Einigung im Patentstreit Yahoo bindet Facebook an sich

Sie schmieden eine weitreichende Allianz: Yahoo und Facebook wollen enger als bisher zusammenarbeiten und legen damit ihren Patentstreit bei. Yahoo hatte das soziale Netzwerk verklagt und auf viele Millionen gehofft - doch dann kam alles ganz anders.

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Yahoo-Schild in Santa Clara: Erst Thompsons Abgang machte die Einigung möglich
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Yahoo-Schild in Santa Clara: Erst Thompsons Abgang machte die Einigung möglich


Hamburg - Nettes Netzwerk - nur leider sind die Ideen von uns geklaut: Mit diesem Vorwurf zog Yahoo im März vor Gericht gegen Facebook. Wir haben uns das alles ausgedacht, wir haben die Patente, Facebook ist nur ein Trittbrettfahrer, so liest sich die Klageschrift. Selbst wenn das zutreffen sollte, kann es doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Yahoo mit diesen Ideen nicht viel anzufangen wusste. Facebook hingegen schuf ein überaus erfolgreiches soziales Netzwerk.

Nun haben sich der Werbekonzern Yahoo und Facebook geeinigt, der Patentstreit ist beigelegt, und die Unternehmen wollen noch enger als bisher zusammenarbeiten. Die Allianz betrifft vor allem die für beide Seiten überlebenswichtige Werbung und Verbreitung von Inhalten. Die Patente dürfen sie nun gegenseitig nutzen.

Möglich wurde das erst durch den Abgang von Yahoo-Chef Scott Thompson. Der musste im Mai nach nur 130 Tagen im Job wieder gehen, nachdem bekannt geworden war, dass er sich seinen College-Abschluss ausgedacht hatte. Gleich danach hisste Yahoo die Friedensfahne.

Denn es war Thompson, der die Facebook-Klage vorbereitet hatte. Ein aggressiver Schritt, der in der Firma umstritten war. Die Patente des Unternehmens sollten eigentlich der Abwehr dienen, man wollte sich gegen mögliche Angriffe von Wettbewerbern verteidigen können. Thompson schwenkte auf Angriff um. Er witterte, angesichts des bevorstehenden Facebook-Börsengangs, ein Milliardengeschäft.

Geschäftsmodell Patentkrieg

Thompson wollte Geld von Facebook sehen, nicht nur Lizenzzahlungen, sondern obendrein Schadensersatz. Es hatte schließlich schon einmal funktioniert: 2004 hatte sich Yahoo mit Google angelegt. Zehn Tage vor Googles Börsengang gab es eine außergerichtliche Einigung, Yahoo bekam ein paar Millionen Google-Anteile. Warum nicht wieder? Und hatte nicht Microsoft im April mehr als eine halbe Milliarde Dollar von Facebook bekommen, für die Nutzung von mehr als 600 Patenten?

Die Dollars konnte Thompson gut gebrauchen: Das vor 18 Jahren als Internetverzeichnis gestartete Yahoo, mittlerweile mehr Anzeigenfirma mit angeschlossenen Web-Portalen, laboriert seit Jahren am Geschäftsmodell. Reihenweise wurden kleine Firmen aufgekauft und danach oft vernachlässigt, darunter Flickr und Delicious. Eigene soziale Netzwerke wollten nicht recht zünden, Dutzende Dienste wurden eingestellt, Beteiligungen verkauft. Die Chefs kamen und gingen, Thompson krempelte die Firma wieder einmal um. 14 Prozent der Belegschaft sollten bis Ende des Jahres gehen, rund 2000 Mitarbeiter.

Wenn schon die eigenen Netzwerke kein Geld abwerfen, dann wenigstens die Patente. Diese neue Strategie ließ Yahoo nicht nur wie einen schlechten Verlierer aussehen, sie provozierte auch Protest. Einer der Entwickler, dessen Software Yahoo sich patentieren ließ, beklagte sich bitterlich - und versprach öffentlich, nie wieder bei der Patentierung von Software mitzumachen. Überhaupt seien die von Yahoo angeführten Patente viel zu generell, schrieb Andy Baio, jede Web-Anwendung könne man so zur Kasse bitten.

Der ehemalige Yahoo-Entwickler bringt das Image-Problem auf den Punkt, indem er eine Szene aus dem Facebook-Film "The Social Network" zitiert. Darin verteidigt sich ein fiktiver Mark Zuckerberg gegen Vorwürfe, die Idee für das soziale Netzwerk nur geklaut zu haben: "Wenn ihr die Erfinder von Facebook wärt, dann hättet ihr Facebook erfunden." Nur eine gute Idee reicht nicht aus, es kommt auf die Umsetzung an.

Kooperation auf Jahre hinaus

Bei Facebook sah man das offenbar ähnlich - und wollte nicht für Funktionen wie den sich ständig aktualisierenden Nachrichtenstrom zahlen. Die Gegenklage ging Anfang April ein, Facebook machte seinerseits Patente geltend, die Yahoo verletzen würde. Da war sie, die nächste große Patentschlacht, die über Jahre hinweg mehrere Gerichte und noch viel mehr Anwälte hätte beschäftigen können.

Nach dem plötzlichen Abgang von Thompson, so berichtet es AllThingsD, nahmen der neue Interimschef Ross Levinsohn und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg schnell Verhandlungen auf. Nun wollte man sich gütlich einigen. Ohnehin arbeitete man schon zusammen: Facebook Chart zeigen gewährte Yahoo bereits Zugriff auf Teile seiner Netzwerk-Daten und bekam dafür Kontaktdaten von Yahoo Chart zeigen.

Nun wollen beide auf Jahre hinaus noch mehr teilen. Was bisher bekannt wurde - gemeinsame Werbevermarktung großer Events, Einbindung der Yahoo-Berichterstattung auf Facebook, gegenseitige Lizenzierung von Patenten - dürfte dabei nur der Anfang sein. Yahoo sammelt mit seinem Werbenetzwerk so viele Profildaten wie sonst kaum ein Unternehmen, Facebook liefert zu den Klicks die Namen und Interessen. Das ist ein Pfund, mit dem man bei Werbekunden wuchern kann.

Bei Yahoo ist man zu der Einsicht gelangt, dass eine Zusammenarbeit mit dem Netzwerk-Riesen Facebook weniger Risiko und mehr Chancen bietet als ein langwieriger Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang. Das mittlerweile börsennotierte Facebook wiederum kann seinen Aktienkurs schonen und muss seinen Aktionären keine Millionenzahlungen an Yahoo erklären.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
j.vantast 07.07.2012
1. Ja und?
Zitat von sysopAPSie schmieden eine weitreichende Allianz: Yahoo und Facebook wollen enger als bisher zusammenarbeiten und legen damit ihren Patentstreit bei. Yahoo hatte das soziale Netzwerk verklagt und auf viele Millionen gehofft - doch dann kam alles ganz anders. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,843132,00.html
Was sollen uns diese Sätze sagen? Wenn jemand eine geniale Idee hat und sich diese patentieren lässt, aus finanziellen oder sonstigen Gründen diese Ideen nicht gleich umsetzen kann, dann darf jeder ungeniert diese patentierten Ideen stehlen und für sich selbst vermarkten? Ein Beweis mehr dafür, das Facebook lediglich mit den Ideen anderer erfolgreich ist. Auch heute lebt Facebook nur von den Usern, die den eigentlichen Content beisteuern. Auch hier werden die Beiträge der User per unverschämten AGB von Facebook ausgeschlachtet. Ein Idiot, wer Facebook den Content kostenlos zur Verfügung stellt und sogar noch Aktien von Facebook kauft. Kauft er doch seine eigenen Beiträge.
thorder 07.07.2012
2. Nur wieder die nächste Blase
Zitat von j.vantastWas sollen uns diese Sätze sagen? Wenn jemand eine geniale Idee hat und sich diese patentieren lässt, aus finanziellen oder sonstigen Gründen diese Ideen nicht gleich umsetzen kann, dann darf jeder ungeniert diese patentierten Ideen stehlen und für sich selbst vermarkten? Ein Beweis mehr dafür, das Facebook lediglich mit den Ideen anderer erfolgreich ist. Auch heute lebt Facebook nur von den Usern, die den eigentlichen Content beisteuern. Auch hier werden die Beiträge der User per unverschämten AGB von Facebook ausgeschlachtet. Ein Idiot, wer Facebook den Content kostenlos zur Verfügung stellt und sogar noch Aktien von Facebook kauft. Kauft er doch seine eigenen Beiträge.
Ist doch unerheblich, es ist doch ohnehin nur Luftökonomie, die hochspekulierten "Werte" beider Unternehmen sind doch nur "börsenreal", also Phantasie. Die eigenen User vollumfänglich aus zu schnüffeln um damit dann "Äds" (pentrante Werbung) zu verscherbeln ist doch ethikloses Schandunternehmertum. Diese Blase platzt kürzlich auch wieder, genau wie die Internetblase vor rund zehn Jahren. Damals wurde auch bis kurz vor Schluß noch künstlich hochgehyped und am Ende standen die ganzen Web-Wunderkinder dann ohne Kleider da. Keines dieser Unternehmen hat einen über den Materialwert Ihrer Serverfarmen hinausgehenden Realwert.
uwe koschnick 07.07.2012
3. Yahoo bindet Facebook an sich
Na, da haben sich ja zwei Looser-Firmen gefunden. In drei Jahren gibt es beide nicht mehr.
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