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Papst-Golf: Die bizarre Sammlung der Berufs-Ersteigerer

Die neuen Besitzer des ehemaligen Privatwagens von Josef Kardinal Ratzinger haben viel Erfahrung mit bizarren Online-Auktionen. Die Internet-Kasino-Betreiber ersteigerten auch schon heilige Brotscheiben, weibliche Brüste und ungeborene Kinder.

Dekolleté des Models Shaune Bagwell: Ersteigerte Werbefläche

Dekolleté des Models Shaune Bagwell: Ersteigerte Werbefläche

Bei eBay gibt es nicht nur Schnäppchen, sondern auch eine Menge Unsinn. Menschen versteigern Teile ihres Körpers als Werbefläche, Kartoffeln, die angeblich Prominenten ähneln, von Geistern besessene Spielkonsolen, verschlossene Umschläge mit geheim gehaltenem Inhalt. Und wenn wieder einmal etwas besonders Abseitiges im Angebot ist, sind stets die gleichen Bieter zur Stelle: Die PR-Truppen des offenbar sehr gewinnbringenden Internet-Kasinos GoldenPalace.com.

Die Online-Spielhalle benutzt eBay weniger zum Einkaufen denn als Werbeplattform. Publizitätsträchtiges wird, oft für viel Geld, ersteigert – und damit ist gesichert, dass der Name des Kasinos wieder einmal in den Medien auftaucht.

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Bizarre Auktionen: Die merkwürdigen Einkäufe eines Online-Kasinos

Der letzte Einkaufs-Coup der Auktions-Promoter: Der auf den Namen Josef Kardinal Ratzinger zugelassene Golf. Für 188.938,88 Euro ging der Wagen über den virtuellen Ladentisch - der Einkaufspreis, den der Verkäufer einst bezahlte, betrug 9500 Euro.

Bizarre Gesellschaft für den Papst-Golf

Inzwischen sieht es auch aus, als ob es bei diesem Ergebnis bleiben wird. Verkäufer Benjamin Halbe sagte in einem Radiointerview, er sei mit dem Ergebnis "mehr als zufrieden". Die Kasino-Betreiber jedenfalls haben mit ihrem erfolgreichen Gebot wieder das erreicht, was sie bei eBay suchen: Publicity. Der Golf des Kardinals wird sich bald in seltsamer Gesellschaft befinden.

Denn zur Sammlung der eBay-Schnäppchen von GoldenPalace gehören einige bizarre Objekte, die im Internet fast Legendenstatus erreicht haben. Da ist zum Beispiel das heilige Käsesandwich: Eine US-Amerikanerin hatte nach dem ersten Biss in das getoastete Stück Brot das Antlitz der Muttergottes auf der Scheibe entdeckt und das nunmehr heilige Sandwich in ihrem Eisfach aufbewahrt. Als zehn Jahre später die Zeit reif und mit eBay der Marktplatz vorhanden war, verkaufte die 52-Jährige die gesegnete Mahlzeit für 28.000 Dollar - natürlich an GoldenPalace.

Andere Höhepunkte der Kuriositätensammlung sind ein benutzter Schwangerschaftstest, den angeblich jemand aus dem Mülleimer von Britney Spears gefischt hat, ein vorgeblich von einem Geist besessener Spazierstock im Wert von 65.000 Dollar, eine Schrumpf- und eine Zeitmaschine, ein Stück Hühnerbrust, dessen Form dem Kopf von Johannes Paul II. ähnelt und das Röntgenbild eines Mannes, in dessen After eine Glühbirne steckt.

Besondere Spezialität: Ersteigerte Körperteile

Eine besondere Spezialität der PR-Ersteigerer ist der zeitweilige oder permanente Erwerb von Körperteilen – oder ganzen Personen. Mehrmals kaufte GoldenPalace beispielsweise Werbeflächen im Dekolleté üppiger Damen und auf den Bäuchen Schwangerer, die dann den Namen des Kasinos dort als temporäres Tattoo für einen bestimmten Zeitraum zu Markte trugen.

Ratzinger-Golf mit hineinretouschiertem Logo: Seltsame Gesellschaft

Ratzinger-Golf mit hineinretouschiertem Logo: Seltsame Gesellschaft

Sogar ein gebrauchtes Brust-Implantat haben die Kasino-Betreiber einst erworben. Es stammte aus dem Busen einer ehemaligen Stripperin und Playboy-Titeldame - und war einst Gegenstand eines Gerichtsprozesses: Geklagt hatte ein Mann, bei dessen Junggesellenabschied die Dame aufgetreten war. Von ihrer Brust beim "Lapdance" im Gesicht getroffen habe er sich eine Nackenverletzung zugezogen, behauptete der Kläger. Der Richter ließ damals durch eine Gerichtsdienerin das Corpus delicti auf seine Konsistenz prüfen - mit dem Ergebnis, dass die Brust nicht wie vom Kläger behauptet steinhart, sondern schön weich war und deshalb nicht für die Verletzung verantwortlich gemacht werden konnte. GoldenPalace bezahlte fast 17.000 Dollar für das später ausrangierte, handsignierte Implantat.

In den USA gibt es inzwischen auch mehrere Menschen, die auf den Namen GoldenPalace.com hören - eine Mutter versteigerte sogar das Benennungsrecht für ihr noch ungeborenes Kind. Die kleine GoldenPalace.com wurde am 27. April 2005 geboren. Für den August wird die Geburt von Drillingen erwartet, deren Benennung sich das Kasino ebenfalls gesichert hat, zum Preis von 12.000 Dollar. Und auch eine erwachsene Frau, die früher Terri Iligan hieß, trägt jetzt den Namen der Online-Spielhalle. Sie bekam dafür etwas mehr als 15.000 Dollar.

Immer wieder ist das Kasino auch für seine Publicity-Aktionen kritisiert worden. Die kurzfristige Umbenennung eines Sportstadions in den USA kritisierten örtliche Politiker beispielsweise als "schlechtes Geschäft". Spielsucht sei eine ernste Gefahr, ein Kasino kein seriöser Partner.

Die Betreiber hingegen ficht das nicht an. Inzwischen erhalte man Tausende E-Mails von hoffnungsvollen Verkäufern von Merkwürdigkeiten, sagte GoldenPalace-Chef Richard Rowe. Die Aktionen des Unternehmens hätten "verändert, wie die Leute über Marketing nachdenken". Und Rowe geht davon aus, dass es auch weiterhin Menschen geben wird, die für Geld bereit sind, fast alles zu tun: "Vielleicht wird der Name 'GoldenPalace.com' eines Tages so verbreitet sein wie 'Richard'."

Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht nur, wie billig Menschen zu haben sind - sondern auch wie teuer Tiere im Vergleich dazu sein können. Die wohl kostspieligste Anschaffung der Online-Croupiers war nämlich die Benennung einer neuen Affenart - klar, wie die jetzt heißt. Sensationell ist weniger der Name als die Kaufsumme - die übrigens an eine gemeinnützige Organisation ging. Die Benennung der neuen Art kostete 650.000 Dollar.

Christian Stöcker

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