Optimierte Nachrichten Google statt Witz

Überraschend, geistreich, ironisch - so wünscht sich mancher Leser eine gute Überschrift. Doch Nachrichten-Suchmaschinen haben andere Kriterien, um Headlines zu gewichten. Für sie zählen nur Schlüsselwörter.

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Was eine gute Überschrift auszeichnet, darüber wird bei Journalistenseminaren ausgiebig gestritten. Die einen stehen auf Sprachspiele, die anderen auf freche, direkte Ansprache. Nachrichtenschreiber mögen's hingegen eher klar und sachlich. Der Streit ist lösbar - zumindest wenn man die Texte online publizieren will und auf eine große Leserschaft zielt. Denn dann sollten die Headlines möglichst auf die Belange von Nachrichten-Suchmaschinen optimiert werden, damit sie leicht gefunden werden.

Google News: Hohe Keyword-Dichte

Google News: Hohe Keyword-Dichte

In den USA kommen mitunter bis zu 30 Prozent der Besucher einer Nachrichtenseite über Suchseiten wie Google News oder MSN News. Und das hat bereits jetzt Auswirkungen auf manche Überschrift, wie die "New York Times" berichtet. Headlines werden umgeschrieben, damit sie besser ins Raster der Software passen, die sie erfassen, kategorisieren und gewichten.

Je mehr der für den Artikel relevanten Schlüsselwörter in der Überschrift vorkommen, umso höher wird der Text gerankt. "Das ist das, was wir unseren Kunden jeden Tag erzählen", sagt Tim Ringel, Geschäftsführer des deutschen Suchmaschinenoptimierers metapeople. Das Unternehmen berät unter anderem die Lufthansa und Daimler-Chrysler bei ihren Online-Auftritten.

Altgedienten Presseleuten, wie Ed Canale von der kalifornischen Zeitung "The Sacramento Bee", bereiten solche Aussagen einige Bauchschmerzen: "Seit mehr als hundert Jahren war das Ersinnen raffinierter Überschriften ein wichtiger Teil des Journalistenhandwerks", sagte er der "New York Times". "Jetzt kommt Google daher und sagt: 'Was kümmert's mich.'"

Auch in der "New York Times"-Redaktion sieht man die neue Schere im Kopf namens Google, MSN oder Yahoo mit gemischten Gefühlen. "Diese langweilige Überschrift wurde für Google geschrieben" prangt über dem Text. In der Praxis sind suchmaschinenoptierte Überschriften jedoch längst Realität - zumindest im englischsprachigen Web.

Ein Text - zwei Überschriften 

Beim Blatt "The Sacramento Bee" wurden Rubriken umbenannt. Aus "Real Estate", wurde "Home"; aus "Scene" "Lifestyle". Die BBC ordnet bestimmten Texten sogar zwei Headlines zu: Eine knackige steht auf der Startseite, die eher sachliche erscheint, wenn man den Artikel öffnet.

In der Suchmaschinenbranche spricht man von der Keyword-Dichte, die erhöht werden muss. Wer je auf eine Google-Spam-Seite geraten ist, weiß, was maximale Keyword-Dichte bedeutet: eine endlose Aneinanderreihung von Begriffen wie Autovermietung, Autokauf, Autoleasing und so weiter.

So dicht sollten die Schlüsselwörter natürlich in Nachrichtentexten nicht vorkommen. Wer die wichtigsten Begriffe jedoch weit unten im Fließtext versteckt, riskiert zwangsläufig ein schlechteres Ranking. "Was in der Überschrift steht, wird höher gewichtet als das, was im Text steht", erklärt Ringel vom Suchmaschinenoptimierer metapeople.

Noch wichtiger als die Headline seien jedoch die internen Linktexte, die zu den Artikeln auf einer Nachrichtenseite führten. Diese würden beispielsweise bei Google höher bewertet als Überschriften.

"Google versteht keine Bilder"

Auch in Deutschland lassen sich Tageszeitungen in punkto Suchmaschinenoptimierung beraten - Ringel weiß von einer überregionalen Zeitung, die das tut. Sein Unternehmen schult ebenfalls Online-Redakteure - allerdings nicht von Zeitungen sondern von Unternehmen. "Die Redakteure bekommen von uns auch ein White Paper mit Regeln."

Vorwürfe, Suchmaschinenoptimierung sei ein unseriöses Business, weist Ringel zurück: "Wir versuchen nicht, Google zu betrügen. Wir wollen Seiten so optimieren, dass Google sie besser versteht." Beispielsweise sei vielen Kunden nicht bewusst, wie Suchmaschinen arbeiten: "Google versteht keine Bilder, Google versteht kein Flash."

Für Journalisten, die im Web veröffentlichen wollen, gehört womöglich schon bald eine Schlüsselwortsuche zu jeder Artikelrecherche dazu. Diese zwei, drei wichtigste Begriffe müssten sie dann möglichst in der Überschrift und in den ersten Zeilen des Textes unterbringen. "Das wird auf Journalistenschulen nicht gelehrt", schreibt Danny Sullivan von der Website Search Engine Watch in einem Newsletter. "Künftig sollte das aber passieren."

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