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11. Januar 2013, 13:40 Uhr

PaperTab

Dieses Tablet können Sie knicken

Aus Las Vegas berichtet

Sie sind nur etwas dicker als Papier: Am Rande der Technikschau CES in Las Vegas zeigen Forscher hauchdünne Touch-Computer mit biegsamen Displays. Die futuristischen Geräte sollen herkömmliche Tablets und PC ersetzen. Taugen sie etwas?

Roel Vertegaal hat sich viel vorgenommen. Nicht weniger als das papierlose Büro will er möglich machen und quasi nebenbei unseren Umgang mit Computern revolutionieren. Wie er sich diese Zukunft vorstellt, zeigt der Professor für Mensch-Maschine-Interaktion am Human Media Lab der kanadischen Queens University am Rande der CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas.

In einer Suite im Hotel Riviera hat er drei Blätter Papier auf einen Tisch gelegt - so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus. Tatsächlich handelt es sich um flexible Bildschirme von 10,7 Zoll Diagonale. Anders als herkömmliche Displays bestehen sie nicht aus Glas, sondern aus Kunststoff. Entwickelt und hergestellt werden sie in Dresden von Plastic Logic. Das in Großbritannien gegründete Unternehmen betreibt die derzeit einzige Fabrik für flexible Kunststoff-Displays.

Ohne diese Bildschirme, die starke Ähnlichkeit mit den E-Ink-Displays von E-Book-Readern haben, wäre so etwas, wie Vertegaal es vorhat, wohl kaum möglich. Das wird klar, als er zeigt, wie sein neues Touchscreen-Computersystem, das er analog zum iPad PaperTab nennt, funktionieren soll.

Statt Papierstapel sollen wenige digitale Blätter reichen

Der Wissenschaftler bezeichnet sein System als eine Art Rückentwicklung von Windows. Mit seinem Fenster-Betriebssystem habe Microsoft vor Jahren versucht, die Oberfläche eines Schreibtischs digital auf einem Computer abzubilden. Eine Entwicklung, die viele Experten zu der Annahme führte, es werde eines Tages ein papierloses Büro geben, weil man ja alle Geschäftsvorgänge am Computer abarbeiten könne. Bis heute ist daraus nichts geworden. Im Gegenteil, in Büros wird mehr gedruckt als je zuvor.

Damit soll es nun vorbei sein, wenn es nach dem kanadischen Professor geht. Statt eines Computers und verschiedener Stapel bedruckten Papiers sollen künftig nur noch wenige Blätter des digitalen Papiers von Plastic Logic auf seinem Schreibtisch lagern. Grundsätzlich würde sogar ein einziges ausreichen, aber das wäre unübersichtlich, weil es nur jeweils eine Aufgabe übernehmen könnte.

Mehrere Blätter des digitalen Papiers hingegen würde man so nutzen können, wie man heute an einem PC mehrere geöffnete Fenster verwendet. Man könnte Daten zwischen ihnen verschieben, jedes hätte seinen speziellen Zweck, der aber nicht festgeschrieben wäre, sondern sich je nachdem, was man gerade erledigen will, ändern könnte.

Der E-Mail-Ausgang a uf dem Schreibtisch

Wie das im Alltag aussehen kann, demonstriert Vertegaal anhand eines Beispiels mit seinen drei Plastik-Bildschirmen. Einer davon zeigt die Eingangsbox eines E-Mail-Accounts an. Nun, so der Professor, könnte man eine E-Mail darauf lesen, indem man deren Betreffzeile antippt und den Text der Nachricht auf dem Bildschirm anzeigen lässt. Stattdessen nimmt er ein zweites Blatt Papier auf, tippt mit dessen linker oberer Ecke die Betreffzeile an, und sofort erscheint die komplett Nachricht auf dem neuen Blatt.

Jeder der biegbaren Bildschirme ist so etwas wie ein Fenster in Windows. Nur, dass sie komplett unabhängig voneinander funktionieren und jedes auch als eigenständiges Gerät agieren kann. Um nun also jene E-Mail, die das PaperTab gerade anzeigt, zu beantworten, knickt der Wissenschaftler eine Ecke des Plastikbildschirms leicht. Sofort verändert sich die Anzeige, es wird eine virtuelle Tastatur zum Eintippen des Antworttexts angezeigt.

Der Umgang mit einem solchen Computersystem, so Vertegaal, sei viel intuitiver, als wir es von heutigen PC gewöhnt sind. So könne man gewohnte Ordnungssysteme des Papierzeitalters beibehalten, die flexiblen Bildschirme beispielsweise zu Stapeln - unwichtig, wichtig, dringend - zusammenfassen. Oder man könnte eine richtige Ausgangsbox auf seinen Tisch stellen, die E-Mails versendet, sobald man ein entsprechend beschriftetes Stück Papier hineinlegt.

Ein Mac als Cloud-Ersatz

Viel Rechenkraft bräuchten die PaperTabs dafür nicht. Das System der Kanadier sieht vor, dass jedes Blatt wie ein altmodisches Computerterminal funktioniert, also keine eigene Intelligenz besitzt, sondern nur Inhalte darstellt, die ihm via Netzwerk zugespielt werden. Sämtliche Daten würden in einer Cloud gespeichert, sämtliche Rechenarbeit durch Cloud-Dienste erledigt. Alles, was das digitale Papier dafür bräuchte, wäre ein Stromspeicher, ein paar Sensoren und ein W-Lan-Modul.

Die Versuchsanordnung im Hotelzimmer in Las Vegas allerdings gibt nur einen sehr verschwommenen Ausblick auf eine solche Zukunft. Die dort gezeigten PaperTabs sind keineswegs drahtlos und autonom (siehe Fotostrecke). Stattdessen ragen mehrere Flachbandkabel aus ihnen heraus, die sie mit externen Geräten verbinden. Als Ersatz für eine Cloud-Infrastruktur dient ein Apple Mac Pro, auf dem Windows läuft und dessen Grafikkarte die Berechnungen für die flexiblen Bildschirme übernimmt.

In wenigen Jahren könnte es Papier-Tablets geben

Aber schon, um diese Demonstrationsanordnung rechtzeitig fertig zu bekommen, mussten die Wissenschaftler in der Weihnachtszeit etliche Nachtschichten einlegen. Jetzt weisen sie jeden, der sich an ihren PaperTabs zu schaffen macht, zu besonderer Vorsicht im Umgang mit der Kabelage an. Einer ihrer Prototypen wurde schon durch zu rabiates Knicken unbrauchbar gemacht.

Trotzdem gibt sich Vertegaal zuversichtlich, dass es nicht lange dauern würde, aus seinem Konzept ein funktionierendes und vermarktbares Produkt zu machen. Ein bis zwei Jahre würden dafür wohl ausreichen, sagt der Professor. Er selbst würde das aber nicht tun wollen. Schließlich sei er Wissenschaftler und wolle forschen, nicht vermarkten.

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