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05. April 2012, 11:51 Uhr

Aquarell statt Pixel

Online-Karten, so schön wie gemalt

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Eine Weltkarte, gemalt mit Tusche, natürlich mit Zoom-Knöpfen und Suchmaske: Auf Basis von Daten des freien Mitmach-Dienstes "Open Street Map" entstehen neue Online-Karten - wir zeigen die schönsten.

Graue Flächen, durchzogen von gelben Linien: Online-Karten erfüllen zwar ihren Zweck, richtig elegant sehen die Werke aber nicht aus. Die Karten von Microsoft und Google sind auf Funktionalität getrimmt. Mehrfach haben die Entwickler von Google Maps in den vergangenen Jahren an den Farben und Formen ihrer Karte gearbeitet. Weil sich die Karten der Konzerne einfach einbetten und mit eigenen Markierungen versehen lassen, durchzieht das Einheitsgrau mittlerweile das Web.

Wie langweilig! Dem Karten-Mainstream wollen Designer nun etwas entgegensetzen. Zum Beispiel Stamen, ein kleines Studio aus San Francisco, das digitale Daten mit Aquarellbildern kombiniert hat. Von der Grafikdesignerin Geraldine Sarmiento auf Papier gemalte Farbflächen mit all ihren Unregelmäßigkeiten dienten als Grundlage für "Watercolor". Die eingescannten Bilder wurden so bearbeitet, dass sich damit Flächen nahtlos füllen lassen.

Damit die Aquarellkarte aussieht wie gemalt, haben die Stamen-Entwickler außerdem Farbeffekte berechnet. Dazu nahmen sie die Straßendaten, nutzten einen Weichzeichnungsfilter, um die Farbflächen zu den Außenrändern hin abzudunkeln. Die Kartenstücke in den verschiedenen Maßstäben, die sich die Nutzer anzeigen lassen können, werden von einem Programm errechnet.

Typografen können nachrüsten

Die Kartendaten stammen von Open Street Map, einer Art Wikipedia für Online-Karten. Das 2004 gegründete Projekt will mit der Hilfe von Freiwilligen die ganze Welt erfassen und diese Daten frei verfügbar machen - mittlerweile sind viele Teile der Welt erfasst, zum Teil aktueller und detailreicher als bei den Kartendiensten von Google und Microsoft. (Lucy Chambers von der Open Knowledge Foundation hat gerade von einer Reise nach Sarajevo berichtet, bei der sie mit Google Maps aufgeschmissen gewesen wäre.)

Standardmäßig sehen die Karten von Open Street Map allerdings so grau aus wie die der Konkurrenz. Der Unterschied: Jeder kann auf dieser Datenbasis eigene Karten erstellen. Die Aquarellkarte, ein Mash-up der Open-Street-Map-Daten, kann sich sehen lassen. Einzig Orts- und Straßennamen in einer passenden Schriftart fehlen noch. Weil die Karte unter einer Creative-Commons-Lizenz steht und praktisch von jedem verwendet und verändert werden darf, könnten Typografen so eine Funktion nachrüsten.

Es ist nicht das einzige Verschönerungsprojekt von Stamen, das mit Fördergeldern der Knight Foundation entstanden ist. "Toner" ist eine in schwarz-weiß gehaltene Karte, die entfernt an Faxausdrucke erinnert, "Terrain" kombiniert detaillierte Höhenangaben der US-Behörden mit den Kartendaten aus Open Street Map. In den Vereinigten Staaten stehen die von offiziellen Stellen erhobenen Daten der Allgemeinheit zur Verfügung, in anderen Ländern sieht das anders aus - in Deutschland verlangen die zuständigen Ämter zum Teil hohe Gebühren.

CloudMade und MapBox stellen Schnittstellen bereit

Nicht nur die Design-Spielereien von Stamen zeigen, was mit den Daten von Open Street Map möglich ist. Die Firma CloudMade, gegründet von einem der Initiatoren der freien Weltkarte, entwickelt auf der Datenbasis von Open Street Map Programmierschnittstellen, fertige Karten und Geodienste. Mit Hilfe von CloudMade entstand etwa ein digitales Fahrtenbuch, eine App, die automatisch die gefahrene Strecke misst und diese Daten in einen Kalender eintragen kann.

Das Unternehmen MapBox bietet seinen Kunden wiederum auf Basis von Open Street Map einen Editor an, mit dem sich eigene Karten stylen und mit weiteren Daten versehen lassen. So nutzt das Lokalisierungsnetzwerk Foursquare die Kartendaten von Open Street Map in einem Layout von MapBox, ergänzt um Restaurants oder andere "Points of Interest", Orte, an denen sich die Foursquare-Nutzer anmelden.

Über die MapBox-Software lassen sich außerdem statistische Daten visualisieren. Die Hilfsorganisation "One" nutzt das etwa, um auf einer Karte von Afrika die Hungersituation grafisch darzustellen. Ein weiteres Beispiel, das die MapBox-Entwickler zeigen: Eine Karte der USA, in der die Arbeitslosigkeit bis auf der Ebene von Counties grafisch dargestellt wird. Die Kunden von MapBox sollen dabei auf einfache Tools zurückgreifen und sich die entsprechenden Skripte und Schnittstellen nicht erst selbst programmieren müssen. An solchen Hilfsdiensten verdienen Unternehmen wie MapBox und CloudMade.

Andere Anwendungen sind, genau wie Open Street Map, von vornherein unkommerziell. Das Projekt openBmap.org hat es sich etwa zum Ziel gesetzt, eine freie Datenbank mit W-Lan-Netzwerken und anderen funkenden Objekten zu erstellen. Dargestellt werden diese Daten - natürlich - auf Karten von Open Street Map. Das alles funktioniert, ohne dass die daran beteiligten Unternehmen oder Initiativen mit hohem finanziellen Aufwand Kartenmaterial von verschiedenen Anbietern für die einzelnen Länder zusammenkaufen müssen. Dadurch wurden viele kreative Projekte erst möglich.

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