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Perverser Ruhm: Der meistgesuchte Mann im Internet

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Kurz vor 16 Uhr fand man Cho Seung-Hui, den Amokläufer von Blacksburg, im Internet einige wenige Male. Eine Stunde später überholte er im Ranking bei Technorati Paris Hilton. Eine Prominenz, die um so gespenstischer wirkt, als dass bisher keine Spuren von dem Koreaner im Web gefunden wurden.

Wer war Cho Seung-Hui? Das ist eine Frage, die sich in diesen Stunden wohl Millionen von Menschen stellen. Kein Wunder, dass sich sein Name im Web schneller verbreitet als je einer zuvor. Man erwartet das heute geradezu: Wer jung ist, hinterlässt doch seine Spuren im Netz. Natürlich sucht die Community bei Facebook nach ihm, bei MySpace, in den Google-Groups, bei Technorati.

Eine Stunde: Die Web-Welt sucht nach Informationen über den Killer von Blackburg

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Einmal mehr konnte man an diesem Nachmittag die irrwitzige Geschwindigkeit des Webs in Aktion beobachten. Bei Technorati verwiesen kurz vor 16 Uhr zwei Blogs auf den Namen, der kurz zuvor bekannt gegeben worden war. Eine Stunde später waren es annähernd 200 Blogs und Cho hatte Paris Hilton in der Liste der Top-Suchworte überholt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Wikipedia längst ihren Biografieeintrag über den Mörder angelegt und natürlich gab es auch schon das Blog fuckchoseunghui.blogspot.com.

Nur den Mörder selbst hat bisher niemand gefunden. Ein Einzelgänger sei er gewesen, hatte es auf der Pressekonferenz von Seiten der Polizei geheißen, "wir wissen sehr wenig über ihn".

Was man weiß, kann man inzwischen in Tausenden von Presseberichten nachlesen, in Hunderten von Blogs. Der Inhalt der Postings ist immer derselbe. Es sind immer die gleichen Sätze. 23 Jahre alt, aus Südkorea, Visum für ein Jahr. Einzelgänger. Hatte Quittung für Waffenkauf im Rucksack.

Und sonst? Bisher nichts. Unter den Hunderten von Studenten, die das Massaker bei den großen Social-Networks bereden, fand sich bisher keiner, der gesagt hätte: Ja, kenne ich, der hat in unserem Wohnheim gelebt. Dabei sind so viele so sicher, dass er einfach irgendwo ein MySpace- oder Facebook-Profil haben muss, hat nicht jeder eines? 23 Jahre, Student, ohne HP, ohne Profil? Sieht so aus.

17.26: 182 Blog-Einträge bei Technorati

Nichts weiß man, im weltweiten Wissens-Netz. Nur, wie man auf mörderische Perversitäten wie die an der Virginia Tech angemessen webbig reagiert. Die Server von Whois.com ächzen unter der Last der Besucher, die schnell eine Domain registrieren wollen, doch natürlich sind sie alle Weg, die www.choseunghui.com, www.seunghuicho.com-Adressen, in all ihren Varianten mit biz, net, org und weiß der Fuchs was noch: Demnächst bei eBay zur Versteigerung?

Zumindest die erste Adresse nicht: www.choseunghui.com, die eindeutigste Adresse, hat sich die Virginia Tech gesichert, um solchen miesen Geschäften zuvor zu kommen. Dort findet man nun eine Sonderseite der Uni zum Massaker.

Den Rest haben andere eingesackt, aus was für Motiven auch immer.

Auch die selbst ernannten Sherlock Holmes kommen nun aus ihren Löchern. Natürlich wimmelt es bereits von Postings, die auf das MySpace-Profil, die Facebook-Seite der vermutlich erschossenen Freundin Chos verweisen. Irritierend wirkt nur, dass es ganz verschiedene Personen sind, die da gezeigt werden. Mal blond, mal brünett, mal 18, mal 22 Jahre alt. Und ja, eine der Seiten ist echt. Kein Grund, zum Voyeur zu werden.

Das Cho Seung-Hui-Profil bei MySpace ("My last conversation with my ex") ist derweil eine geschmacklose Fälschung. Wer auch immer das angelegt hat, hat es zuletzt in der Zeit nach 17 Uhr gepflegt. Und auch die nun kursierenden E-Mails, die auf YouTube-Filme von Cho verweisen, kann man getrost vergessen. Jeder junge Mann asiatischer Herkunft, der eine Brille trägt, muss derzeit befürchten, zum Mörder erklärt zu werden.

Das Web reagiert wie so oft mit tonnenweise Trash auf ein fürchterliches Ereignis.

17.55 Uhr: 539 Blog-Einträge bei Technorati

Den Abschlächter Cho würde das alles wohl freuen. Es liegt im Wesen des Terrors, dass er sich nicht wirklich gegen die richtet, die er trifft. Es gibt Mordtaten, die zielen nicht auf ihre Opfer, sondern darauf, Angst zu säen oder eine wie auch immer geartete Botschaft zu senden. Zumindest dem Einzelgänger Cho ist das gelungen. Es gibt Typen, die brauchen für ihre Untaten sonst keine Gründe, sang Bob Geldof in "I don't like Mondays", einem Lied über ein Schulmassaker im Jahre 1979. Dumme Twens mit Liebeskummer nehmen vielleicht Schlaftabletten. Psychopathen mit dem irren Wunsch, "berühmt" zu werden, laufen Amok und schießen sich ins Gesicht.

Ein Gewinner ist dieser Mörder trotzdem nicht. Er, dessen Leben so wenig Spuren hinterließ, brauchte eine Blutspur, um überhaupt bemerkt zu werden. Sie führt von einem Menschen ohne Gesicht hin zu einem Menschen ohne Gesicht. Wer 33 Menschen in den Tod reißt, hat mehr auch nicht verdient. Man sollte ihn vergessen und statt dessen auf die Opfer schauen.

Drücken wir Paris Hilton also die Daumen, dass sie Cho Seung-Hui bald wieder überholt als populärste Person in Web und Blogs.

18.18 Uhr: 681 Blog-Einträge bei Technorati

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