Pioniere und gescheiterte Fälle Das "Lexikon der Internetpioniere"

Vor der Geschichtsschreibung kommt die Legendenbildung. Bevor die Historiker erforschen und aufschreiben, wie es wirklich war, wird erzählt, gemunkelt, fabuliert. Diese Geschichten kommen vor der Geschichte.

Von Tilman Baumgärtel


Beim Internet gibt es bisher viele Geschichten und wenig Geschichtsschreibung. An Hackerstammtischen und auf Websites wird die Geschichte des Netzes zwar erzählt, aber systematische Forschung gibt es bisher - zumal in Deutschland - nur wenig. Obwohl das Internet das Leben von immer mehr Menschen beeinflusst, scheinen sich nur wenige zu fragen, wie dieses Computernetzwerk eigentlich entstanden ist.

In Buchhandlungen oder bei Amazon gibt es noch nicht einmal eine eigene Kategorie für die Geschichte des Internet. Und die wenigen Bücher, die es - wie "ARPA Kadabra" von Katie Hafner und Matthew Lyon - auf Deutsch gibt, richten sich nicht unbedingt an ein breites Publikum, sondern eher an diejenigen, die wissen, was Packet Switching ist oder die Bedeutung von Ethernet kennen.

Das gerade erschienene "Lexikon der Internetpioniere" von Helmut Neumann will diese Lücke schließen. Das Buch ist zwar kein Internetgeschichtsbuch, aber es versucht, diese Geschichte einem breiteren Publikum über wichtige Firmen und die Vita bedeutender Personen zu erzählen. Und dazu hat Neumann nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Jon Postel, Vint Cerf, Tim Berners-Lee, Marc Andreessen oder Bob Metcalf porträtiert, sondern auch Menschen, die selbst unter Internetexperten wenig bekannt sind.

Dazu gehört zum Beispiel Bill von Meister, der die Firma gründete, aus der später AOL hervorging, oder Eric Bina, von dem große Teile des Netscape-Quellcodes stammen - so jedenfalls "wird berichtet", schreibt Neumann. Nicht nur an dieser Stelle verlässt er sich auf eher vage Quellen.

Fakten, Fakten, Tratsch

Mit zahlreichen der Menschen, die er in seinem Buch porträtiert, hat er jedoch eigene E-Mail-Interviews geführt und ihnen dabei zum Teil vollkommen neue Informationen hervorgelockt. Andere Einträge lesen sich allerdings eher wie die komprimierte Version einer privaten Homepage - wohl auch deswegen, weil wir die Hobbys fast aller Internetpioniere erfahren. Bill Yeager, der Erfinder des Routers, hat zum Beispiel schon als Fünfjähriger das Bodysurfen gelernt. Aha.

Bei einigen der vorgestellten Personen fragt man sich, ob sie wirklich Pioniere oder nicht vielleicht eher gescheiterte Fälle sind. Neumann erwähnt nicht nur Techniker, wie er im Vorwort schreibt, sondern auch "Leute, die wegen ihrer verrückten Ideen in die Schlagzeilen gerieten, oder Unternehmer, die mit ihrer Geschäftsidee zu den Ersten im Netz gehörten." Dazu gehören auch lange Pleite gegangene oder zu Recht vergessene New-Economy-Firmen wie Priceline, Firefly oder Boo.com, und ob man Leute wie Kim Schmitz oder Stefan Schambach wirklich als Internetpioniere betrachten muss, sei noch einmal dahingestellt - genauso übrigens wie Ron Sommer, Hasso Plattner oder Thomas Middelhof.

Gleichzeitig muss man Neumann hoch anrechnen, dass er nicht nur die in der Netzszene mehr oder weniger bekannten Geschäftsleute und Techniker in sein Lexikon aufgenommen hat, sondern auch Künstler wie John F. Simon und Olia Lialina und Hacker wie Wau Holland und Karl Koch. Dadurch bietet das Buch einen breit gefächerten und leicht verständlichen Einstieg in die Geschichte des Netzes, die durch eine kurze Internetchronik abgerundet wird. Wer danach weiter lesen will, muss zu "ARPA Kadabra" greifen.

Helmut Neumann: "Das Lexikon der Internetpioniere". Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 448 Seiten; 17,90 Euro.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.