Ozean-Karten im Web: Google erobert das Meer

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Willkommen auf dem Boden des Ozeans: Die neue Version von Google Earth zeigt nicht nur Städte und Straßen, sie macht erstmals auch den Meeresboden im Detail sichtbar. SPIEGEL ONLINE war bei der Vorstellung dabei - und tauchte ab zu Riffen, Meeresgräben und Schiffswracks.

Die Sensation steckt schon fast in der Versionsnummer. Die lautet beim neuen Google Earth schlicht 5.0 - ohne Beta, ohne Wenn und ohne Aber. Das ist man von dem Suchmaschinenkonzern so nicht gewohnt.

Dass ein Google-Produkt den Betastatus, also den Status einer unfertigen Vorabversion verlässt, ist fast so selten wie ein Sechser im Lotto. Googlemail beispielsweise ist seit Jahren zwar rege im Gebrauch, aber immer noch eine Betaversion, GoogleDocs ebenso und auch der virtuelle Globus Google Earth war noch unfertig, bis heute.

Doch jetzt ist Google Earth komplett - sagt zumindest Google-Sprecher Stefan Keuchel, als er die neue Software am Montagnachmittag in Hamburg vorführte. Und seit 19 Uhr am Montagabend kann man von der Google-Earth-Seite die finale Version 5.0 herunterladen.

Deren wichtigste Neuerung: Ozeane. Waren die Meeresgebiete des Planeten bislang aus Google-Earth-Sicht weitgehend unbelebte, blau gefärbte Ebenen, die den Raum zwischen den Kontinenten besetzt hielten, hat sich das in der neuen Version grundlegend geändert.

In ihr wurde der Meeresboden anhand wissenschaftlicher Daten ebenso detailliert nachmodelliert wie bisher die Gebirge. So kann man nun beispielsweise eine Tausende Kilometer lange Reise über den Mittelatlantischen Rücken unternehmen oder auf den Spuren des Tiefseeforschers Jacques Piccard dem Tauchschiff Trieste an die tiefste Stelle des Planeten folgen, den elf Kilometer tiefen Marianengraben.

Die Perspektive verändern

Das verspricht viel Spaß und einigen gehobenen Unterhaltungswert. Doch das steht bei Google Ocean, wie die Erweiterung des digitalen Planeten genannt wird, gar nicht im Vordergrund. Viel wichtiger sei es, damit eine "Begeisterung und das Bewusstsein für den blauen Lebensbrunnen unserer Erde zu wecken", wie sich die Ozeanographin Sylvia Earle von der National Geographic Society ausdrückt.

Noch enthusiastischer ist Google-Chef Eric Schmidt. Seiner Meinung nach habe Google mit der neuen Software gar die "Chance, die Perspektive der Menschen zu verändern". Schließlich gelangt laut Schmidt etwa ein Drittel des von Menschen emittierten Kohlendioxids in die Ozeane, immer mehr Arten verschwinden von der Mehrheit der Menschen unbemerkt aus den Weltmeeren. Zumindest letzteres soll Google Earth 5.0 samt Google Ocean ändern: Die Software sei auch eine Plattform, um kontroverse Themen ins Gespräch zu bringen.

Die GPS-Spur des Weißen Hais

Bei der Präsentation in Hamburg stehen denn auch einige ökologisch korrekte Besuche auf dem Pflichtprogramm. Beispielsweise eine virtuelle Reise zum Great Barrier Reef vor Australien, das, wie der Google-Ocean-Nutzer sogleich erfährt, das wohl größte zusammenhängende Meeresschutzgebiet der Welt ist. Heute könne man viel mehr und viel größere Fische beobachten als in der Zeit, bevor das Gebiet geschützt wurde.

In diesem Stil gibt es einiges zu sehen im Google-Ozean. Eine eigene Ebene informiert über Meeresschutzgebiete, eine andere liefert Informationen über gefährdete Meeresbewohner, eine klärt über tote Zonen in den Meeren auf. Aber auch reine Neugier wird befriedigt - zum Beispiel kann man sich über Schiffwracks oder Wassersportmöglichkeiten informieren. Und wenn man Spaß und Wissensdurst verbinden will, hat die Ebene "Tierortung" ihren Reiz. Hier kann man sich beispielsweise die Wanderungen eines Weißen Hais oder eines Wals anschauen, die Forscher mit GPS-Sendern markiert haben.

Klassiker von Jacques Cousteau

Die Aufbereitung der jeweiligen Infos variiert von Fall zu Fall. Mal bekommt man Text, mal Bilder, mal Videos zu sehen. Manche davon sind ausgesprochen sehenswert. So wie etwa jene rund 90 bisher unveröffentlichten Aufnahmen des französischen Meeresforschers und -filmers Jacques-Yves Cousteau. Seine zumeist in den sechziger und siebziger Jahren gedrehten Filme zu sehen hat einen ganz besonderen Charme. Mehr Informationsgehalt und Tiefe bieten dagegen die Videoeinspielungen von BBC und National Geographic.

Auf genau solche Quellen nämlich verlässt sich Google auch bei der neuen Auflage von Google Earth: Die Inhalte werden aus etlichen externen Quellen zugespielt, Google selbst dient nur als Aggregator, der die Informationen zusammenfasst, hübsch verpackt und schnell abrufbar macht. Man könnte auch sagen: Google verlässt sich auf seine Kernkompetenz als Jäger und Sammler, statt zu versuchen, den Ozeanographen zu geben.

Nichts für schlappe Rechner

Und das macht Google gut, auch wenn die Digitalisierung der Ozeane durchaus ihre Macken hat. Ebenso wie die Ozeane in der realen Welt über weite Strecken als vollkommen ereignislose Wasserwüsten erscheinen, stellen sich auch deren virtuelle Gegenstücke weitgehend als karge Info-Wüsten dar. Aber das liegt wohl in der Natur der Sache und wird sich erst mit der Zeit ändern.

Das was Google der neuen Softwareversion mitgibt, ist nicht mehr als ein Startpaket, wenn auch ein recht fettes. Erweiterungen, da ist sich auch Sprecher Stefan Keuchel sicher, werden nach und nach kommen. Über eine offene Software-Schnittstelle können externe Anbieter ihre Info-Angebote einbinden und den Ozean so nach und nach beleben.

Einen zumindest halbwegs aktuellen Computer sollte man für künftige unterseeische Ausflüge allerdings parat haben. Dabei sei vor allem die Grafikkarte gefordert, erklärt Keuchel. Das scheint einleuchtend. Nicht nur, weil man sich bei Google jede Mühe gegeben hat, eine schön wabernde Wasseroberfläche auf den Bildschirm zu zaubern. Sondern auch, weil die Software auf Keuchels Vorführ-Laptop gelegentlich ins Stottern kommt, ein wenig ruckelt, bevor die Bilder wieder flüssig über den Bildschirm fließen.

Zudem sei eine schnelle Internet-Anbindung hilfreich, vorzugsweise per DSL. Aber das ist klar, Google Earth lädt seine Daten aus dem Netz. Wenn also die Verbindung patzt, nützt auch der schnellste PC nichts und man muss doch warten, bis sich der digitale Planet komplett auf dem Bildschirm aufbaut.

So komplett, wie es Google verspricht, ist Google Earth auch in der Version 5.0 noch lange nicht. Genaugenommen ist es sogar immer noch reichlich oberflächlich. Schließlich gibt es auch unter den Ozeanen noch viel zu entdecken. Über den geologischen Aufbau des Planeten erfährt man bisher nicht viel.

Aber das wäre ja schließlich auch ein schönes Vorhaben für Version 6.0: Google Earth bis zum Erdkern.

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