PageRank und Sponsored Storys: Facebook nutzt Google-Trick zum Geldverdienen

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Viele Facebook-Nutzer ärgern sich über das Filterregime des sozialen Netzwerks - welche Inhalte bekommt man zu sehen, welche nicht? Jetzt nimmt Facebook auch noch Geld dafür, Einträge sichtbar zu machen. Das Modell ähnelt dem von Google. Die Börse ist erfreut, die Nutzer weniger.

Facebook: Bezahlen für Aufmerksamkeit Fotos

Das Internet ist schon lange zu voll. Es gibt zu viele Tweets, zu viele Fotos, zu viele E-Mails sowieso, von allem zu viel. Kein Mensch kann all das konsumieren, was ihm täglich angeboten wird, und ständig kommt Neues dazu.

Das Facebook-Newsfeed ist eine Art komprimierte Version dieses Problems. Wer 250 Facebook-Freunde hat, die den Dienst regelmäßig nutzen, wird kaum jemals alles sehen, was dort aufläuft. Babyfoto, Artikellink, Kommentar, Statusmeldung, "X hat sich Song Y auf Spotify angehört". Facebook sortiert den Nachrichtenstrom deshalb per Algorithmus.

Auf dem gleichen Prinzip basiert die Attraktivität von Google: Der Algorithmus sortiert weg, was - Googles Algorithmen zufolge - nicht wichtig ist und lässt nur das Relevante auf die erste Ergebnisseite. Facebook macht das jetzt fürs digitale Sozialleben. Wie der sogenannte EdgeRank zustandekommt, nach dem das Newsfeed sortiert wird, verrät Facebook ebenso wenig, wie Google seinen Suchalgorithmus preisgibt. Es gibt nur einige Hinweise. Der Algorithmus sortiert unter anderem auf Basis dessen, "womit die Person am meisten interagiert und wie häufig sie Facebook besucht", teilt Facebook selbst mit.

Wer will, dass er gesehen wird, soll bezahlen

Facebook bietet nun auch einen ähnlichen Service an wie Google mit seinen bezahlten Suchanzeigen: Wer will, dass die eigenen "Storys" in den Newsfeeds vieler Nutzer sichtbar erscheinen, kann dafür bezahlen. Damit ein Gruß an der Pinnwand eines Freundes möglichst viele erreicht, kann man zum Beispiel 4,99 Euro investieren, per Kreditkarte, Paypal oder über die Handyrechnung. Unternehmen können nicht nur Anzeigen kaufen, die dann in der rechten Spalte bei Facebook auftauchen, sondern auch "Storys sponsern".

Außerdem schreiben viele Anwendungen automatisch Werbebotschaften. Etwa, dass man sich ein bestimmtes Lied über Spotify angehört hat. Die Werbung machen die Nutzer nebenbei, das Unternehmen zahlt dafür, dass sie auch bei der Kundschaft ankommt. Das kann nicht einmal Google. Dessen Anzeigen erscheinen ja auch nicht in den nativen Suchergebnissen, sondern gekennzeichnet am Rand und über der eigentlichen Ergebnisliste. Facebooks Newsfeed-Werbemechanik ist subtiler, man könnte auch sagen: versteckter.

Analysten finden die Strategie erfreulich, Nutzer weniger

Damit, meinen manche, hat das soziale Netzwerk endlich ein Geschäftsmodell gefunden, das seinen derzeitigen Börsenwert womöglich doch rechtfertigt. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Newsfeed-Werbung auch auf mobilen Geräten garantiert ihr Publikum erreicht. Mit dem Bonus, dass der Absender der Botschaft ein Freund oder Bekannter ist, kein Unternehmen.

Als diesen Mittwoch Angestellte des Unternehmens also erstmals ihre Aktien auf den Markt werfen konnten, fiel der Kurs nicht etwa - er stieg.

Andere finden Facebooks neue Strategie weniger erfreulich. In den vergangenen Wochen häuften sich Blog-Einträge und Artikel, in denen Facebook vorgeworfen wird, seine Neutralität aufgegeben und das eigene System ruiniert zu haben. Konkret: Facebook filtert mehr weg als früher, um hinterher Geld dafür nehmen zu können, es wieder sichtbar zu machen.

"Facebook ist kaputt, mit Absicht, um Geld aus den Nutzern herauszuholen", schrieb etwa der Autor Ryan Holiday im "New York Observer". "Star Trek"-Star George Takei ("Sulu") hat ein Buch geschrieben, in dem er unter anderem der Frage nachzugehen versucht, warum "die Interaktivität auf meiner Seite so sehr fluktuiert, obwohl ich gar nichts anders mache als früher?"

"Erwägen, auf Tumblr oder das neue MySpace umzusteigen"

Mark Cuban, Milliardär, Internetunternehmer und Besitzer des Basketball-Teams Dallas Mavericks fragte via Twitter: "Versaut Facebook es? Das ist der erste Schritt." Den Post kombinierte er mit einem Screenshot: einem Angebot, sich eine bestimmte Menge Reichweite zu kaufen. Im konkreten Fall sollte Cuban 3000 Dollar investieren, um eine Million Mavericks-Fans garantiert mit einem Facebook-Posting zu erreichen. Der letzte Satz von Cubans Tweet war eine Drohung: "Die Mavs erwägen, auf Tumblr oder das neue MySpace umzuziehen."

Tatsächlich sortiert Facebook seit September 2012 offenbar noch stärker als vorher Meldungen aus. Viele Seiten beklagen sich, dass ihre Facebook-Aktivitäten massiv an Reichweite verloren haben. Der geänderte Algorithmus erschwere, dass die eigenen Fans erreicht werden. Jetzt verlange Facebook Geld von Seitenbetreibern, die verlorene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Facebook verteidigt sich und erklärt, was weggefiltert wird, sei vor allem Spam, es gehe darum, die Relevanz der angezeigten Neuigkeiten zu erhöhen, sonst nichts.

"Wie sollen Non-Profits sich organisieren, ohne Geld auszugeben?"

Facebooks Werbemanager Gokul Rjaram hatte Anfang September in einem Interview gesagt: "Organisch erreichen sie irgendwo zwischen 15 und 20 Prozent ihrer Fans. (…) Um die übrigen 80 oder 85 Prozent zu erreichen, ist es wichtig, Posts zu sponsern."

In einem offenen Brief an Facebook-Gründer Mark Zuckerberg fragte der Filmemacher Sergio Toporek daraufhin: "Wie sollen Millionen von Non-Profit-Organisationen kommunizieren und sich organisieren, wenn es unmöglich wird, das zu tun, ohne Geld auszugeben?" Andere Nutzer fragen sich öffentlich: Muss ich jetzt Geld investieren, damit meine Freunde bei Facebook meine Aktivitäten mitbekommen?

Andernorts ist man über die Aufregung verwundert. Längst gibt es Agenturen, die Facebooks Finanzierungsstrategie zum Geschäftsmodell gemacht haben: Newsfeed Optimization ist ebenso eine bezahlte Dienstleistung wie Suchmaschinenoptimierung. Brendan Irvine-Broque vom Dienstleister PageLever wunderte sich in einem Blog-Eintrag über Mark Cubans Erregung. "Die meisten Vermarkter haben nicht aufgepasst und bis vor kurzem angenommen, sie würden (bei Facebook - d. Red.) ihr gesamtes Publikum kostenlos erreichen", schrieb Irvine-Broque. Im Vergleich mit herkömmlicher Werbung sei eine "Sponsored Story" immer noch sehr preiswert.

In Wahrheit sei das Problem bei allen sozialen Netzwerken das Gleiche, ob Twitter, Tumblr oder eben Facebook: "Je mehr Leuten und Marken die Nutzer in diesen Netzwerken folgen, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sie einen bestimmten Tweet, ein bestimmtes Foto oder einen bestimmten Post sehen - es gibt einfach zu viele Inhalte."

Facebook und Google versuchen das Gleiche zu tun, die einen mit dem gesamten Web, die anderen mit den Vorgängen innerhalb des eigenen Netzwerks: Sie bieten sich als ehrlicher Makler an, der aus dem Netz-Rauschen das herausfiltert, was wirklich interessant ist. Gleichzeitig lassen sie sich dafür bezahlen, den eigenen Rausch-Filter zu umgehen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Reine Verzweiflung
ichbinswieder100 16.11.2012
Klingt für mich nach reiner Verzweiflung. Vielleicht werden Firmen dieses Feature teilweise nutzen, aber welcher private Nutzer wird Geld dafür ausgeben, daß seine Nachrichten gelesen werden?
2. optional
Gangolph 16.11.2012
Also: ich habe keinerlei Probleme mit Facebook. Ich kann wirklich nicht klagen. Ich habe es noch nie benutzt....
3.
hyperlord 16.11.2012
Zitat von sysopViele Facebook-Nutzer ärgern sich über das Filterregime des sozialen Netzwerks - welche Inhalte bekommt man zu sehen, welche nicht? Jetzt nimmt Facebook auch noch Geld dafür, Einträge sichtbar zu machen. Das Modell ähnelt dem von Google. Die Börse ist erfreut, die Nutzer weniger. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/pagerank-und-sponsored-storys-wie-facebook-kuenftig-geld-verdient-a-867679.html
Ja klar, aber wenn jemand dafür Geld bezahlt, dann ist das kein SPAM mehr, oder wie ? Der Vergleich mit Google hinkt auch gewaltig. Würde Google wie Facebook agieren, würde Google die Ergebnisliste künstlich verkürzen und dann Webseiten dafür bezahlen lassen, um überhaupt im Index aufzutauchen. Das ist aber nicht der Fall - Google muss nur logischerweise eine sinnvolle Reihenfolge der Ergebnisse ermitteln. Google entfernt aber niemanden von Platz 1 der regulären Suche und bietet dann an für ein paar tausend Dollar wieder dort gelistet zu werden. Letzten Endes ist Google darauf angewiesen, dass die Reihenfolge der Ergebnisse der Relevanz für einen User entspricht - ist dies dauerhaft nicht so, werden sich die Nutzer andere Suchmaschinen suchen.
4.
Knallerbsin 16.11.2012
Habe ich das richtig verstanden, dass ich an Facebook Geld dafür bezahlen soll, dass Andere meine belanglosen Ergüsse auch zu Gesicht bekommen? Naja, ich bin in diesem Verein kein Mitglied, daher ist das eine rein hypothetische Frage.
5. Firmen wissen,
tpk 16.11.2012
dass Werbung kostet, die werden mit dem System kein Problem haben. Die Frage ist, wie cool die User das finden. Wenn die dann abspringen, haben die Firmen auch kein Interesse mehr, zu zahlen.
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Die zehn größten Börsengänge der Welt
Rang Firma Jahr Volumen in Mrd Dollar Land
1. General Motors 2010 23,1* USA
2. AgBank 2010 22,1 China
3. AIA (Versiche- rer) 2010 22,0 Hongkong
4. ICBC (Bank) 2006 21,97 China
5. Visa (Kredit- karten) 2008 19,65 USA
6. NTT Mobile 1998 18,05 Japan
7. Enel (Energie) 1999 16,59 Italien
8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland
* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters


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