Peinliche Politik-PR Steinbrück bläht den Hamster auf

Fitness-Bildschirmschoner, Podcasts, schmierige Coversongs: Die viralen Kampagnen deutscher Politiker geben viel Anlass zum Fremdschämen. Neuste Geldverschwendung: ein YouTube-Clip, in dem ein aufgeblähter Hamster finanzpolitischen Laien die Staatsverschuldung erklären soll.

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Kameratotale. Ein großer Raum, weiß und aufgeräumt, fast steril. Ein CD-Regal, auf der Couch sitzt ein großer Teddybär. Von irgendwo her ertönt ein Quietschen. Die Kamera setzt sich zoomend in Bewegung, nähert sich langsam einem Tierkäfig: Halbtotale, Nahaufnahme, Großaufnahme. Ein Hamster läuft im Hamsterrad.

Das Quietschen wird lauter, das Rad dreht sich schneller, der Hamster beschleunigt verzweifelt den Laufschritt. Die Hintergrundmusik wechselt von Dur nach Moll, schwillt langsam zum Crescendo an. Dann, ganz unerwartet, bläht sich der Hamster auf.

Er bekommt Krallen, rot unterlaufene, bedrohlich pulsierende Augen, wächst weiter, sprengt mit seinem drallen Körper den Käfig, wächst immer noch weiter, füllt bald das ganze Zimmer aus, Möbel fallen um, die Musik wird noch lauter, der Hamster noch dicker, bis er fast explodiert.

Schnitt. Der Nager ist wieder klein, das Zimmer wieder friedlich und sauber. Eine sonore Männerstimme spricht den auflösenden Slogan des Werbe-Clips: "Raus aus der Schuldenfalle! Nutzen wir den Aufschwung!" Bundesministerium der Finanzen.

Das Video, um das es hier geht, ist ab sofort auf einer Aktions-Webseite des Bundesfinanzministeriums und auf YouTube abrufbar, demnächst wohl auch auf weiteren Publikationsplattformen wie Clipfish oder MyVideo. Es handelt sich um eine virale Kampagne des Ministeriums, genauer: von deren PR-Agentur fischerAppelt.

Kommentar des Bundesfinanzministeriums: "Das Thema Schuldenfalle ist so wichtig, dass wir nicht zulassen können, dass es bei ganz vielen nicht ankommt. Deshalb müssen wir um Aufmerksamkeit werben. Dieser Film ist der Versuch, mit einem neuen Schlüssel die Tür zu mehr Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger zu öffnen."

Hamstert Steinbrück Steuergelder?

Gedreht hat den Clip "Am Limit"-Regisseur Pepe Danquart. Man kennt ihn, er drehte 1993 einen Kurzfilm über einen Farbigen, der in einer Straßenbahn den Fahrschein einer rassistischen Greisin vertilgt. In den Augen der Kontrolleure wurde die alte Dame dadurch zur Schwarzfahrerin, zu eben jenem kleinkriminellen Subjekt, als das sie wenige Augenblicke zuvor noch den Farbigen bezeichnet hat. 1994 bekam Danquart dafür einen Oscar.

Nun, im Zeitalter des anhaltenden Web-2.0-Wahns, erörtert der Oscar-Preisträger in einem Werbeclip, warum Bundesfinanzminister Peer Steinbrück trotz boomender Wirtschaft die Steuern nicht senkt. Warum keine Kasernen renoviert und die Renten nach drei Nullrunden nur um 0,54 Prozent erhöht werden.

Gewidmet ist der Werbe-Clip ganz offensichtlich den Wirtschaftsteil-Überblätterern, denjenigen, die von Haushaltspolitik und Schuldenfalle nicht viel mehr mitbekommen als Fotomontagen in manchen Blättern, auf denen der Finanzminister im Geld badet, als sei er Comic-Milliardär Dagobert Duck.

Der Hamster im Video soll das Schuldenproblem symbolisieren, der weiße, aufgeräumte Raum die Bundesrepublik, deren Staatsanleihen sich auf mehr als 1,5 Billionen Euro belaufen. Die Symbolik ist knallig, biologisch allerdings unlogisch: Warum wird der Hamster dicker, je mehr er läuft? Müsste er vom Laufen nicht abnehmen? Und hamstert Steinbrück nicht selbst Steuergelder, um den Schuldenhamster auf Diät zu setzen? Bekämpft der Minister sozusagen Feuer mit Feuer? Und platzt er etwa am Ende selbst?

Und davon ganz abgesehen: Das einzige Wachstum, das in dem Clip zu sehen ist, ist das des Hamsters, und der wiederum ist am Ende frei - hofft man bei fischerAppelt also auf eine aus der Schuldenfalle befreiende Hamster-Explosion? Fast so verwirrend wie Haushaltspolitik, das Ganze. Eine Kampagne, die nur mit Waschzettel funktioniert - gewissermaßen.

Web-2.0-Wahn in der Politik

Immerhin: Der Film ist nicht schlecht gemacht. Witziger zumindest als die Stafette unfreiwillig komischer Web-2.0-Kampagnen, mit denen die Politik sonst so versucht, jung, dynamisch und hip rüberzukommen (siehe Bilderstrecke).

Das Bundesgesundheitsministerium (BGM) versucht beispielsweise gerade, den Souverän sportlich anzukumpeln - mit einem Bildschirmschoner für Büro-Gymnastik. Wer sich diesen auf den Rechner lädt, dem turnt fortan ein Avatar namens Paul über den Schirm und ermuntert zu Kniebeugen und Rückenübungen.

Auf der zugehörigen Webseite "Die Prävention" findet sich dazu folgender Text: "Sind Sie Chef eines Unternehmens oder Beauftragter für die betriebliche Gesundheitsförderung eines Unternehmens? Dann bringen auch Sie mit dem Bildschirmschoner des Bundesgesundheitsministeriums mehr Bewegung in Ihr Unternehmen." Obendrein wird behauptet: "Schon zahlreiche Firmen haben sich das Programm heruntergeladen." Was mögen das für Firmen sein?

"Ob blond, ob rot, ob braun - ich wähl' nicht alle Frau'n"

Ebenfalls lustig gemeint war wohl der Song "Gabi", eine hybridsprachige, auf verstimmter Lagerfeuergitarre intonierte Coverversion des Rolling-Stones-Klassikers "Angie". Die Gabi, die da besungen wird, ist Gabriele Hiller-Ohm, Bundestagsabgeordnete in Lübeck, Berkenthin und Sandesneben im Herzogtum Lauenburg.

Textlicher Tiefpunkt des an Tiefpunkten nicht armen Songs: "Ob blond, ob rot, ob braun, ich wähl' nicht alle Frau'n." Was der Sänger genau mit braun meint, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls fällt auch hier die offenbar beabsichtigte ironische Brechung negativ auf den Absender zurück.

Ein anderes Marketing-Tool, mit dem die Politik inflationär versucht, die politikverdrossene Generation MySpace zu Hause abzuholen, ist das Podcasting. Die Kanzlerin hat's vorgemacht, liest seit nunmehr 61 Folgen gute Absichten mehr schlecht als recht vom Teleprompter ab.

So richtig den Geschmack vergällt einem indes der Video-Podcast des Hessischen Ministerpräsidenten, der unter anderem zeigt, wie Roland Koch in Nidda Nudelpfanne kocht, weil mal wieder Wahlkampf ist.

Auch CSU-Generalsekretär Markus Söder podcastet sich gern um Kopf und Kragen. Dabei sitzt er vorzugsweise auf einem weiß-blauen Sofa, schlägt die Beine übereinander, wirft die Stirn in Falten und beantwortet E-Mail-Anfragen zu sexy Themen wie Fotovoltaik. Oder zur parteipolitischen Ausrichtung der CSU. "Hallo Herr Söder, warum betonen sie in letzter Zeit das konservative Profil so stark", fragt ihn ein Nutzer per Videobotschaft, und Söder setzt an mit "Franz Josef Strauß hat einmal gesagt …"



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