Pepe der Frosch Lieber tot als Trump-Fan

Ein harmloser Frosch wird seit dem Trump-Wahlkampf von radikalen Rechten als Symbol des Hasses vereinnahmt. Nun hat sein Schöpfer ihn den Comic-Tod sterben lassen. Geschichte eines Kontrollverlusts.

Screenshot eines Trump-Tweets
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Screenshot eines Trump-Tweets

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Pepe musste weg. Sein Schöpfer, der Comic-Zeichner Matt Furie, konnte seinen Frosch auf Abwegen wohl einfach nicht mehr ertragen. Furie kapitulierte beim Versuch, ihn vor dem Internet zu retten. In einem kurzen Comic zeichnete Furie Pepe in einen Sarg, Freunde stoßen zum Abschied auf ihn an. Pepe ist jetzt tot, zumindest für Furie.

Man kann sagen, dass Furie sich von seinem Frosch losgesagt hat. Man könnte es aber auch so sehen, dass es der Comic-Frosch war, der sich schon lange vorher von seinem Schöpfer verabschiedet hatte. Denn im Netz führt Pepe seit dem erbitterten US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 ein zweites Leben, nein, eigentlich ein drittes: eines als Symbol des Hasses.

Während des US-Wahlkampfs hatte nämlich die ultrarechte Alt-Right-Bewegung den harmlosen Frosch für sich entdeckt. Die weißen Rassisten verleibten sich Pepe Stück für Stück ein, als Maskottchen für ihren Netzwahlkampf. Pepe war plötzlich Team Trump, wie unter anderem dessen Sohn durch eine Instagram-Bildmontage deutlich machte:

Schon 2015 hatte Donald Trump selbst ein Pepe-Bild geteilt:

Im Wahlkampf 2016 dann präsentiert Pepe in millionenfach geteilten Bildern plötzlich weinenden Immigranten am mexikanisch-amerikanischen Grenzzaun feixend einen Donald-Trump-Button, er trägt die weiße Tracht des Ku-Klux-Klans oder einen Hitlerbart. Schöpfer Matt Furie selbst ist Hillary-Clinton-Unterstützer. Aber der neue, hasserfüllte Pepe ist nicht mehr einzufangen. Ein anonymer Internetschwarm hat die Kontrolle übernommen.

4chan feierte zuerst den niedlichen Pepe

Die Geschichte von Pepe beginnt 2005 mit Furies Comic "Boy's Club". Darin tritt Pepe Pizza essend und Nintendo spielend mit seinen drei Monster-Kumpels Andy, Brett und Landwolf auf. Der Reiz des Comics besteht darin, dass eigentlich ziemlich wenig passiert. Die vier Gestalten chillen auf dem Sofa und sind verdammt harmlos. Der Comic erscheint nur in einer Mini-Auflage, heute ist er vergriffen.

Trotzdem findet die Pepe-Figur ihren Weg ins Netz. 2006 taucht ein Pepe-Kopf mit der Sprechblase "feels good man" im chaotisch-anarchischen Bilderforum 4chan auf. Das 4chan-Board /r9k/, eine thematische Unterseite des Forums, verbreitet immer neue Abwandlungen.

Auch auf der Diskussionsplattform Reddit wird man bald auf den Frosch aufmerksam und befeuert den Hype. 2014 twittern Popstars wie Katy Perry Bilder von Pepe. Der Frosch war zum Internet-Phänomen geworden, zum millionenfach geteilten Mem. Das Dasein als nette Internetberühmtheit ist Pepes zweites Leben.

In einem Interview mit der Seite "The Daily Dot" von 2015 äußert sich Zeichner Furie enthusiastisch über die Faszination des Netzes für seinen Frosch. "Es ist meine Aufgabe, 4chan ohne Kritik und ohne Werturteil dabei zu helfen, dass sie die Erfahrung haben, die sie wollen", sagt Furie damals. Heute will er keine Interviews mehr geben, wie sein Verlag auf Anfrage mitteilt.

Pepes drittes Leben als Symbol des Hasses

Denn die Dinge haben für Furie eine unschöne Wende genommen. Das Internet zeigte seine hässliche Seite und läutete Pepes dritte Lebensphase ein. Es hatte den Frosch als Inkarnation der Harmlosigkeit gefeiert, nun zog es ihn in den Dreck - und machte ihn zur globalen Hassfigur im Netz.

Die mächtige Alt-Right-Bewegung, die ihre Kraft auch aus Internetforen wie 4chan zieht, war 2016 gerade dabei, enorm an Zulauf zu gewinnen, als sie den Frosch als idealen Überbringer ihrer Wahlkampfbotschaften in den USA entdeckte.

Immer neue, hasserfüllte Pepe-Meme finden ihren Weg in soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook. Wichtiger Ausgangspunkt: das 4chan-Board /r9k/. Woher genau die Begeisterung für den grünen Frosch kommt, lässt sich letztlich nicht belegen.

"llegale und widerwärtige Aneignung des Charakters"

Im September 2016 erreicht Pepes Ruf dann einen neuen Tiefpunkt. Da erklärt die US-Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) ihn zu einem Symbol des Hasses und nimmt den Frosch in ihre entsprechende Datenbank auf. Dort wird er nun neben Hakenkreuz-Varianten und arischen Symbolen aufgelistet.

Der Verlag von Zeichner Furie, Fantagraphics, verurteilt in einer Stellungnahme mit dem Zeichner "die illegale und widerwärtige Aneignung des Charakters durch rassistische Randgruppen mit Verbindungen zur Alt-Right und der Präsidentschaftskampagne von Donald Trump". Doch es ist zu spät.

"Nachdem die Pepe-Assoziationen von rechten Gruppen im Netz die Oberhand gewonnen haben, gingen andere Nutzungen von Pepe zurück - die Alt-Right-Bewegung hatte damit die volle Kontrolle", sagt Amy Johnson im Interview. Sie forscht unter anderem am Berkman Klein Center in Harvard zu Online-Gemeinschaften und Medientechnologie.

Ein letzter Rettungsversuch

Pepe ist seinem Schöpfer entglitten - und dem freundlichen Teil des Internets. Zeichner Matt Furie musste miterleben, wie er die Kontrolle über sein geistiges Eigentum verlor. Die Remix-Kultur des Internets wird oft - zu Recht - als Kulturleistung gefeiert, die es zu schützen gilt. Der Fall Pepe macht aber deutlich: Mittlerweile wissen auch die Rassisten, die Rechten, die Trolle, die Hater, wie sie das Internet für ihre Zwecke nutzen können.

Dieselben Kräfte, die auf 4chan Pepe seinem Erfinder entrissen haben, haben ironischerweise auch das Bilderforum selbst arg gebeutelt. Dort gab es immer eine riesige Bandbreite an Inhalten, auch geschmackloses Zeug. Aber in ihrer Anarchie waren die Foren offen in alle Richtungen. Doch die Alt-Right-Bewegung hat auch 4chan insgesamt auffällig stark für sich vereinnahmt.

Unterstützt von der ADL startet Furie im November 2016 einen letzten Rettungsversuch für seinen Frosch. Pepe sollt dank einer "SavePepe"-Kampagne auf sozialen Netzwerken wieder als Symbol der Freundschaft wahrgenommen werden. "Das ist das Worst-Case-Szenario für einen Künstler", sagt Furie zu diesem Zeitpunkt über die Zweckentfremdung seines Froschs.

"Aggressive Interpretation des Rechts auf Meinungsfreiheit"

Geholfen hat es wenig, sagt Harvard-Forscherin Amy Johnson. Sie beobachtete "eine aggressive Interpretation des Rechts auf Meinungsfreiheit", das Gruppen wie die Alt Right gegen die "SavePepe"-Kampagne ins Feld geführt hätten.

Erst Furies radikaler Bruch mit seiner Schöpfung, der Comic-Tod Pepes, habe dazu geführt, dass Nutzern bewusst werde, dass hinter Pepe ein Künstler mit einem Urheberrecht an dem Frosch stehe. "Davor hatte es immer nur fröhlich geheißen: 'Ein Mem kann man nicht töten'", sagt Johnson. Andererseits habe natürlich nur ein kleiner Kreis überhaupt von Pepes Comic-Tod erfahren.

Die ultrarechte Alt-Right-Bewegung hält ohnehin nur wenig von einer Totenruhe für den Frosch. Seit Furies Veröffentlichung sind bereits etliche Pepe-Varianten aufgetaucht, in denen er aus dem Grab aufersteht. Pepe lebt weiter, als Untoter.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
hegoat 21.05.2017
1.
Die Pepe-Bilder auf 4chan waren nie lustig, da gab es dutzendweise bessere Memes, sowohl in der lustigen als auch in der geschmacklosen Richtung.
bamesjond0070 21.05.2017
2. "meme"
wird nicht als Mem übersetzt, sonder trott seiner Deutschen Ursprungsschreibweise nach Dawkin "Meme" geschrieben.
markrenton 21.05.2017
3. Mehr Recherche bitte
Ich glaube, ich mache demnächst von jeden Post einen Screenshot, damit ich sie nicht immer wieder neu schreiben muss. Wo bitte hat mein Post gegen die Richtlinien des Forum verstoßen. Ich habe auf zivilisierte Art und Weiße SPON aufgefordert, die Hintergründe zu Pepe zu recherchieren und auch aufzuzeigen. Aus denen wird klar, dass Pepe eine Figur der Trollbewegung geworden ist, die sich gegen normative Bevormundung einsetzt. Zu sagen, dass 4chan von den Alt-Right eingenommen worden ist, ich schlicht falsch. Eher nutzen die Mitglieder von 4chan Motive der Altright Bewegung, um SJWs zu provozieren. Wie effektiv sie sind haben die Etablierung von Milch und dem o.k. Handzeichen zu Zeichen der White Supremacy gezeigt. Die Medien, die unreflektiert darauf anspringen, tragen dabei eine Hauptverantwortung. Persönlich sympathisiere ich mit Teilen von 4chan und Pepe, die sich für ein freies Kekistan einsetzten, wo man frei und gleichberechtigt seine Meinung kund tun und so leben darf, wie man möchte. Pepe für tot zu erklären ist kindisch, wie nutzlos. Pepe wird wie jedes Meme erst dann wirklich "sterben", wenn es sein Triggerpotential verloren hat. Danach sieht es aber nicht aus, besonders da die großen Medien wie der SPON in nun wieder bedeutungsvoll aufladen. @SPON: Wenn der Post wieder nicht durchkommt, dann teilt mir bitte mit, wie ich den Artikel schreiben kann, damit er durch die Zensur kommt.
horstu 21.05.2017
4.
Man hätte als neugieriger Leser schon gerne gewusst, wie dieses "Symbol des Hasses" aussieht - aber leider bleibt es beim bloßen Hineinwerfen dieser Kampfphrase als Ersatz für Berichterstattung und Argumente.
DenkenKannHelfen! 21.05.2017
5. Oh bitte
Warum werden die Inhalte und Ergüsse von 4chan denn von den Medien immer wieder Ernst genommen? Dem Klientel dort geht nur um Provokation - mit jedem Mittel - was meist unter die Gürtellinie geht und manchmal sogar lustig ist. Nur eins sollte man nicht tun: den tieferen Sinn suchen. Und wer lesen kann, dem wird das sogar auf der Seite selbst gesagt: "The stories and information posted here are artistic works of fiction and falsehood. Only a fool would take anything posted here as fact."
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