Party-Angst in Braunschweig Furcht vor dem Flashmob

Spontan-Party auf dem Schlossplatz: Nicht bei uns! Braunschweigs Behörden gehen gegen eine Internet-Aktion vor, die zum öffentlichen Grillen aufrief. Sie fürchten offenbar einen Flashmob wie jüngst auf Sylt, der Organisator gibt jetzt nach - aber kommen die Massen womöglich doch?

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Hamburg - Mehr als hundert Blog- und Foreneinträge befassen sich aktuell mit dem Braunschweiger Schlossplatz. Die Autoren interessieren sich aber nicht für die stadthistorische Bedeutung des renovierten Platzes, sondern vielmehr für eine zeitgenössische und zeitlich begrenzte Umnutzung, die das Ordnungsamt verboten hat: Eine Grillparty, ein öffentliches Picknick, zu dem Dirk Schadt im Internet eingeladen hat.

Party-Einladungen im Internet - darauf reagieren Behörden derzeit geradezu allergisch. Mit einem Hubschrauber und Spezialkräften folgte die Polizei in Großbritannien Mitte Juli einem digitalen Aufruf. Die Ordnungshüter in Kampfmontur sprengten ein friedliches Geburtstagsgrillen in dem winzigen Dorf Devon, zu dem sich rund ein Dutzend Freunde und Familienangehörige online verabredet hatten. Sicher ist sicher, schließlich hätte das friedliche Miteinander ja zu einer riesigen illegalen Party ausarten können - teilte zumindest die Polizei nach ihrem Aufmarsch mit. Der Veranstalter dagegen sagte, man habe nicht einmal Musik aufgelegt: "Tatsächlich ist die Polizei gekommen und hat 15 Leute daran gehindert, Hamburger zu essen."

Das Ordnungsamt in Braunschweig, wohl durch einen Tipp auf die im eigenen Verantwortungsbereich geplante Grill-Versammlung aufmerksam geworden, recherchierte sicherheitshalber den richtigen Namen des unter Pseudonym auftretenden Grillparty-Veranstalters. Sie luden den Schriftsteller und Discotheken-Betriebsrat zu einem klärenden Gespräch aufs Amt. Der erschien und ließ sich belehren. Seine Eindrücke schrieb er auf und stellte sie ins Internet. Reißerische Überschrift: "Flashmobs in Braunschweig verboten". Die Nachricht verbreitete sich schnell durchs Mitmach-Netz. Flashmobs sind meist spontane Treffen von Menschen, die sich untereinander kaum kennen, im öffentlichen Raum - ein Trend der vergangenen Jahre.

Angst vor saufenden Jugendgruppen

Die Stadt Braunschweig widerspricht Schadts Darstellung. Man habe Flashmobs keineswegs generell verboten. Es gehe nur darum, dass für den Schlossplatz eben eine besondere Satzung gelte, sagt ein Sprecher der Stadt. Solche Sondersatzungen gibt es auch in anderen Städten und Gemeinden - prominentes Beispiel ist Berlin, wo ein Alkoholverbot am Alexanderplatz gilt. Dort hatten sich nächtens saufende Jugendgruppen getroffen. Glasscherben und Erbrochenes auf dem Boden waren noch die harmloseren Folgen.

Solche Massenaufläufe mit Extremsport-Charakter sind dem Braunschweiger Schlossplatz bisher erspart geblieben, trotzdem gelten besondere Regeln. Vor dem rekonstruierten Stadtschloss, das ein schnödes Einkaufszentrum beherbergt, sollen nur noch "Ereignisse von stadthistorischer Bedeutung" genehmigt werden. Profanes Grillen fällt nicht darunter.

In der Zusammenfassung des Gesprächs, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, bezeichnet das Ordnungsamt das geplante Picknick deshalb als "nicht genehmigungsfähige Sondernutzung". Schadt müsse den Aufruf im Internet widerrufen, sonst werde er als Veranstalter "in Regress genommen". Er könne ja auf SPIEGEL ONLINE nachlesen, was auf Sylt geschehen sei.

20.000 Euro für die Blitzparty auf Sylt

Auf der Nordseeinsel hatten sich Mitte Juni junge Leute zu einem Massenbesäufnis getroffen. Nachdem Christoph Stüber Job und Freundin verloren hatte, lud er zu einer Strandparty nach Sylt ein. Weil er die Einladung für jeden sichtbar in die Community MeinVZ stellte, artete die Feier aus. Fünftausend Jugendliche kamen, es gab Schlägereien, Verletzte, Festnahmen. Der arbeitslose 26-Jährige bekam anschließend eine Rechnung zugestellt: 20.000 Euro soll er bezahlen, die Gemeinde hatte wohlweislich zusätzliche Polizisten, Ärzte und Helfer bestellt.

Den Sylt-Vergleich mag Schadt so nicht stehen lassen: "Nur weil ich im Internet zu einem Treffen einlade, kommen nicht gleich fünftausend Leute." Er verweist darauf, dass das Treffen ja nicht zum ersten Mal stattfinde. Im vergangenen Jahr fiel es wegen Regens aus, doch vor zwei Jahren sei man aufgetaucht, habe friedlich gepicknickt und sei wieder verschwunden (siehe Fotostrecke oben). Die Aktion sei so spurlos abgelaufen, dass nicht einmal die "Braunschweiger Zeitung" davon Wind bekommen habe.

Trotzdem widerruft Schadt nun in einer ausführlichen Stellungnahme seine Einladung und bittet, "diese Botschaft in Braunschweig durch Flugblätter, in Online-Foren, E-Mail-Verteilern, in Zeitungen und auf Luftballons" zu verteilen. Damit wirklich jeder weiß, dass niemand vorhat, ein Picknick zu veranstalten.

Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

In der entsprechenden StudiVZ-Gruppe steht sogar "ACHTUNG: Bitte keine Beiträge mit der Aufforderung, doch zum Picknick zu erscheinen! Das Ordnungsamt beobachtet diese Gruppe und jede Aufforderung zum Picknick könnte zur Anzeige gebracht werden."

Wenn es denn nun wirklich der Schlossplatz sein müsse, dann könne Schadt immer noch eine Demonstration anmelden, sagte ein Sprecher der Stadt. Aber weil an dem avisierten Tag bereits andere Veranstaltungen geplant sind, müsste er sich wohl einen anderen Termin aussuchen. Darauf will Schadt sich nicht einlassen: "Viel interessanter ist doch zu sehen, was jetzt ohne angemeldete Demonstration passiert." Denn trotz des Verbots und seiner ausdrücklichen Ausladung geht er davon aus, dass sich etliche zum Picknick auf dem Platz treffen werden.

Rein aus Interesse, ob denn eine ähnliche Veranstaltung mit Demo-Charakter auf dem Schlossplatz von der Stadt genehmigt würde, hat Schadt mittlerweile eine solche für den 22. August angemeldet. Dann will er mit ein paar Freunden gegen das Flashmob-Verbot protestieren. "Das ist zulässig", teilt die Stadt mit. Man werde den Anmelder über die Auflagen informieren. So müsse er zum Beispiel den Müll beseitigen.

Hätte er zum Grillen in den Prinz-Albrecht-Park eingeladen, wäre er vom Ordnungsamt wohl verschont geblieben. Dort ist das Grillen ausdrücklich erlaubt.

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Zephira 28.07.2009
1. Flashmobs
Der Gedanke hinter Flashmobs ist ein harmloses soziales Event, welches einen simplen, spontanen und möglichst bizarren Ausbruch aus der täglichen Routine darstellen soll. Sie lassen sich also am ehesten als eine neuartige, mit modernen Medien konzertierte Form von Graswurzel-Kunst begreifen. Das reicht von Kissenschlachten über minutenlanges "Einfrieren" in der Bewegung bis hin zu Rickrolling-Chören - aber nichts davon hat mit Alkohol, Umweltverschmutzung und Vandalismus zu tun. Riesenparties sind also etwas komplett anderes. Nicht jede Massenveranstaltung, zu der von einem einfachen User im Internet aufgerufen wird, ist ein Flashmob. Ich bitte daher, diesen Begriff sorgfältiger zu nutzen, denn hinter dieser Kunstform stecken Prinzipien und Gedanken, die von Saufgelagen und dergleichen kaum weiter entfernt sein könnten.
fatalismo 28.07.2009
2. Gut möglich...
...dass diese hanebüchen verrückte und trotz aller Nebenwirkungen sympathische Methode des Volkes, seine eigenen Räume wieder zurückzuerobern, eines Tages auch einen virtuellen "Sturm auf die Bastille" möglich werden lässt - ganz ohne Blut und Tränen. Und sei es gegen die Bastionen jener, die sich Völker halten wie domestizierte Schoßhündchen. Nach dem winselnden Eingehen der Superblöcke sind wir dann vielleicht so weit, die neofeudalen Großkotze in Grund und Boden zu lachen. Rein rechtlich, so denke ich mal, wäre doch kaum etwas dagegen einzuwenden, zum Beispiel vor der Einladung zu einem Hyper-Woodstock vor der Gedächtniskirche dringend zu warnen - na ja, auch mit Luftballons und selbstgemachten Flugblättern... Ach ja - und die Öffentliche Ordnung? Das beantwortet sich von selber: Öffentlich ist eine Ordnung dann, wenn sie der Öffentlichkeit dient. Erinnert sich noch wer an jenen Verlust an öffentlicher Ordnung, als etliche 100.000 auf den Leipziger Straßen "Wir sind das Volk" intonierten und sogar Werktätige in ihrer Eile aufgehalten haben. Wie erschröcklich.
gloton7, 28.07.2009
3. Optimal zum Demonstrieren
Was nutzt das im Grundgesetz eingetragene Recht auf Versammlung, wenn man dazu einen Antrag stellen muß, der obendrein noch genehmigt werden muß? Da bieten sich die Flashmobs direkt an. Niiiiiemand hat die Absicht, eine Demo zu veranstalten! Wir sind alle nur zufällig hier! Es gibt keinen Organisator! Wenns Euch nicht passt, dann verhaftet uns! Was aber steht dann in der Anklage? Teilnahme an einer unangemeldeten Demonstration? Das soll erst einmal einer beweisen! Wenn die Organisatoren schlau genug sind, dann finden sie einen Weg im Internet. Jedoch sollte dazu niemand Spiegel Online benutzen, um z.B. eine Spontandemo am Münchner Marienplatz am Dienstag, den 28.07.2009 um 15.30 Uhr gegen die ZAUP (Zusammenschluss asozialer und unchristlicher Personen, früher bekannt unter CSU) zu verkünden. Das wäre zu offensichtlich!
infanterist 28.07.2009
4. Wow
ich bin begeistert das es die Stadt Braunschweig auf die Titelseite von Spiegel Online gebracht hat....
dayo, 28.07.2009
5. so nicht!
Zitat von fatalismo...dass diese hanebüchen verrückte und trotz aller Nebenwirkungen sympathische Methode des Volkes, seine eigenen Räume wieder zurückzuerobern, eines Tages auch einen virtuellen "Sturm auf die Bastille" möglich werden lässt - ganz ohne Blut und Tränen. Und sei es gegen die Bastionen jener, die sich Völker halten wie domestizierte Schoßhündchen. Nach dem winselnden Eingehen der Superblöcke sind wir dann vielleicht so weit, die neofeudalen Großkotze in Grund und Boden zu lachen. Rein rechtlich, so denke ich mal, wäre doch kaum etwas dagegen einzuwenden, zum Beispiel vor der Einladung zu einem Hyper-Woodstock vor der Gedächtniskirche dringend zu warnen - na ja, auch mit Luftballons und selbstgemachten Flugblättern... Ach ja - und die Öffentliche Ordnung? Das beantwortet sich von selber: Öffentlich ist eine Ordnung dann, wenn sie der Öffentlichkeit dient. Erinnert sich noch wer an jenen Verlust an öffentlicher Ordnung, als etliche 100.000 auf den Leipziger Straßen "Wir sind das Volk" intonierten und sogar Werktätige in ihrer Eile aufgehalten haben. Wie erschröcklich.
diese frechheiten wurden dementsprechend schnell in "wir sind ein volk" geändert-was sich zwar nachträglich als unsinn herausstellte aber halt nicht so despektierlich war, wie die ursprüngliche erkenntnis.
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