S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Es gibt keine Abkürzung

Die westlichen Gesellschaften wären gern rational und aufgeklärt - aber in Extremsituationen reagieren sie emotional und reaktionär. Die Hoffnung, dass es eine einfache Antwort auf Bedrohungen wie Terrorismus gibt, ist groß. Und falsch.

Eine Kolumne von


Die Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover wirkte wie ein dunkles Echo von Paris. Der Innenminister mochte die Frage nach dem Grund nicht beantworten: "Ein Teil meiner Antwort würde die Öffentlichkeit verunsichern." Eine absurde Aussage, weil sie eine eingebaute Aufforderung zur Spekulation enthält, die doch eine Verunsicherungsgarantie ist. Noch verunsichernder lässt sich kaum kommunizieren nach einem solchen Freitag, dem 13. Nach Paris.

Ein Fußballfunktionär sagte am Abend sinngemäß, es sei hart für die Mannschaft jetzt schon das zweite schreckliche Ereignis miterleben zu müssen. Man muss da keine Boshaftigkeit unterstellen, es ist eine nachvollziehbare Reaktion in dieser Gefährdungssituation. Aber es sagt so viel, die Spielabsage in Hannover mit dem gleichen Maß messen zu wollen wie den Horror in Paris.

Es zeigt nämlich, dass allein schon die per Absage offizialisierte Bedrohung als eine Art Psycho-Attentat empfunden werden kann. Man erahnt daran, dass die Anschläge als Propagandawerk funktionieren. Eine Absage verwandelt sich so in einen halben Anschlag. Mit der verstörenden Folge, dass nichts passiert und man sich trotzdem angegriffen fühlt. Das zersetzende Wesen des Terrors.

Dann kommen die Beschwörungen

Nach der Angst kommen die Beschwörungen. So unmittelbar, dass man die öffentliche Beschwörung als cargo-kultisches Antidot gegen das mediale Gift des Terrors betrachten kann. Cargo-kultisch, weil natürlich alle Presse-Beschwörungen zusammen nichts ändern am nächsten und auch nicht am übernächsten Anschlag.

Rohe Gewalt markiert den Moment, wo sich Medien schlagartig, anschlagartig ihrer unmittelbaren Ohnmacht bewusst werden. In den Neunzigerjahren gab es in Berlin eine Partyreihe "Saufen gegen Rechts", es war eher als Scherz gemeint, aber weit entfernt von "Schreiben gegen den Terror" ist es nicht. Zunächst. Dass auf mittlere und lange Sicht das Wort das mächtigste Schwert ist, stimmt auch, aber bis dahin wird raunend beschworen.

Das liegt vielleicht daran, dass man eine Gegenbeschwörung für notwendig hält, weil ja schon der Terror als eine Form der Beschwörung erscheint: eine Beschwörung der Angst- und Hasssphären der westlichen Gesellschaften, die radikalisiert werden sollen. Denn Radikale können zur Selbstrechtfertigung, als Existenznarrativ auch Radikale auf der anderen Seite gut gebrauchen.

Schwarz-Weiß-Malerei als wichtigstes Geschäft

Notfalls erzeugen sie sich welche, das wichtigste Geschäft des Radikalismus ist die Schwarz-Weiß-Malerei, Zivilisation heißt Differenzierung. Ein Verleger fordert in diese Stimmung hinein ernsthaft die "Radikalisierung der Mitte", als definiere sich die Mitte nicht gerade durch die Abwesenheit von Radikalismus. Die Absurdität dieser Beschwörung hat innenministerielle Qualitäten, hilfloser und unverantwortlicher kann man gar nicht in die islamistische Falle tappen, dem Wunsch nach Radikalisierung.

Eine weitere publizistische Beschwörung: Krieg. Wenn von Krieg die Rede ist, dann schwingt vielleicht auch mit, dass man einen Schmerz verspürt, den man nicht unter Preis eingestehen möchte. Die Verletzung des eigenen Stolzes, das Realisieren der Verwundbarkeit, diese Tränen, die einem am Freitagabend gekommen sind, das kann doch ein schlichter Anschlag nicht bewirken, dafür braucht es doch einen Krieg! Mindestens.

Noch bevor die Leichen kalt sind, kriechen die Söder-artigen aus ihren Ich-Löchern und beschwören die eigene politische Agenda: "#ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen". Erbärmlicher kann man nicht sagen, dass man in den Anschlägen in erster Linie keinen menschlichen Horror, sondern eine Bestätigung der eigenen Position sieht.

"Das hat mit dem Islam nichts zu tun"?

Schon bei "Charlie Hebdo" verstörte auch eine merkwürdig schützend-vorauseilende Beschwörung: "Das hat mit dem Islam nichts zu tun!" Aber es hat natürlich doch etwas damit zu tun, nur anders als die Rechtspopulisten das inszenieren. Dieses Verhältnis muss verstanden werden, ohne über eine Milliarde normale, nicht-radikale Menschen vorzuverurteilen oder zu diskriminieren.

Wenn man nämlich bei der Erklärung die Religion krampfhaft ausklammert, klammert man automatisch die Mitverantwortung der europäischen Gesellschaften an der Radikalisierung aus. Man klammert ebenso den sehr religionsspezifischen Aspekt aus, dass stets ein vernichtungsbereiter Antisemitismus in der islamistischen Radikalisierung mitschwingt. Es sieht nicht aus, als sei der Klub Bataclan zufällig ausgesucht worden. Dort fanden proisraelische Veranstaltungen statt, 40 Jahre lang gehörte er französischen Juden.

Ohne die Verantwortung und Schuld dieser Terroristen ein Jota zu mindern, muss man die Rolle der Gesellschaft bei der Entstehung dieser Mörderbanden versuchen zu verstehen. Fast alle bisher identifizierten Terroristen waren Franzosen, geboren und aufgewachsen in Frankreich. Was genau macht eine Anzahl junger Muslime anfällig dafür, einen Massenmord, den eigenen Tod und die Verdammnis durch die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, für attraktiver oder sinnvoller zu halten als jede andere Alternative? Was sagt das über ebendiese Gesellschaft?

Die ungeheure Perspektivlosigkeit etwa in den französischen Banlieues ist oft festgestellt worden, und ganz offensichtlich ergibt die Mischung aus gesellschaftlicher Ausgrenzung und islamistischer Propaganda bei islamischen Jugendlicher einen horriblen Sprengstoff. Und den Willen, ihn zu zünden.

Wie wird ein junger Mann ein Massenmörder?

Auch diese Ausgrenzung funktioniert als Beschwörung. Betrieben wird sie von rechten Kräften, die Angst säen wollen, die "Moslems" sagen und "schwarzhaarige Migranten" meinen. Die politisch davon profitieren, in jeden Moslem einen Terroristen hineinzuprojizieren. Es ergibt sich ein Hochschaukeln, das in Frankreich längst im Gang ist, wo der Front National bei den kommenden Wahlen stärkste Partei werden könnte. Das sind Rechtsradikale. Der Front National ist exakt das, was herauskommt, wenn sich die Mitte radikalisiert. Und mehr Ausgrenzung macht offenbar die Horrorideologie des gewalttätigen Islamismus für islamische Jugendliche attraktiver.

Und daran knüpft sich nahtlos die modernste Beschwörung von allen: Dass mithilfe von Rundumüberwachung aller Bürger ein besserer Schutz vor solchen Anschlägen möglich sei. Mit der Vorratsdatenspeicherung wird das in Ordnung kommen und so weiter. Ein guter Teil der Attentäter von Paris war den Behörden bekannt. Wieder. Wie schon bei "Charlie Hebdo".

Frankreich hat schon lange scharfe Überwachungsgesetze, die Mitte des Jahres noch einmal extrem verschärft wurden. Im Prinzip dürfen französische Behörden jetzt alles. Geholfen hat es auch diesmal nicht. Wie kann man bei der Überwachung immer noch glauben "Viel hilft viel"? Dahinter steht auch die sparwutgetriebene Hoffnung, man könne durch Digitalisierung und algorithmische Automatisierung schlicht Personal einsparen.

Für eine funktionierende, zivilisierte Gesellschaft

Die Wahrheit ist, dass eine sich für rational, für vernünftig haltende Gesellschaft gegen alle Evidenz hofft, dass es ein einfaches Mittel gibt für die Probleme der radikalisierten, komplexen Welt: Überwachung. Überwachung ist einfach, weil der Normalbürger sie zunächst nicht bemerkt, sie ist unsichtbar und geschieht nebenbei. Man kann während einer Totalüberwachung zwei Bier trinken und nichts geschieht. Es ist vollkommen klar, dass Verdächtige unbedingt überwacht werden müssen, aber darum geht es gar nicht. Es geht um die Beschwörung eines fatalen, weil falschen Gefühls der Sicherheit durch Überwachung.

Denn die Beschwörungsformel "Überwachung gleich Sicherheit" gibt das implizite Versprechen ab, Sicherheit zu bekommen, ohne irgendetwas ändern zu müssen. Und dieses Versprechen ist falsch. Es gibt keine Abkürzung. Das beste Mittel gegen jede Form von Radikalisierung und Gewalt ist, eine für alle funktionierende, zivilisierte Gesellschaft aufzubauen. Das ist das Gegenteil der Beschwörung, nämlich harte Arbeit. Es ist anstrengend und nervig und langwierig und voller Rückschläge. Aber es geht nicht anders.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 226 Beiträge
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ruhepuls 18.11.2015
1. Rationale Lösung?
Gesellschaften reagieren dann irrational, wenn sie Angst haben und/oder es eben keine rationale Lösung gibt. Welche rationale Lösung gibt es gegen Fanatiker? Die Klage, man habe sie ja selbst geschaffen, mag "rational" klingen, ist aber letztlich nur eine Flucht vor Entscheidungen. Die "Schuldfrage" löst das aktuelle Geschehen auch nicht. Die Geister sind nun da - und es stellt sich die Frage, wie wird man sie wieder los. Wer darauf eine rationale Lösung hat, der mag sie nennen. Die Sache mit der anderen Backe hinhalten, ist auch nicht unbedingt rational.
Max Super-Powers 18.11.2015
2.
Ohne Lobo zu nahe treten zu wollen, aber ich glaube, dieses Ereignis ist ein gutes Stück zu hoch für sie. Gründe für und Kampf gegen Terror sind dermaßen vielschichtig und komplex, dass es dafür eigene Fachjournalisten gibt - zurecht, wie diese Kolumne beweist. Lobo hat sehr, sehr viel gutes für das Web getan. Aber das hier ist eindeutig nicht sein Metier.
Katzazi 18.11.2015
3.
Es ist ja nicht nur so, dass es keine Abkürzung gibt, sondern dass ein Zurückfallen in archaisches Rache- und Fehdedenken den Weg so immens länger macht. Aber genau das passiert hier. Gleichzeitig geschieht eine Abschwächung sowohl des Rechtsstaates, als auch der Demokratie, wenn Überwachung und Sonderrechte und Ausnahmezustände um sich greifen. Ja, es gibt sicherlich Situationen, da sind sie gerechtfertigt, insbesondere wenn sie konkret und zielgerichtet sind. Aber so erschütternt die Vorfälle auch sind und so sehr man sich wünscht, dass sie nie stattgefunden hätten. So sterben in einem Flugzeugabsturz oder bei einem Entgleisten Zug, im Zweifel mehr Menschen. Sicherlich sollten Polizei, Gerichte und vielleicht auch Geheimdienste hier ihre Arbeit tun. Aber rechtfertigen die Vorfälle wirklich, dass die EU in den Krieg zieht? Dass hart erarbeitete Freiheitsrechte pauschal eingeschränkt werden? Sind die Menschen in Paris, die tanzen, feiern und Spass haben wollten, wirklich dafür gestorben, dass all das schwieriger gemacht wird? Und dafür, dass wir jetzt ähnliches Leid Unschuldigen in Syrien und Irak an tun? Denn bei so gut wie jedem Luftschlag sterben auch Unbeteiligte. - Bringt uns das irgendwie weiter? Verhindert das, dass sich Menschen radikalisiern und uns weh tun wollen?
agua 18.11.2015
4.
Aus Angst wird Hysterie und das ist sehr unbedacht.Ich stimme Ihrer Kolumne zu,Sascha Lobo. Ich las gestern den Artikel über die schwangere Frau,die ihren Retter fand.Im Artikel steht,dass dieser Mann im Anschluss seiner Rettungsaktion zu den Opfern der Geiselnahme gehörte.Er sagte,dass die Geiselnehmer immer wieder gerufen hätten,dass es so für die Menschen in Syrien sei.Angst um das Leben und Unschuldige sterben. Das ist für mich der Schlüssel,denn viel zu lange wird das Leiden der Menschen dort ignoriert.Und einige der politischen Beschlüsse als Reaktion auf das Attentat werden genau dieses Leiden und die Angst verschlimmern. Ich sehe kein Ende der Eskalation,leider....
Untertan 2.0 18.11.2015
5. Behördenversagen?
---Zitat--- Dabei war Teil der Attentäter von Paris den Behörden bekannt. Wieder. Wie schon bei Charlie Hebdo. ---Zitatende--- "Einmal kann passieren, Zweimal ist Dummheit, dreimal ist Absicht", sagt man in Geheimdienstkreisen. Langsam sollten wir uns fragen, ob die entsprechenden Behörden nicht a und an mal ein Attentat durchgehen lassen, um ihre Machtbasis auszubauen. Alles Verschwörungstheorie? Nun, seit Snowden wissen wir, dass es neben der Theorie auch eine ziemlich reale Verschwörungspraxis gibt. Mich würde jedenfalls nichts mehr überraschen.
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