Peinliche Panne: Zeitungen gehen Web-Satire auf den Leim

Seit 1996 verspottet die Satireseite The Onion alles, was normalerweise wichtig genommen wird. Und das so überzeugend, dass zunehmend Verwechslungsgefahr mit echten Nachrichtenseiten besteht: Zwei Zeitungen meldeten nun Neil Armstrongs Geständnis, nie auf dem Mond gewesen zu sein. Quelle: The Onion.

Aberwitzige Botschaft, ernsthaft serviert: The Onion kommt im Gewand einer seriösen Nachrichtenseite, verbreitet aber nichts als Satire Zur Großansicht

Aberwitzige Botschaft, ernsthaft serviert: The Onion kommt im Gewand einer seriösen Nachrichtenseite, verbreitet aber nichts als Satire

Schon gehört, dass sich Haiti für die Olympischen Spiele 2216 bewirbt? Oder dass Barack Obama unter heftigen Depressionen leidet? Seit Wochen schleiche er in einem mit Ketchup beschmierten Bademantel unrasiert durchs Weiße Haus. Nicht, dass man das nicht hätte ahnen können: Obama, berichtete kürzlich das Onion News Network, leide seit langer Zeit an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung.

Phasen, in denen er euphorisch von "Change" faselnd alles zu schaffen glaube, wechselten mit Phasen tiefer Depression, in denen er als neues Gesundheitsgesetz nicht mehr zustande brächte als "Wer krank ist, soll zu einem Arzt gehen". Der Newsclip serviert das alles so trocken und hart und professionell wie CNN, und wohl kaum zufällig erinnert selbst das Logo des vorgeblichen News-Senders an die TV-Nachrichtenmühle aus dem Time-Warner-Konzern.

Doch The Onion ist so unabhängig wie unverschämt. Die Newsclips, Nachrichten und Kommentare lavieren irgendwo zwischen Aberwitz und beißender Satire - und manchmal verschmelzen sie beides so gekonnt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt: Aktuell etwa diskutiert die berüchtigte The-Onion-Polit-Expertenrunde darüber, ob der Einsatz von Minotauren bei geheimen Verhören im Irak unter Folter fällt. Hinweise, dass es zu Aufspießungen und Aufschlitzungen von Gefangenen gekommen sei, treffen auf Relativierungen ("Zum einen ist der Minotaurus nur 3,35 Meter groß, und nicht 6,09 Meter, wie immer gesagt wird!"), vor allem aber auf das ultimative Killer-Argument, das dann alles rechtfertigt: "Man muss auch daran denken, wie es nach dem 11. September war!"

So transportiert The Onion oft durchaus eine Botschaft, eine Deutung, eine politische oder gesellschaftliche Kritik: Die hirnrissige Diskussion folgt streng den Abläufen und Argumentationsweisen solcher Talkrunden. Ersetzt man "Minotaurus" durch "Waterboarding", wird eine höchst treffende satirische Gesellschaftskritik daraus. Und der bipolare Obama erscheint natürlich so, weil der politische Alltag eine Antiklimax zur angeheizten Euphorie der Wahlkampfzeit darstellen muss.

Vorsicht Falle: So bescheuert, dass es echt erscheint

Nie aber kann man The Onion beim Wort nehmen. Genau das aber taten in der letzten Woche zwei Tageszeitungen aus Bangladesch. Zuerst fand ein Redakteur der "Daily Manab Zamin", einer auf Bengali erscheinenden Tageszeitung, diese interessante Nachricht: "Verschwörungstheoretiker überzeugt Neil Armstrong, dass die Mondlandung vorgetäuscht war".

Mit viel Zitaten gewürzt erzählt The Onion die Geschichte einer Bekehrung: Der Verschwörungstheoretiker Ralph Coleman habe ihn, den angeblich ersten Menschen, der den Mond betreten haben soll, davon überzeugt, dass sein Leben eine Lüge gewesen sei, sagt Armstrong bei The Onion. Auf Basis einiger "Clips bei YouTube" sei er, Armstrong, zu der Überzeugung gekommen, dass er sich wohl getäuscht haben müsse, als er glaubte, durch die Schwerelosigkeit zu fliegen. Wahrscheinlich sei er gar nicht auf dem Mond gelandet, sondern auf einer Bühne in New Mexiko. The Onion zitiert einen merklich erschütterten Armstrong: "Das ist die einzig logische Interpretation der zahlreichen Widersprüchlichkeiten in dem körnigen, 40 Jahre alten Filmmaterial."

Ein Hammer, fand der Redakteur der "Manab Zamin", der einzigen in Bengalen erscheinenden Boulevardzeitung, der sich nicht darüber im Klaren war, "dass The Onion keine richtige Zeitung ist". Fasste den Bericht der Onion zusammen, übersetzte ihn ins Bengalische und schrieb am Mittwoch letzter Woche eine Meldung, in der er auch brav die Quelle benannte: "Wie The Onion aus Lebanon, USA, meldet". So macht man das, wenn man aus glaubwürdigen Quellen zitiert. So wie der Redakteur der Konkurrenzzeitung "New Nation", der die Meldung, die auch seine Leser nicht verpassen sollten, am Donnerstag mit Bezug auf "Manab Zamin" weitertrug.

Dumm gelaufen

Dass sich keiner der beiden fragte, warum Neil Armstrong die Echtheit seiner eigenen Erlebnisse anhand von YouTube-Verschwörungsvideos überprüfen müsste, sorgt nun für Spott. Dass etwa die Fahne, die er mit Buzz Aldrin aufgestellt habe, im Wind flatterte, sagt Armstrong im Onion-Artikel, müsse wohl an einem Klimaanlagen-Ventilator gelegen haben, den er nicht bemerkt habe, weil man "in diesen verdammten Helmen" nichts höre. Den Unterschied zwischen Mond und Bühne in New Mexiko habe er wohl deshalb nicht mitbekommen, weil der Anzug so unbequem und er so aufgeregt gewesen sei, auf dem Mond zu landen.

Und der Redakteur der "Manab Zamin"? Bekam den Unterschied zwischen Nachricht und Verspottung der nicht enden wollenden Welle von "Apollo 11 fand nie statt"-Geschäftsideen nicht mit. In der Zwischenzeit, hieß es in einem von der Zeitung veröffentlichten Dementi, habe man "erfahren, dass diese Fun-Web-Seite" auch falsche Berichte "über historische Ereignisse" bringe. Auch die Apollo-11-Geschichte sei so eine Falschmeldung gewesen: "Es tut uns leid, diesen Bericht gebracht zu haben, ohne die Informationen zu überprüfen."

Bei The Onion dürften dagegen die Korken knallen: Die Geschichte des Satireangebotes begann 1988 als Persiflage auf Tageszeitungen. Apollo 11 liefert für The Onion dabei immer wieder Steilvorlagen. Zu den unter Fans unvergessenen Highlights der Onion-Geschichte gehörte eine auf den 21. Juli 1969 zurückdatierte Zeitungstitelseite, die in streng analer Fäkalsprache einen historischen Moment auf Onion-Art feierte: "Holy Shit", lautete die Schlagzeile, "Man walks on fucking moon".

Also doch.

pat

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