Paralleles Universum Wer wird deutscher Meister im Counterstrike?

In Berlin zocken Deutschlands beste Computerspieler um den Meistertitel. Aus der spielenden Subkultur keimt eine schon jetzt semiprofessionelle Liga, die den Weg zum Mainstream sucht - und zur Anerkennung als Sport.

Von Kai Kolwitz


Finalteilnehmer: Profi-Zocker oder Sportler?
Kai Kolwitz

Finalteilnehmer: Profi-Zocker oder Sportler?

Wenn Khaldor "castet", klingt das ein bisschen wie ein brasilianischer Fußball-Reporter. In atemberaubendem Tempo sprudeln die Sätze aus seinem Mund. Man versteht vielleicht jedes dritte Wort in all dem "Deadknightunittacken"-Singsang. Später wird Khaldor, bürgerlich Thomas Kilian, sagen, dass das eigentlich noch ganz harmlos war. Dass sich das Spiel noch in einer langweiligen Phase befand und dass sich das Tempo noch ziemlich steigern könne.

Doch selbst der Anfang hat schon gereicht, um den Nicht-Kenner restlos zu verwirren. Der 24-jährige BWL-Student kommentiert gerade ein Erstrundenspiel im Warcraft-3-Wettbewerb. Seine Worte werden über die Website www.gamesports.de ins Netz übertragen.

Warcraft 3, das Spiel auf dem Schirm vor ihm, ist ein Echtzeit-Strategiespiel. Zwar greifen sich die Spieler gegenseitig an, aber das tun sie aus der Feldherren-Perspektive. Außerdem wollen Soldaten auch bezahlt werden. Deswegen gilt es erst einmal, Gold zu schürfen und Gebäude zu bauen, um die Versorgung der Truppen sicherzustellen. Gewonnen hat am Ende derjenige, dem es gelungen ist, alle Häuser des Gegners zu zerstören.

"Khaldor" ist ein Promi

Khaldor ist absoluter Experte für das Spiel. Als "Caster", also als Kommentator hat er einen Namen in der Szene. Deshalb haben ihm die Veranstalter die Fahrt von Heidelberg nach Berlin spendiert, damit er für sie aus dem Cubix-Kino am Alexanderplatz berichtet. Dort finden nämlich gerade die NGL-Finals statt - die Deutschen Meisterschaften der Computerspieler.

Auf dem Programm stehen die Disziplinen Warcraft 3, Raven Shield, Counter Strike, Battlefield 1942 und Fifa Soccer. Und dabei geht es um nicht wenig: Insgesamt 65.000 Euro an Preisgeldern konnte der Veranstalter, die Netzstatt Gaming League Europe, bei Sponsoren einwerben. Dazu kommen Sachpreise im Wert von noch einmal 15.000 Euro.

Auf mehr als 50 Turnieren hat die Liga ihre Finalteilnehmer ausgespielt. 176 Spieler haben sich qualifiziert - und ein bisschen hat man den Eindruck, in einem parallelen Universum gelandet zu sein. Drei große Rechnerparks sind in der zweiten und dritten Etage aufgebaut. Im Kino sieben werden die Top-Spiele des ersten Tages per Beamer vor gut gefüllten Zuschauerreihen übertragen. Überall laufen Kabel hin und her, Menschen mit Tastaturen im Rucksack mischen sich unter die Kinogäste.

Game ist Sport, das Team ein Clan...

Spielplan: Der "Geh ab Clan" trifft auf "Gamers at Work"...
Kai Kolwitz

Spielplan: Der "Geh ab Clan" trifft auf "Gamers at Work"...

Auch wenn das ganze noch etwas handgestrickt wirkt: Aus den Kinderschuhen ist die deutsche Spiele-Szene längst heraus. Als Beleg dafür kann Hendrik, alias "mouz/dArk" dienen. Auch er hat es ins Finale geschafft. Wenn der kleine, blonde 19-Jährige aus Hamm in Westfalen spielt, dann ist seine Rechte mit der Maus ununterbrochen in Bewegung, während seine Linke auf der Tastatur blind die Shortcuts eingibt, die nötig sind, um in verschiedene Untermenus zu wechseln, die Perspektive zu ändern und noch einiges mehr.

Auf dem Schirm wuseln derweil Figuren und Markierungen über die Karte und ab und zu steht eine Keilerei auf dem Programm. "Wie Schach, aber spielerischer und nicht nur rein taktisch", beschreibt er seine Lieblingsdisziplin, für die er täglich zwischen einer und auch mal sechs Stunden trainiert.

...und "mouz/dark" ist ein Semiprofi

Hendrik steht gerade kurz vor dem Abitur. Als "mouz/dark" gehört er zum Clan "mousesports", der sich in den Bereichen Counterstrike, Battlefield und seit kurzem eben auch Warcraft betätigt und dort in der Regel fordere Plätze in den Weltranglisten belegt. Die Einheit wird professionell gemanagt und hat Sponsorenverträge, so dass Hendrik Fahrt und Unterkunft nicht selbst bezahlen muss. Außerdem fließt eine monatliche Aufwandsentschädigung. "Es läuft gut", meint er lächelnd.

Währenddessen ist sein Monitor von Zuschauern und anderen Spielern belagert, die zuschauen und diskutieren. Die Absperrungen zur Gaming Zone werden großzügig ignoriert, das Klischee von den dumpf vor dem PC brütenden Ballerspielern erfüllt sich bei den Finals kaum. Man kennt sich untereinander und praktisch alle Disziplinen werden bei den Meisterschaften auch im Mehrspieler-Modus angeboten, wenn sie nicht sowieso nur auf Teamplay ausgelegt sind.

Falscher Eindruck: Kein Kino, sondern Arena
Kai Kolwitz

Falscher Eindruck: Kein Kino, sondern Arena

Gute Stimmung, mieser Ruf: Das nervt

Um die 500.000 Menschen spielen in Deutschland mehr oder weniger regelmäßig Counterstrike, das als eine Art Königsdisziplin gilt. "Die Szene wird völlig falsch eingeschätzt", ärgert sich Michael Haenisch deshalb, der ebenfalls für gamesports.de die Übertragung ins Netz sicherstellt. "Die Leute denken an LAN-Parties, dann denken sie an Counterstrike und dann an Erfurt", meint er und bringt damit von sich aus einen Städtenamen ins Spiel, den von den Spielern keiner mehr hören kann.

"Das sieht man ja auch, dass die Leute gar nicht so wie einsame Spieler daherkommen. Die können kommunizieren, sind locker, verstehen sich gut und freuen sich, dass sie bei den Veranstaltungen ihre Freunde wiedertreffen", ergänzt Jens Enders. Der 34-Jährige mit dem Pferdeschwanz und dem leicht übernächtigtem Aussehen ist schon seit sieben Jahren dabei. Mit seiner Firma freaks4u organisiert er die NGL-Serie, nebenbei managt das Unternehmen einige Spitzenspieler und ist seit kurzem auch mit gamesports.de liiert.

Werbung ohne Streuverlust

Sponsoren aus der Computerbranche mögen die Zocker - schließlich lässt sich hier ohne Streuverlust eine Zielgruppe erreichen, bei der ein hohes Interesse an High-End-Grafikkarten, hochwertigen Kopfhörern und schnellen Prozessoren vorausgesetzt werden darf. Und man könnte mutmaßen, dass der Markt noch Potential hat, wenn die Spieler der ersten Generation erst einmal im Mainstream angekommen sind. Wenn man Enders darauf allerdings anspricht, bekommt er große Augen und sagt Dinge wie: "Wie in vielen Bereichen kann man hier am besten überleben, wenn man breit aufgestellt ist." Aber beschweren würde er sich nicht, wenn seine Leute und er auch in Zukunft noch oben stehen würden. Wer würde das schon tun?



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