Operation "Himmel": Das Netz der Kinderporno-Mafia

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Es geht um viel Geld: Für ein einziges Video werden bis zu 10.000 Euro gezahlt. Deutschlands Fahnder stoßen bei ihren Ermittlungen im neuen riesigen Kinderporno-Skandal in die Untiefen einer Internet-Mafia vor - die alle technischen Möglichkeiten nutzt, um sich am Leid von Kindern zu bereichern.

Sie arbeiten äußerst professionell. Sie betreiben eigene Filmstudios in Osteuropa oder Asien. Dort, wo sie billig an die Ware Kind kommen - anders kann man es kaum nennen. Sie sind eine Industrie, die keine Skrupel kennt: die Kinderporno-Mafia im Internet.

Kriminalbeamter auf der Suche nach Kinderpornografie: 12.000 Verdachtsfälle in Deutschland
DPA

Kriminalbeamter auf der Suche nach Kinderpornografie: 12.000 Verdachtsfälle in Deutschland

Am Wochenende wurde enthüllt, welche Dimensionen ihr Geschäft in Deutschland angenommen hat: 12.000 Verdächtige hat die Polizei in umfangreichen Ermittlungen in den vergangenen Monaten ausgemacht. Sie sollen sich Bilder und Filme von Sex mit Minderjährigen heruntergeladen haben - Codename der Ermittlungen: Operation "Himmel". Das Ausmaß des Skandals hat Polizei und Staatsanwälte völlig überrascht: "So was ist uns noch nicht untergekommen", sagt Peter Burghardt, Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), zu SPIEGEL ONLINE.

Die Fahnder stoßen bei ihren Ermittlungen in die Untiefen der globalen Kinderporno-Mafia vor, die sich im Internet ausgebreitet hat. Zwar schweigen die Fahnder über die Details des Falls - doch wie die Szene arbeitet, ist inzwischen anhand einiger spektakulärer Einzelfälle zu erahnen.

Sergio M., 42, wurde Anfang November in Italien festgenommen. Er hatte offenbar professionell und weltweit mit Kinderpornos gehandelt. Die Filme ließ er in seinem Filmstudio in der Ukraine drehen, verhökerte sie im Internet. Insgesamt 50.000 E-Mail-Bestellungen für seine Videos hat die Polizei auf seinem Computer gefunden. Bei der Festnahme hatte der Porno-Produzent 70.000 Euro in bar bei sich.

Auf welche Weise der Kinderporno-Dealer seine Ware online angepriesen hat, ist noch unklar. Derzeit sind die Beamten damit beschäftigt, die auf seinem Computer gefundenen Daten auszuwerten. Das könnte Monate dauern - ebenso wie die Ermittlungen in der deutschen Geheimaktion "Himmel".

In Deutschland ist die Zentralstelle für anlassunabhängige Recherchen in Datennetzen beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden für solche Recherchen zuständig. Wie viele Spezialisten dort arbeiten, mag die Dienststelle nicht verraten. Wohl aber, dass deren Mitarbeiter 500 bis 600 Anzeigen pro Jahr schreiben. Bis zu 80 Prozent davon beträfen Kinderpornografie. Auf der diesjährigen BKA-Herbsttagung wurde der Handel mit Sex-Darstellungen mit Kindern als "Wachstumsmarkt" bezeichnet.

Internet statt Tageszeitung

Die Kinderporno-Dealer zahlen den Produzenten der Filme für ein einziges Video bis zu 10.000 Euro, sagen Insider - es geht um ein Geschäft, an dem viele verdienen. Das größte Problem bei der Strafverfolgung: Die Täter nutzen alle Tricks und Kniffe, die das Internet bietet. Die Daten werden verschlüsselt getauscht, Dateien stückweise versendet. Wer das Passwort nicht kennt, sieht nur wirre Zahlenkolonnen.

Die Kinderporno-Mafia hat damit alte Verschleierungsstrategien einfach ins Netz übertragen. Denn noch bis vor wenigen Jahren wurden Kinderpornos vorwiegend über Tageszeitungen verbreitet: In Lokalblättern wurden "Holland-Videos" oder "private Aufnahmen" feilgeboten. Die Anbieter verbargen sich in der Regel hinter Postfachadressen im nahen Ausland. Lieferungen gab es nur per Vorkasse.

Der Vertriebsweg der illegalen Schmuddelware hat sich geändert. Das Internet gilt nun als Medium der Wahl: Nirgends kann man Bilder und Videos schneller weltweit verbreiten, kein Ort ist besser geeignet, um sich zu verstecken. Das erkannten auch Produzenten und Konsumenten herkömmlicher Pornos schon früh.

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