Tech-Firmen nach Attentat in Pittsburgh Erst das Geschäft, dann das Bedauern

PayPal und andere Dienstleister wollen sich vom Hass-Netzwerk Gab.com distanzieren, seit klar ist: Auch der Mörder von Pittsburgh war dort aktiv. Ihre Heuchelei darf man ihnen nicht durchgehen lassen.

Trauerbekundungen vor der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh
AFP

Trauerbekundungen vor der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh

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PayPals PR-Abteilung hat nach dem Massenmord in einer Synagoge am Samstag in Pittsburgh ein beinahe unerträglich heuchlerisches Statement an US-Journalisten herausgegeben. Darin erklärt das Unternehmen die Aufkündigung seiner Geschäftsbeziehung mit den Betreibern der Website gab.com mit den Worten:

" PayPal hatte Gab genau beobachtet und war schon dabei, das Konto der Websitebetreiber zu kündigen, bevor es zu den tragischen Vorkommnissen kam.

Das Unternehmen nimmt Überprüfungen und Maßnahmen gegen Nutzerkonten gewissenhaft vor. Wenn eine Website Hass, Gewalt oder diskriminierende Intoleranz aufrechterhält, handeln wir sofort und entschlossen."

Den ersten Satz kann man glauben oder auch nicht. Die ehrliche Version des zweiten Teils würde in jedem Fall so lauten:

"Das Unternehmen nimmt Überprüfungen und Maßnahmen gegen Nutzerkonten vor, wenn der Imageschaden sonst zu groß wäre. Wenn eine Website Hass, Gewalt oder diskriminierende Intoleranz aufrechterhält, handeln wir, sobald es Tote gibt."

Nichts gelernt aus Charlottesville

Denn was auf Gab zu lesen und zu sehen war, muss PayPal seit zwei Jahren bekannt gewesen sein, also seit der Gründung der Website. Ihren Ruf als "Twitter für Rassisten" hatte die Seite praktisch vom ersten Moment an.

Die problematischen Verstrickungen von Tech-Firmen mit rechtsradikalen Kunden gerieten zudem schon vor einem Jahr in den Fokus, als es einen Rechtsextremisten-Aufmarsch in Charlottesville gab. Damals starb eine Gegendemonstrantin durch einen Autoanschlag. Das Opfer wurde auf einer rechten Internetseite verhöhnt, große Plattformen wie Google - und auch PayPal - entzogen in der Folge dem Angebot die Unterstützung.

Schon damals wollte PayPal daran arbeiten, "dass unser Angebot nicht genutzt wird, um Zahlungen zu akzeptieren oder Spenden für Aktionen zu sammeln, die Hass, Gewalt oder rassistische Intoleranz unterstützen". Im Fall von Gab reagierte PayPal dennoch erst jetzt.

Logo von Paypal am Times Square in New York (Archivbild)
DPA

Logo von Paypal am Times Square in New York (Archivbild)

Auch der Domain- und Hostingprovider GoDaddy und Joyent sowie der Bezahldienstleister Stripe haben nun angekündigt, Gab nicht weiter technisch zu unterstützen. Sie müssen sich genau wie PayPal fragen lassen, warum erst elf Menschen sterben mussten, bis sie tätig wurden.

Klar ist: Die Unternehmen wollen Geld verdienen und dabei möglichst nicht als Internetpförtner gelten, die auch mal jemanden vor der Tür stehen lassen. Die Meinungsfreiheit geht gerade in den USA sehr weit und es gehört erst einmal zum Selbstverständnis und daraus folgend zum Geschäftsmodell, mehr Inhalte zuzulassen als zum Beispiel strengere chinesische Anbieter.

Die neutrale Position verlassen

Doch wir leben in einer Zeit, in der erstens soziale Netzwerke und die für ihren Betrieb nötige Infrastruktur das Schlechteste im Menschen sichtbar machen, verstärken und sogar belohnen. Und zweitens darf es niemanden mehr überraschen, dass dieses Schlechteste aus dem Netz in die physische Welt übertragen wird. Schon 2016 etwa stürmte ein Mann eine Pizzeria in Washington, D.C. und eröffnete das Feuer, weil er die im Netz umhergehende Pizzagate-Verschwörungstheorie glaubte, nach der Hillary Clinton und ihr Wahlkampfmanager im Keller des Geschäfts Kinder missbrauchten.

Unternehmen, die diese Infrastruktur bereitstellen, haben nun die unangenehme Wahl, entweder glaubhaft gegen Hass, Hetze und Gewalt einzutreten und dafür die lang gehegte neutrale Position zu verlassen, die da lautet: "Wir stellen nur die Technik zur Verfügung und sind nicht dafür verantwortlich, was die Nutzer damit anstellen". Das hieße: weniger Geschäfte und mehr Zensurvorwürfe. Oben drauf gibt es garantiert medialen, politischen oder juristischen Ärger, sobald die entsprechenden Entscheidungen nicht transparent, konsequent und konsistent ausfallen.

Oder aber sie verteidigen die Meinungsfreiheit und die Unschuldsvermutung ihrer Kunden und nehmen dafür in Kauf, nach einem Verbrechen wie dem in Pittsburgh in einem Atemzug mit dem Täter genannt zu werden. Was sie sich dann aber sparen können, sind die erbärmlichen Versuche, sich nachträglich von dessen Umfeld zu distanzieren.

insgesamt 20 Beiträge
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sven2016 29.10.2018
1. USA: Free Speech ...
In Amerika wird jeder Mist unter dem Recht auf Free Speech subsumiert, das beinhaltet Naziideologie und weite Bereiche rassistischer Ausfälle. Schwierig, das den Internetdienstleistern vorzuwerfen. Die stehen bei Sperraktionen sofort unter juristischem und medialem Druck. Chinas Internetverhalten als Alternative aufzuzeigen erscheint mir absurd.
Raisti 29.10.2018
2.
Innerlich stimme ich der Kolumne zu, da ich den Hass den Rechte verbreiten auch zutiefst verabscheue. Wenn ich da aber mit der Logik ran gehe sieht es schon nicht mehr so gut aus. Im endeffekt wird doch gefordert das man Menschen die die "falsche" Meinung haben aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen werden. Nur leider sind die Gesetze die so etwas veranlassen in der Regel auch sehr schädlich für alle die die "richtige" Meinung vertreten. Siehe z.b. NetzDG. Gibt inzwischen Haufenweise beispiele das nicht nur Hassreden dadurch gelöscht werden sondern z.b. auch satire. Des Weiteren zeigt die Geschichte das so etwas auch schnell nach hinten losgehen kann wenn eine Gesellschaftliche Richtungsänderung vollzogen wird. Auf einmal ist die "richtige" Meinung die "falsche" und die gut gemeinten Gesetze/Aktionen richten sich auf einmal gegen einen selbst. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich nur sagen das ich froh bin das es paypal erst einmal nur ums Geld geht den die "richtige" Meinung ist nunmal definitionssache und kann sich rasend schnell ändern Vondaher sollte man lieber überlegen wie man den Rechten den Hass nehmen kann als zu versuchen Sie aus dem öffentlichen Leben zu verbannen was einfach nur ein schauen in die andere Richtung bedeutet aber das Problem nicht bekämpft.. finde es übrigens spannend das der Autor diese Gedanken leider nicht hat.
robert.mantis 29.10.2018
3. Zwei Anmerkungen
1) Soziale Netzwerke sind generell Hassmaschinen. Egal, ob auf Facebook, Twitter oder sonst einem dieser Netzwerke - Diejenigen finden Gehör, die am lautesten Schreien und die schrillsten Hassparolen absetzen. Ich habe vor über einem Jahr sämtliche Konten in diesen Netzwerken gekündigt, weil ich die Schnauze voll hatte davon, mir die Gewaltfantasien von beschränkten Kleinbürgern und die Beschimpfungen geistig minderbemittelter "Patrioten" durchzulesen. Weg mit dem ganzen Dreck. Es gibt kein gutes und kein böses Social Media. 2) Was die wirkliche destruktive Macht dieser Netzwerke erst so wirklich zum Tragen bringt, ist die Tatsache, dass Menschen heute offenbar jeden Dreck glaube, der dort gepostet wird. Was etablierte Medien schreiben, sind immerzu nur noch "Fake News", während der geistige Sondermüll irgendwelcher Netz-Idioten die Wahrheit und die letzte Offenbarung sind. Bereitwillig teilt das dumme Netzvieh den größten Müll und glaubt alles. Kritisches Denken wird offenbar durch soziale Medien komplett deaktiviert. Insofern sind diese Netzwerke nicht nur Hass-, sondern auch Verblödungsmaschinen.
Globgeil 29.10.2018
4. Wollen Sie hier einen Lynchmob starten?
"Ihre Heuchelei darf man ihnen nicht durchgehen lassen." Ihnen hingegen kann man Ihre Volksverhetzung nicht durchgehen lassen.
bammbamm 29.10.2018
5.
Wer wacht über die Wächter? Zensur tötet keine Einstellungen sondern macht sie lediglich unsichtbar. Und die andere Frage ist, ich kann problemlos auf Twitter Seiten der amerikanischen Antifa finden inklusive Gewaltaufrufe, ich finde IS Seiten, ich finde Hashtags wie "kill all men", warum also nicht auch Twitter? Auch die Nazis waren der Überzeugung sie verbrennen nur die "richtigen", die "gefährlichen" Bücher
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