Pentagon 50 Milliarden Dollar für den Cyberwar?

Das US-Verteidigungsministerium plant offenbar einen milliardenteuren "Internet-Schutzschild". Einerseits, um sich gegen Hackerattacken verteidigen, andererseits, um auch kräftig austeilen zu können. Die Verbündeten sind mal wieder nicht mit im Boot.


Feuer frei: Die USA wollen im Web künftig nicht nur auf Schutz setzen, sondern auch auf virtuelle militärische Attacken
AP / DPA [M]

Feuer frei: Die USA wollen im Web künftig nicht nur auf Schutz setzen, sondern auch auf virtuelle militärische Attacken

Dass Pentagon, NSA und CIA Hacker beschäftigen, ist nicht neu. Dass amerikanische Geheimdienste mit Hilfe von IT-Techniken schnüffeln, was das Zeug hält, ebenso wenig: Seit Jahren düpieren die USA ihre Verbündeten durch ihr Observationssystem "Echolon", bei dem etwa Nato-Partner nicht nur unbeteiligt sind, sondern angeblich oft sogar in der "Opferrolle".

Ähnlich sieht es beim Nationalen Raketenschutzprogramm NMD aus, das ursprünglich als amerikanischer Alleingang geplant war - und zu diesem wollen US-Militärs nun offenbar ein virtuelles Gegenstück schaffen.

Nach Informationen des "Handelsblatt" planen die USA den Aufbau einer "Cyberwar"-Abteilung, die angeblich mit einem 50-Milliarden-Dollar-Etat aus dem Verteidigungshaushalt finanziert werden soll. Das Programm soll die "kritischen Infrastrukturen" der USA schützen - und zudem Strukturen für eigene Hackerattacken schaffen.

Das "Handelsblatt" zitiert James Adams, einen "Berater" des US-Geheimdienstes NSA: "Wenn ein Staat unsere Wasserversorgung mit einer Cyber-Attacke unterbricht, müssen wir im Stande sein, seine Stromversorgung oder sein Bankensystem lahm zu legen". Die USA seien gut beraten, auch im Internet auf eine "totale Abschreckung" zu setzen - wie einst im kalten Krieg.

Amerikanische Geheimdienstler und Militärs hatten seit Monaten hartnäckig lobbyiert, um ihren Traum einer schlagkräftigen Cyber-Unit verwirklichen zu können. Bei einem Senatshearing Mitte Februar malten sie das Gespenst einer kubanischen Hackerattacke an die Wand - eine Bedrohungsvision, bei der sogar der Vorsitzende Senator Schwierigkeiten hatte, ernst zu bleiben. Doch die stetig steigende Zahl von Hackerattacken und Denial-of-Service-Angriffen auf kommerzielle wie behördliche Websites und Computernetze hat den Strategen offenbar genug Munition geliefert, die amerikanische Regierung zur Vergabe eines massiven Etats zu bewegen.

Kritiker fürchten nun, dass Teile dieser Mittel in Web-Observations-Programme investiert werden, die sich auch gegen Oppositionelle im eigenen Land richten lassen. Die aus dem Verteidigungshaushalt finanzierte "virtuelle NMD" beschränkt sich per definitionem nicht auf militärische Belange: Privatwirtschaftliche und militärische Bereiche, heißt es in einem Bericht an das Weiße Haus vom Februar, ließen sich gar nicht mehr so genau trennen - schließlich würden ja auch behördliche wie unternehmerische Webseiten Opfer von Cyber-Attacken. Das dürfte im Trend liegen: Australien behandelt Hacker seit Beginn des Jahres grundsätzlich wie Terroristen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.