Futuristische Bildmontage Wie die Kabel ins Auge kamen

Wie weit verschmelzen Mensch und Maschine? Als Bildmontage jedenfalls kann man schon Cyborg-Implantate in menschliche Augen zaubern. Das Magazin "Docma" erklärt, wie so ein Bild in Photoshop entsteht.

Von "DOCMA"-Autor Olaf Giermann

Kreativworkshop: Dystopische Fotomontagen
Olaf Giermann/ DOCMA

Kreativworkshop: Dystopische Fotomontagen


Das hier zu sehende Bild "Qualitätskontrolle" ist das zweite Werk aus einem dystopischen Zyklus, zu dem auch meine Bilder "Der Augenblick" und "WYSIWYG" (What you see is what you get) gehören. Darin geht es um das heute schon allgegenwärtige Zusammenwachsen von Mensch und Technik. Die suchtartige Abhängigkeit vieler Menschen vom Smartphone ist vielerorts zu beobachten. iPhone und Co. bilden zwar heute schon eine quasi untrennbare Einheit mit dem Nutzer - das Gerät ist aber eben noch nicht fest im Körper implantiert.

Die eigentliche Frage in diesem Spannungsumfeld der langfristigen menschlichen Weiterentwicklung ist für mich, was ein Individuum für ein Upgrade zu opfern bereit wäre? Gar ein Auge - den Spiegel der Seele - "nur" für mehr oder bessere Funktionalität? Genau darum geht es in zwei Bildern, deren Entstehung ich im Buch "Traumfabrik Photoshop" vorstelle. Im Folgenden gebe ich einen Einblick, wie ich die "Augenkabel" praktisch umgesetzt habe.


Anleitung: Radiale Augenkabel "herbeizaubern"

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Werfen Sie einmal einen Blick auf den gezeigten Ausschnitt meines finalen Bildes. Wie würden Sie diese 24 Kabel erzeugen, die von der Iris ausgehend radial nach außen verlaufen? Ich habe diese tatsächlich einzeln gemalt und dann wie im Folgenden beschrieben mit Ebenenstilen versehen. Das manuelle Anlegen jedes einzelnen Kabels hat den Vorteil, dass dabei kleine Variationen entstehen, die für mehr Details und dadurch für mehr Glaubwürdigkeit sorgen.

Andererseits treffen Sie vielleicht bei sich wiederholenden Elementen nicht immer exakt den gleichen Winkel, was sehr amateurhaft aussehen kann. Deshalb möchte ich Ihnen hier einmal eine Technik vorstellen, mit der Sie einzelne Elemente in Photoshop schnell und präzise sowohl vervielfältigen als auch um den gleichen Betrag skalieren, verschieben und rotieren können. Es handelt sich um die Funktion "Erneut transformieren".

1. Erstes Kabel zeichnen

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Zeichnen Sie zunächst auf einer neuen leeren Ebene innerhalb der Augen-Gruppe mit dem "Pinsel-Werkzeug" eine von der Pupillenmitte ausgehende vertikale Linie. Soll es exakt sein, halten Sie dazu die "Shift"-Taste gedrückt. Die verwendete Farbe ist zweitrangig, da Sie diese nachträglich über die Ebenenstile verändern können. Wichtig ist, dass die "Größe" der Pinselspitze der beabsichtigten Kabeldicke entspricht und dass die "Härte" nicht weniger als 90 bis 100 Prozent beträgt.

2. Kabel um 15 Grad rotieren

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Rufen Sie mit "Strg/Cmd-T" das Transformationswerkzeug auf. Klicken Sie mit gehaltener "Alt"-Taste auf den Mittelpunkt der Pupille, um diese Stelle als Rotationsmittelpunkt festzulegen, und rotieren Sie anschließend den gemalten Strich um 15 Grad nach rechts. Falls Sie sich fragen, warum es gerade 15 Grad sein sollen: Das liegt daran, dass wir 24 radial verlaufende Kabel erzeugen wollen. Ein voller Kreis hat 360 Grad, geteilt durch 24 ergibt dies: 15 Grad.

3. Erneut transformieren

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Machen Sie nun die zuvor gemachte Transformation mit dem Tastenkürzel "Strg/Cmd-Z" rückgängig, sodass Sie wieder das gleiche Bild wie in Schritt 1 sehen. Wenn Sie nun aber die Tastenkombination "Strg/Cmd-Shift-Alt-T" drücken, erzeugen Sie damit eine Kopie der aktuellen Ebene mit den Einstellungen der zuletzt durchgeführten Transformation. Drücken Sie diesen Shortcut so oft, bis Sie die 24 radialen Kabel erhalten haben.

Tipp: Wundern Sie sich nicht, dass die Kabel alle präzise bei den Augenlidern enden. Die angelegten Ebenen befinden sich in einer im Schritt 1 erwähnten Gruppe, der eine entsprechende Maske hinzugefügt wurde (a).


Ebeneneffekte zuweisen

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Die im vorhergehenden Schritt angelegten "Kabel" wirken flach und leblos, weil sie nur mit einem einzigen Grauton gemalt wurden und weder Schatten noch Lichtkanten besitzen. Diese könnten Sie manuell hinzufügen, doch etwas bequemer und schneller geht das mit Ebeneneffekten. Reduzieren Sie zunächst alle erzeugten Kabel-Ebenen auf eine einzige Ebene, indem Sie alle auswählen und dann die Tastenkombination "Strg/Cmd-E" drücken.

Mit einem Doppelklick auf die Ebene öffnen Sie den Ebenenstil-Dialog, in dem Sie die in den folgenden Screenshots gezeigten Effekte für eine dreidimensionalere Wirkung und eine texturierte Oberfläche zuweisen. Sie können sich an den hier gezeigten Werten orientieren, aber diese hängen natürlich von sehr vielen Faktoren ab. Bei sehr viel größeren oder kleineren Bildern funktionieren sie schon nicht mehr - auch die Lichtrichtung und -härte im Ausgangsfoto bestimmen maßgeblich die zu treffenden Entscheidungen für die Einstellungen.

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Den Ebeneneffekt "Farbüberlagerung" benötigen Sie nur, wenn Sie die Kabel in einer Farbe oder Helligkeit gemalt haben, die nicht zum finalen Bild passt. Mit diesem Effekt können Sie feinsteuernd und nicht-destruktiv eingreifen.

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"Abgeflachte Kante und Relief" ist hier der wichtigste Ebeneneffekt, da er für einen dreidimensionalen Eindruck sorgt. Lassen Sie die Checkbox "Globales Licht verwenden" aktiviert, damit Sie Unstimmigkeiten mit anderen Ebeneneffekten vermeiden. Nicht im Bild gezeigt: Unter "Struktur" wurde die Textur-Vorgabe "Grauer Granit" zugewiesen.

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"Glanz" ist einer der Ebeneneffekte, die man nach dem ersten Ausprobieren direkt vergessen will. Doch er sorgt mitunter für gefällige Helligkeitsverläufe, die Sie mit Abstand und Größe beeinflussen.

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Der Ebeneneffekt "Schlagschatten" ermöglicht wahrscheinlich den - nach "Color-Key"-Bildern - am häufigsten nachgefragten Bildbearbeitungs-Trick: einfache Schattenwürfe.

Mit den zugewiesenen Ebeneneffekten wirken die Kabel dreidimensional, zeigen eine Oberflächentextur und wirken nun bereits deutlich realistischer.

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Helligkeit und Detailkontrast anpassen

1. Abdunkeln/ Aufhellen

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Die Helligkeitsverteilung entlang der einzelnen Kabel passt noch nicht so ganz. Hier müssen Sie manuell eingreifen. Stellen Sie sich vor, wie das von oben kommende Licht die konvex angeordneten Kabel beleuchten würde. In der Nähe der Lidränder müssen Sie deshalb abdunkeln, in den Bereichen nahe und oberhalb der Pupille aufhellen. Erstellen Sie dafür zwei neue Ebenen. Malen Sie in der ersten (m) mit geringer Pinseldeckkraft mit schwarzer Farbe, in der anderen (n) mit Weiß. Die Aufteilung auf zwei Ebenen gibt Ihnen die Möglichkeit, später die Abdunklung oder Aufhellung separat über die Ebenendeckkraft abzustimmen.

Die beiden Ebenen werden als Schnittmaske angelegt, damit sie nur auf die Kabel-Ebene wirken.

2. Detailverstärkung der Kabeleien

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Die radialen Kabel könnten noch etwas mehr lokalen Kontrast vertragen, damit sie plastischer wirken und die Oberflächendetails stärker hervortreten. Dies ist mit dem Filter "Unscharf maskieren" schnell erledigt. Damit dieser Filter auch auf die vorher erstellten Ebenenstile wirken kann, müssen Sie die Ebene per Rechtsklick und "In Smartobjekt konvertieren" in ein weiteres Smartobjekt verschachteln.

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Wenden Sie anschließend "Unscharf maskieren" mit einem "Radius"-Wert an, der die Kabel deutlich plastischer erscheinen lässt. Dazu darf der Radius weder zu groß noch zu klein sein. Hier passte ein Wert von 7,7 Pixeln ganz gut. Stimmen Sie die Wirkung mit dem Regler "Stärke" ab.

Nach Anwendung des Scharfzeichner-Filters wirken die Kabel deutlich prägnanter.

Olaf Giermann/ DOCMA

Dieser Artikel ist ein kurzer Auszug aus dem Buch "Traumfabrik Photoshop - Faszinierende Artworks, außergewöhnliche Composings" von Marie Beschorner, Olaf Giermann, Jurek Gralak, Simon Kopp und Uli Staiger. Gebunden, 370 Seiten, Rheinwerk-Verlag, 2015, 39,90 Euro. Auch als E-Book erhältlich.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
L!nk 24.01.2016
1.
Ist mein Browser kaputt, oder hört dieser Workshop nach zwei Arbeitsschritten auf? Mit Illustrator wäre ich soweit vermutlich schneller gekommen ....
black-mamba 24.01.2016
2. virtuos oder pragmatisch
Man kann Photoshop scheints auf zwei Arten benutzen - virtuos ;-) wie Herr Giermann oder prakmatisch wie ich. Das virtuose füllt mehr Textbereich beim Erklären. Hat aber den Nachteil länger zu dauern. Das pragmatische hingegen geht schnell und jeder kann es nach kurzer Beschreibung nachvollziehen. Natürlich macht das virtuose beim Vorführen mehr her. Das Ergebnis ist allerdings bei beiden Vorgehensweisen das Gleiche. Nur dass man beim pragmatischen in der selben Zeit mehr unterschiedliche Ergebnisse erschaffen kann. ;-)
olaf_giermann 25.01.2016
3. @black-mamba
Hast du das vielleicht überlesen?: "Ich habe diese tatsächlich einzeln gemalt und dann wie im Folgenden beschrieben mit Ebenenstilen versehen. Das manuelle Anlegen jedes einzelnen Kabels hat den Vorteil, dass dabei kleine Variationen entstehen, die für mehr Details und dadurch für mehr Glaubwürdigkeit sorgen." Die Ergebnisse von handgemalt und Nachkochen per Rezept sind mitnichten identisch. Aber überzeuge mich doch vom Gegenteil: Ich bitte dich um eine Beschreibung deiner so mächtigen "pragmatischen Benutzung"! :-)
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