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Peinliches Puzzle: Das Geheimnis des mysteriösen Nummernschilds

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Die "Myst"-Serie gehört zu den meistverkauften Computerspielen weltweit. Wer hier nicht alle Wände absucht und jede Zahlenkombination hinterfragt, hat keine Chance die komplexen Rätsel zu entschlüsseln. Doch diesmal haben die Spieler ein Geheimnis gelüftet, das dem Spielehersteller Cyan ziemlich unangenehm sein dürfte.

US-Nummernschild: Vom Wüstenschrottplatz

US-Nummernschild: Vom Wüstenschrottplatz

Eigentlich sollten Spieleentwickler froh darüber sein: In unzähligen Internet-Foren wird über noch so kleine Details von Spielen debattiert, Tricks werden ausgetauscht, Merkwürdigkeiten berichtet. Bei schwierigen Puzzles in Adventurespielen helfen sich die Gemeindemitglieder gegenseitig weiter. Der Spieleentwickler Cyan Worlds und der europäische Softwarevertrieb Ubisoft könnten durch die Gründlichkeit von Spielefans jetzt in eine rechtlich brenzlige Situation geraten.

Die "Myst"-Reihe ist für knifflige Puzzles bekannt: Eine Serie von Spielen, in denen grafisch aufwändige Landschaften erkundet werden müssen, der Spieler bewegt sich durch unterschiedliche, surreal gestaltete Welten und bemüht sich, Rätsel zu lösen. Die Urfassung war lange Zeit das meistverkaufte PC-Spiel, ein Meilenstein auf dem Weg zu "erwachsenen" Computerspielen.

"Myst"-Spieler sind Tüftler, und so verwundert es auch nicht, dass auf der Diskussionsseite zum letzten Teil "Uru: Ages Beyond Myst" heftig über ein Nummernschild aus New Mexico debattiert wurde, das in dem Spiel an einem Wohnwagen auftaucht. Verschiedene Spieler fertigten präzise Screenshots an, in Datenbanken wurde nach Entschlüsselungshilfen für Buchstabenkombinationen gesucht, ein Spieler fragte sich, ob die große 7500 auf dem Schild ein Verweis auf einen bekannten Hersteller von Grafikkarten sein könnte.

Myst-Fortsetzung: Surreale Welten für Tüftler

Myst-Fortsetzung: Surreale Welten für Tüftler

Über die Bedeutung jedes Details wurde gerätselt und spekuliert, verstiegenste Verschlüsselungen traute man den Spieldesignern zu.

Des Rätsels Lösung kam von unerwarteter Seite: Ein Forumsteilnehmer hatte beim Stöbern im Internet ein Nummernschild gefunden, das dem im Spiel gezeigten aufs Haar glich - auf der Webseite eines Deutschen.

Schilder-Sammler Martin Sebald, selbst Spielefan, ist verblüfft. Der passionierte USA-Reisende berichtet, er habe das besagte Nummernschild 1998 auf einem Schrottplatz an der Grenze zwischen New Mexiko und Colorado gefunden. Zusammen mit seinem Vater hat Sebald eine umfangreiche Schilder-Sammlung aufgebaut. Auf der Webseite, auf der sie präsentiert wird, steht das "Myst"-Schild neben Hunderten anderer, nach Bundesstaat sortierten Exponate.

Auch die Forumsteilnehmer waren naturgemäß erstaunt. Ein Spiel-Gegenstand, dessen Details lang und breit diskutiert worden waren - noch immer ist unklar, ob das Schild ein Schlüssel zu einem verborgenen Arm des Abenteuers ist - tauchte plötzlich in der Wirklichkeit auf. Der direkte Vergleich eines von Forumsteilnehmern angefertigten Screenshots mit dem Originalfoto auf Sebalds Webseite lässt wenig Zweifel offen: Das Pixel-Schild stimmt bis auf den kleinsten Kratzer mit der Vorlage überein.

Bildervergleich im Forum: Übereinstimmung bis zum kleinsten Kratzer

Bildervergleich im Forum: Übereinstimmung bis zum kleinsten Kratzer

Haben sich die Entwickler der Spieleschmiede Cyan Worlds also per Google auf Sebalds Webseite bedient, ohne ihn zu fragen? Bei Ubisoft, dem Unternehmen, das "Uru: Ages Beyond Myst" vertreibt, hält man sich bedeckt. Er könne das nur für einen Zufall halten, erklärt Produktmanager Torsten Kapp. Die internationale Rechtsabteilung werde den Fall aber prüfen. "Normalerweise lösche ich solche E-Mails gleich", sagt er über Sebalds höfliche Anfrage, denn jeden Tag kämen erfundene Beschwerden von Spielefans, die nur auf Gratis-Software aus seien.

Auf persönlichen Gewinn ist Martin Sebald aber gar nicht bedacht: "Prinzipiell ist mir das egal", sagt er, aber ganz richtig sei das ja nicht, die Spieleindustrie verfolge jeden Raubkopierer knallhart und bediene sich dann womöglich selbst ohne zu fragen auf fremden Webseiten. Anders könne er sich das nicht erklären denn "das Schild ist von mir fotografiert worden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass vor 1998 noch jemand ein Bild davon gemacht hat".

Inzwischen hat Sebald von einem "Myst"-Fan sogar schon ein Angebot bekommen, ihm das Schild abzukaufen. Im Augenblick will er sich aber nicht davon trennen. Ob die wundersame Nummernschild-Wanderung ein juristisches Nachspiel haben wird, ist noch unklar. Ein Teilnehmer des Ubi-Forums jedenfalls meinte "ich glaube die Anwälte von Ubi und Cyan haben gerade frische Kopfschmerzen dazubekommen".

P.S.: Aus einer Email von Chris Brandkamp von Cyan Worlds als Reaktion auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE:

"Es war uns vollkommen unbekannt, dass dieses Nummernschild von einem unserer Künstler kopiert worden ist (er arbeitet nicht mehr für uns). Wir achten (wie Sie sich vorstellen können) strikt auf Copyright-Fragen, insofern ist es ziemlich peinlich, dass uns das jetzt vor die Füße fällt."

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