Pekinger Ausstellung Die Software des Schurkenstaates

In Nordkorea gibt es keine Handys, kaum Computer und noch weniger Internet-Zugänge. Trotzdem floriert im isoliertesten Land der Erde die IT-Industrie. Das zumindest versuchen die Nordkoreaner bei ihrer ersten Software-Schau jenseits der Landesgrenzen glauben zu machen.

Von , Peking


Der Führer wacht über jeden Klick: Ein nordkoreanischer Software-Diplomat trägt eine Anstecknadel mit dem Konterfei seines Staatschefs am Revers, während er über die Windows-Oberfläche navigiert
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Der Führer wacht über jeden Klick: Ein nordkoreanischer Software-Diplomat trägt eine Anstecknadel mit dem Konterfei seines Staatschefs am Revers, während er über die Windows-Oberfläche navigiert

Peking - Der Finger muss drei Mal auf eine kleine Glasfläche gepresst werden - und innerhalb weniger Sekunden weiß der Computer, ob die Person durch die Tür darf. Bis zu 1500 Fingerabdrücke kann das Programm identifizieren, 600 US-Dollar kostet es, berichtet Li Young Shu. Sein Unternehmen gehört zu den Softwareherstellern, die in den letzten Tagen im "Großen Ballraum" des Pekinger Welthandelszentrums ihre Produkte vorstellten.

Das Besondere: Li ist Nordkoreaner, am Revers seines Jacketts steckt das Abzeichen des "Großen Führers" Kim Il-Sung. An der Wand hängen eine große nordkoreanische Fahne und die Porträts vom Kim und seinem Sohn Kim Jong-Il. Vor der Tür zeigt ein Video eine Massengymnastik-Schau zu Ehren der beiden.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben Staatsunternehmen und Forschungsinstitute aus dem abgeschotteten Reich den Schritt für eine Softwareschau nach außen gewagt. Das Land, das laut US-Präsident George W. Bush zur "Achse des Bösen" gehört, will sich mit Hightech in einem völlig neuen Licht präsentieren.

"Unter der Führung des Großen Führers General Kim Jong-Il", heißt es auf einem Informationsblatt, habe die "Demokratische Volksrepublik Korea in den letzten Jahren besonders auf dem Gebiet der Hightech-Entwicklung [...] außerordentliche Fortschritte gemacht".

Software-Expo im Zeichen der Nationalflagge: Lernprogramme über Hunderassen und CD-Roms mit revolutionärer Musik
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Software-Expo im Zeichen der Nationalflagge: Lernprogramme über Hunderassen und CD-Roms mit revolutionärer Musik

Das klingt nicht verwunderlich, denn immerhin können die Nordkoreaner Raketen ins All schießen. Dass in einem Land, dessen Wirtschaft am Boden liegt, dessen Bevölkerung sich nur mit ausländischer Hilfe ernähren kann, in dem kein Normalbürger einen Computer besitzen darf, Internet-Zugang ein Fremdwort ist und Handys verboten sind, eine IT-Industrie existiert, erstaunt dennoch.

Die nach Peking gereisten Nordkoreaner vom "Pjöngjang Informatikzentrum", vom "Mathematischen Institut der Akademie der Wissenschaften" oder von der "Großen Studienhalle des Volkes" zeigen sich selbstbewusst. Sie scheinen davon überzeugt, dass es nach ihrer Pekinger Ausstellung für ausländische Handelskammern, Hersteller und Händler nur noch einen einzigen Weg zum Erfolg gibt: den über "direkte und authentische Geschäftsbeziehungen mit der Volksrepublik Korea" (so die Ausstellungsbroschüre).

Stolz präsentieren zahlreiche Herren in dunklen Anzügen Erstaunliches, Praktisches und Surreales. Alle Programme basieren auf den Betriebssystemen von Microsoft und Apple.

Eine Enzyklopädie auf CD-ROM bietet zum Beispiel Informationen über den vor fast acht Jahren gestorbenen Kim Il-Sung, der auch als Toter noch Präsident des Landes ist. "Der Lamil-See" vermittelt revolutionäre Musik aus dem Lande der Kims: 7500 Lieder, die Fotos der Musiker inklusive (Speicherplatz: über 200 MB). Sogar das "Tempo der Instrumente" lässt sich ändern, preisen die Hersteller.

Ein Programm stellt zahlreiche Hunderassen und Zuchtmethoden vor - obwohl sich in Nordkorea kaum jemand Pudel oder Dobermann leisten kann. Eine Software erkennt in koreanisch, japanisch oder englisch gesprochene Zahlen. "Man braucht bloß die Zahlen sagen und schon wählt das Mobiltelefon automatisch", erläutern Vertreter der Akademie der Wissenschaften. Wie sie das in einem Land ohne Handy ausprobiert hätten, fragt ein Besucher, und die Nordkoreaner lachen herzlich.

Das Programm "Mokran" identifiziert koreanische Buchstaben und chinesische Zeichen (Genauigkeit laut Hersteller: 99 Prozent). Mit "Paeksung" können Fußballtrainer Spielzüge analysieren. Der Verkäufer ruft eine Szene der Begegnung Dänemark-Nordkorea von 1998 auf den Bildschirm und sagt: "Wir nehmen Bestellungen entgegen." Den Preis seiner Ware nennt er allerdings nicht.

Zudem zeigen die Nordkoreaner Lern-, Spiel-, Sprach- und Designprogramme. Die Kim-Cheak-Universität für Technologie hat zudem ein Faxprogramm entwickelt. Mit einer Software lässt es sich per Auto durch das dreidimensionales Pjöngjang fahren, die Parole "Lang lebe der Große Führer Kim Il-Sung" schwebt vorbei.

Offenbar haben die Nordkoreaner vor allem den südkoreanischen Markt im Auge. Inzwischen existieren Gemeinschaftsunternehmen mit Partnern in China und Singapur, berichtet ein Funktionär. Das Fingerabdruck-Erkennungsprogramm "Pefis" der "Yap Rok Gang Technology Development Corp" vertreibt ein in Peking ansässiges Büro. In Nordkorea selbst, gibt Herr Li zu, werde es noch nicht genutzt.

Zur gleichen Zeit wie die Nordkoreaner haben die Europäische Gemeinschaft und Pekings Ministerium für Informationsindustrie im Welthandelszentrum eine Ausstellung über die modernen "Informationsgesellschaft" organisiert. Dort zeigt zum Beispiel der schwedische Multi Ericsson, wie man über Handy seinen Standort bestimmen kann. Unklar ist, ob die Nordkoreaner die paar Schritte in ein anderes Zeitalter gewagt haben.



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