezielt nach Dateien in den Formaten MP3 und Windows Media Audio fahndet. Eben diese Funktion ist westlichen Plattenfirmen schon lange ein Dorn im Auge, weil sie sogenannte Deep-Links bereitstellt, über die man die gefundenen Musikdateien aus illegalen Quellen direkt herunterladen kann.

Solche Links gibt es bei Googles chinesischer Musiksuche auch. Hier allerdings verweisen sie nicht auf die Seite illegaler Angebote, sondern auf das Musikportal Top100.cn, an dem Google beteiligt ist. Top100.cn bietet bereits seit dreieinhalb Jahren legale Musikdownloads in China an.

Angucken ja - Ausprobieren nein

Geld soll durch Anzeigen eingenommen werden, deren Erlöse Google mit Top100.cn und den Plattenfirmen teilen will. Für Google selbst dürfte aber wichtiger sein, mit den kostenlosen Musikdownloads mehr Chinesen auf seine Seiten zu locken. Schließlich ist Baidu offenbar deshalb so beliebt, weil es eine einfache Möglichkeit erschließt, billig an aktuelle Hits zu kommen. Dieses Erfolgsrezept scheint Google mit seinem Angebot kopieren zu wollen, nur eben legal.

Wer mag, kann sich die neue Suchseite auch ohne Chinesisch-Kenntnisse anschauen. Yahoos Babel Fish und Googles Translate übernehmen die Übersetzung. Abgesehen davon, dass ein solcher Besuch auf Googles chinesischen Seiten ausgesprochen unterhaltsam ist, hat man davon allerdings keine Vorteile. Denn die dort erreichbaren Popsongs sind nicht anhör- und schon gar nicht herunterladbar.

Google lokalisiert die Anfragen offenbar anhand der IP-Nummern der Besucher - wer mit einer Adresse außerhalb Chinas auf das Angebot zurückgreift, darf nichts herunterladen. Ohne diesen Mechanismus hätten die beteiligten Labels dem Dienst wohl kaum ihr Okay gegeben.

Nur wer kooperiert, wird geduldet

So dürfte Googles China-Initiative am Ende wohl für alle Beteiligten Gewinn bringen: Die Plattenfirmen verdienen endlich auch in China Geld mit Musikdownloads, Google erhöht seinen Marktanteil von derzeit 16,9 auf um ein paar Prozentpunkte, und chinesische Musikliebhaber werden für ihr künftig legales Treiben mit gutem Karma belohnt.

Von der Regierung als illegal gebrandmarkte Musik werden aber auch die Nutzer des neuen Google-Angebots nicht zu hören bekommen. Das nämlich ist so legal, dass es offiziell verbannte Titel freiwillig aussperrt. Ohne diese Zugeständnis an die chinesischen Zensurbehörden hätten die kostenlosen Downloads keine Chance gehabt, so Lachie Rutherford, Chef des asiatischen Ablegers von Warner Music und Regionalchef der Plattenfirmenvereinigung Ifpi. Der Nachrichtenagentur AP sagte Rutherford: "Wenn man im chinesischen Musikgeschäft Fuß fassen will, muss man sich an die Regeln halten."

Google macht die Musik in China also kostenlos - aber nicht frei.



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