S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Meme machen Mörder

Das Grauen von Orlando zeigt: Man kann IS-Terrorist werden, indem man sich selbst dazu erklärt. Mit ähnlichen Mechanismen wie die Netzguerilla Anonymous hat der IS ein Netzwerk für Mitmachmassenmord geschaffen.

Eine Kolumne von


Orlando, Nachtklub Pulse. Ein massenmörderisches Attentat, in so vielen Details erschütternd. Der Hass auf sexuell anders Orientierte, getrieben von islamistischem Fanatismus. Der Massenmörder, womöglich selbst homosexuell, mit einem offen homohassenden Vater.

Eine solche, religiös vergorene Familienkonstellation wäre für sich schon Stoff für ein Drama. Jetzt stellt sie scheinbar den Hintergrund des Horrors dar. Aber es kommt etwas hinzu, wenn man nach wiederkehrenden Mustern islamistischer Mordanschläge im Westen sucht. Da ist noch etwas.

Die unerbittliche Fokussierung auf Minderheiten zum Beispiel. Die islamistischen Anschläge in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt, mindestens ein Anschlag in Brüssel und in Kopenhagen, die Attentate in Toulouse und Montauban, sie alle hatten eine erkennbare, antisemitische Motivation. In Orlando hat der Hass eine sexuelle Minderheit ins Herz getroffen, die Gemeinsamkeit ist offensichtlich, Juden und Homosexuelle sind auf der islamistischen Hassliste weiter oben als alle anderen. Ein weiteres Muster: Der Massenmörder stand auf einer Terrorliste. Wieder. Wie fast immer. Es ist zwar richtig, dass die amerikanischen Terrorlisten umfangreich sind, aber immer wieder wird deutlich, dass Attentate von Leuten verübt werden, die bereits behördlich einschlägig bekannt sind.

Das entscheidende Muster zur Erklärung der Tat aber scheint mir ein anderes zu sein. FBI-Direktor Comey erklärt, der Massenmörder habe sich über das Internet radikalisiert, und ansonsten offenbar keinen direkten Kontakt zu extremistischen Gruppen gehabt. Vor dem Anschlag rief der Attentäter bei der Polizei an, um sich zum IS zu bekennen, danach behauptete der IS, einer seiner "Krieger" habe die Tat verübt. Laut US-Behörden gibt es aber bisher keine belastbaren Beweise für persönliche Verbindungen. Und das wiederum ist ein Hinweis darauf, dass hier etwas Dunkles, Großes, Neues im Gange sein könnte. Um es zu verstehen, muss man das Internetphänomen Anonymous kennen.

Eine Art Anonymous des islamistischen Terrors

Anonymous ist eine weitestgehend dezentrale Internetgruppierung. Sie arbeitet mit bestimmten Erkennungszeichen, wie dem Namen selbst, einem Logo, einer Handvoll sprachlicher Wendungen, den visuell recht bekannten Guy-Fawkes-Masken und speziellen Internet-Memen, also Wort-Bild-Kombinationen, die einfach und schnell im Netz weiterverbreitet werden können. Anonymous ist (in einem berüchtigten Internetforum) zwar hauptsächlich für den Online-Kampf gegen die Scientology-Sekte entstanden. Aber längst hat sich Anonymous zu einer neuen Form der Netzwerkorganisation entwickelt. Deren essenzielle Funktionsweise ist, dass im Prinzip jeder Anonymous ist, der drei Bedingungen erfüllt:

  • 1) Man muss die Zugehörigkeit behaupten.
  • 2) Man muss die entsprechenden Instrumente und Insignien verwenden.
  • 3) Man muss eine anonymoushafte Aktion unternehmen.

Weil "anonymoushaft" eine sehr vage Zuschreibung ist, die Netzwerkorganisation aber grob einer gemeinschaftlichen Richtung folgt, haben sich halboffizielle Legitimationsinstrumente herausgebildet. Sie bestehen aus Accounts in sozialen Medien, die bei früheren Aktionen bereits eine zentrale Rolle gespielt haben und die dann die behauptete Zugehörigkeit bestätigen oder dementieren.

Anonymous-Geschichte

Yassin Musharbash stellt in einem Artikel auf "Zeit Online" die Frage, ab wann genau ein Anschlag in der westlichen Welt ein IS-Anschlag sei. Die schlimme, überraschende Antwort - der IS ist spätestens mit Orlando zu einer Art Anonymous des islamistischen Terrors geworden. Der IS hat die dezentrale Organisation, die netzgetriebene Motivation zur Teilnahme und den Mem-basierten Werkzeugkoffer von Anonymous geklaut. Die beschriebenen drei Bedingungen gelten exakt so auch für die Terrorgruppe. Das simple Logo, die Bekenntnisvideos in sozialen Netzwerken, die öffentlich behauptete Zugehörigkeit. Bis hin zur Ähnlichkeit der Legitimationsinstrumente.

Und hier scheint der IS die Erfinder der netzbasierten, dezentralen Aktionsgruppierung, Anonymous, sogar zu überholen. Denn der IS übernimmt für alle auch nur halbwegs passenden Attentate umgehend die Verantwortung. Entsprechende Attentate werden rückwirkend zu "offiziellen" IS-Attentaten erklärt, wer behauptet, IS-Kämpfer zu sein und die "richtigen" Leute zu ermorden versucht - der ist IS-Attentäter. Und das ist nicht schlichte Propaganda oder gelogen, sondern meiner Ansicht nach strukturell beabsichtigt. Der IS ist die erste Terrororganisation, der man per Selbsternennung angehören kann, weil sie genau für diesen Zweck via Internet einen Open-Source-Code, einen digitalen Terror-Baukasten anbietet. Ganz ohne Absprachen mit der Organisation selbst.

Der Attentäter als Markenbotschafter des IS

Wenn von "Radikalisierung im Internet" die Rede ist, dann hört sich das an, als würde ein bekanntes soziales Phänomen nun eben über ein neues Medium funktionieren. Jahrelanger Kontakt, zielgerichtete Hetze und die schrittweise Übernahme extremistischer Ideologien ließe in gegenseitiger Bestärkung immer radikalere Ansichten reifen. Aber Orlando deutet auf etwas anderes hin. Es handelt sich um eine neue, netzbasierte Form der Radikalisierung, viel diffuser, viel wirrer, vielleicht gefährlicher. Denn dahinter steht offenbar keine klar umrissene Extremistenideologie, der Massenmörder von Orlando sympathisierte offenbar sowohl mit dem IS wie auch mit der Hisbollah. Was von der Absurdität her etwa vergleichbar ist mit jemandem, der gleichzeitig Anhänger von Ku-Klux-Klan und Black Panthers ist.

Anonymous hat der Internet-Trollerei eine kollektivierend wirkende Marke, einen höheren Sinn und ein vages Ziel gegeben, nämlich den Kampf für die Meinungsfreiheit und gegen menschenverachtende Sekten. Der IS verbreitet nach ähnlichem Muster vom ausdruckbaren Logo samt Marke über die Bekenntnisstruktur und die Verbreitungsgarantie ein umfassendes Kommunikationsangebot.

Auf eine gewisse, grauenvolle Weise war der Attentäter von Orlando Markenbotschafter des IS mit seinen Produkten Hass und Massenmord. Das ist neu - die Terror-Marke IS zielt mit dem Instrumentarium des viralen Internetmarketings darauf, jedweden Hass muslimischer Jugendlicher zu kanalisieren, zu verstärken und einen vermeintlich höheren Sinn zu geben. Meine These: Der IS macht den Verzweifelten, den Stürzenden, den Ausgestoßenen ein mörderisches Angebot, nämlich ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Und damit von der Seite der gefühlten Opfer auf die Seite der Bösen, aber aktiv Handelnden zu wechseln - und im Gegenzug Weltaufmerksamkeit und die öffentliche Anerkennung der Extremisten zu bekommen.

Der schon zuvor gewaltaffine und sozial auffällige Massenmörder von Orlando führte offenbar ein Doppelleben, zwischen dem homophoben, islamistischen Vater, der scheinbar gewöhnlichen Kleinfamilie und den eigenen homosexuellen Neigungen. Ein erahnbarer Konflikt, der früher vielleicht im Suizid oder in ein Familiendrama gemündet hätte - aber mit dem dezentralen, netzbasierten Rechtfertigungsangebot des IS zu einer Eskalation des Hasses in ein Massaker führte.

Der IS scheint einen Weg gefunden zu haben, aus potenziellen Selbstmördern per Internet Selbstmordattentäter zu machen. Mitmachmassenmord für Leute, die zugleich ihrem Hass und ihrem Selbsthass mörderischen Lauf lassen, um ihrem Leben einen vermeintlich letzten Sinn zu geben. Meme machen Mörder.

tl;dr

Mit ähnlichen Internetinstrumenten wie Anonymous entwickelt sich der IS zu einem dunklen Netzwerk des Mitmachmassenmords.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine


insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 15.06.2016
1. Danke!
Endlich mal jemand, der hier ein paar Dinge anspricht, die Politikern aller Art entweder völlig entgehen oder nicht in den Kram passen. Man muss das noch weiter denken: Durch die Gleichsetzung von IS-Terror mit dem Islam gibt man dem IS und denen, die dazu gehören wollen, eine geradezu teuflische Macht. Ein einziger Anschlag eines Irren kann damit Kriege und Bürgerkriege auslösen. Wie geht man damit um? Alle "offiziellen" Massnahmen bewirken offenbar genau das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen, sie steigern nur das Radikalisierungspotential und können solche Einzeltäter nicht verhindern. Stellt man hinter jeden Moslem einen Polizisten, sind 99,9% unschuldig ihrer Freiheit beraubt und radikalisieren sich dann mit gutem Grund. Guter Rat ist da teuer...
lies.das 15.06.2016
2. Freies Internet? Nur Kontrolle rettet Leben
Das Internet kann unkontrolliert auch als Massenvernichtungswaffe missbraucht werden, und das geschieht bereits massenhaft. Daher braucht tödlicher Netz-Content einen demokratisch legitimierten Filter - und das kann nur Aufsicht durch gewählte Regierungen sein. Die Netzcommunity hat sich dazu als unfähig erwiesen. Also virtuelle Kontrolle - ähnlich wie der analoge Waffenhandel auch.
ekatus 15.06.2016
3. Franchise-Mörder
Ziemlich exakt, Sascha Lobo! Endlich ein Kommentar, der zum Kern findet! In so vielen Linkskommentaren findet sich schon gar kein Bezug zum fundamentalen Islam mehr, sondern die Tendenz geht nur noch gegen weltweite und vornehmlich westliche Insuffizienzen im Umgang mit Homosexuellen! Vom mörderischen Umgang des Islam mit dieser Menschengruppe ist gar keine Rede, dabei steht in sehr vielen islamischen Stasten die Todesstrafe auf Homosexualität. Da braucht's weder ISIS noch privates Durchgeknalle! Entsprechend wurde der Anschlag weltweit von radikalen Muslimen als Gottesgericht gegen das "Volk Lots" bzw. die "Sodomiten" gefeiert.
licorne 15.06.2016
4. So ist es
Schwarmintelligenz, Uberisation, Share economy - auch beim Glaubenskrieg hilfreich.
0xd00faffe 15.06.2016
5. Quark ...
Man stellt sich vor muslimische Zeugen, sagt das islamische Glaubensbekenntnis und Zack ... kann man jemanden die Kehle durchschneiden und irgendein Fundi irgendwo auf der Welt behauptet man sei sein "Bruder" und findet es gut ... Man nimmt sich ein Sturmgewehr, knallt ein Jugendcamp der schwedischen Sozialdemokraten nieder, erzählt es ginge um die Verteidigung des christlichen Abendlandes und irgendwelche redneck-Fundis in Amerika ... Man geht auf ein Fußballspiel, haut Fans der gegnerischen Mannschaft und Polizisten die Fresse ein, behauptet das sei alles nur Spaß und überhaupt, man sei die letzte Bastion gegen den Salafismus und Heidi Mund spielt das Spiel mit Deutschlandfahne und Christusgeheule mit ... Übrigens: Eines der erwähnten Anonymous-Markenzeichen ist die Unterschrift "We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.". Basiert auf Markus 5:9. Wer hat's erfunden?
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