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Piraten-Radio: "Ernstfall ist, wenn die Bullen kommen"

Von Mirko Seeling

"Hören tut ditt eh kein Schwein", doch trotzdem gibt es in Berlin etwa ein halbes Dutzend illegale Radiosender. Ein Abend mit Ätherpiraten über den Dächern von Prenzlauer Berg.

Berlin - In der Wohnung unter mir flimmert das Samstagabendprogramm, das Pärchen vor der Glotze streitet, und wäre es Sommer, man könnte bei geöffnetem Fenster jedes Wort verstehen. Aber es ist Mitte April, der Himmel bewölkt, und es ist bitterkalt hier oben auf den Dächern über dem Prenzlauer Berg zwischen Wasserturm und Zionskirche.

"Nich träumen", mahnt Thimo, "wer nach hier oben mit will, der muß och anpacken". Thimo ist 27, geboren in Berlin/Ost. Als die Mauer fiel, dachte er sich: "Jetzt ist alles möglich". Auch Piratenradio. Thimo hat hier oben das Sagen. Er trägt das "Baby". Das "Baby" ist ein kleiner Aluminiumkasten, etwa so groß wie ein Christstollen. Das "Baby" ist der Sender.

Piratenradio in Berlin

Piratenradio in Berlin

"Tausend Kröten kostet ditt, wenn de dir den aus Uhsah schicken läßt". Uhsah, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Gleich nach der Wende war Thimo "drüben". Und von dort hat er seinen ersten Sender mitgebracht. "Mann, war ich naiv damals. Watt wußt ick denn, ditt man dett janich durfte". Daß der freie Westen gar nicht so frei ist, wie Thimo sich das vorstellte, merkte er schnell. "Fünf Jahre Bau können schon drin sein, wenn de hier oben erwischt wirst". Erwischt wurde Thimo noch nicht, aber er weiß: "Der Staat wehrt sich."

Im Westen, hinter der Zionskirche, reißt ein wenig der Himmel auf, läßt eine Spur von Abendrot durch, so als wäre es das Startzeichen für unsere illegale Aktion. "Ma kann nich einfach nur uffs Dach gehen, man muß och wissen, wo ma wieda runtekommt" erklärt Thimo. Das Dach wurde gut ausgewählt. Es gibt drei Fluchtwege nach unten. Die höchste Stelle auf dem Dach ist ausgemacht, von hier hat man die größte Reichweite. Jetzt wird aufgebaut; die Sendeantenne an einer Feuerleiter festgemacht. Mit drei Plastikbindern geht das am schnellsten und mit einem Schnitt ist die Antenne im Ernstfall sekundenschnell wieder abgebaut.

"Ernstfall, ditt is, wenn die Bullen kommen", erklärt mir Thimo und ich weiß nicht, ob er mir nur ein bißchen Angst machen will, oder ob hier tatsächlich Räuber und Gendarm für Großstadtindianer gespielt wird. Aus dem Funkgerät krächzt es: "Hey, mach mah Meldung, wann's losgeht. Hier unten is alles sauber."

Wir sind zu fünft; drei, die unten sichern, Thimo und ich hier oben auf dem Dach. Jeder Handgriff von ihm wirkt wie tausendmal geübt; ich reiche ihm die Kabel, die er verlangt. Meine Hände zittern, nicht nur vor Kälte. Ohne meine Hilfe ginge es sicherlich schneller.

"Früher da warn die Bullen richtich heiß und die Post hat schon um die Ecke gestanden mitm Peilwagen", erklärt Thimo. Früher, das war Mitte der 90er Jahre, als man unter dem Namen Radio Prenzlauer Berg fast wöchentlich sendete. Immer nur eine Viertelstunde - zwanzig Minuten. Mehr war zu gefährlich. Mit einem Bein im Gefängnis, das war den meisten zu riskant. Dann saß der erste in U-Haft. "Der stand nur unten rum, mit ner Funke in der Hand, den hamm'se einfach mitgenommen". Da war erst mal Schluß mit Radio Prenzlauer Berg. Was blieb, waren mehrere Sender. Einen davon hat Thimo.

"Ick seh ma' irgendwie als Spaßguerilla", sagt Thimo, während er sich bückt und das "Baby" sendefertig macht. Betrieben wird die Anlage mit einer Autobatterie. Die bleibt zur Not hier, wenn's schnell gehen muß: "Hauptsache, ditt Baby wird jerettet". Die Sendung ist vorproduziert. Ein Walkman dient als Abspieler.

"Jenau jenommen is et egal, wat wir senden, denn hören tut ditt eh kein Schwein", grinst mich Thimo an. Die heutige Sendung handelt von den "Glücklichen Arbeitslosen", einer Berliner Gruppe, die sich dem "Nichtstun" verpflichtet fühlt. Ein politisches Thema also. Doch das ist die Ausnahme, sonst sendet man Klamauk oder Musik, die sonst nirgendwo läuft. "Ditt Problem is, wenn wa regelmäßig uff Sendung sind, hamm wa natürlich och mehr Hörer". Aber das heißt auch bei Piratenradio: Werbung machen, Plakate kleben und Flyer verteilen. "Und ditt mögen die Bullen nich".

Es geht los. Thimo startet den Walkman. Die Wachposten unten bekommen über das Funkgerät Bescheid. Für sie heißt es jetzt: Augen auf! Denn die Peilwagen der Telekom sind nur mit geübtem Auge zu erkennen. Als hätte er meine Zweifel geahnt, holt Thimo ein Transistorradio aus der Tasche. "Radio Westfernsehen auf 95 Mhz" der Jingle beweist: Wir sind auf Sendung. Für uns heißt es jetzt: warten.

Thimo zeigt Richtung Osten auf den Turm der Zionskirche. "Vor zwei Jahren hamm wa von da am 1. Mai eineinhalb Stunden jesendet. Vollautomatisch mit Zeitschaltuhr". Am nächsten Tag schrieb die Berliner Morgenpost: "Piratensender steuerte Erste-Mai-Krawalle". "Allet erstunken und erlogen, ditt war 'ne vorproduzierte Sendung. Nachts hamm dann die Bullen die Tür von der Kirche uffjebrochen und den Sender vom Kirchturm jeholt". Doch solche Aktionen können sich die Radiopiraten eigentlich nicht leisten, dafür ist ein Sender zu teuer. Thimo: "In Deutschland kannste nich einfach in Laden gehen und nen Sender koofen, ditt is illegal. Die muß man sich schon vom Ausland kommen lassen - oda selba bauen".

Thimo und seine Truppe senden seit einem Jahr unter dem Namen "Radio Westfernsehen". Woher der Name kommt, kann er mehr schlecht als recht erklären. "Ditt is einfach witzich, und Namen wie "Radio Unerhört" oder "Radio Aktiv", ditt wär doch autonome Kinderkacke". "Radio Westfernsehen" sendet einmal im Monat auf der Frequenz 95 Mhz, einer der wenigen Frequenzen, die im Berliner Radiohimmel noch frei ist. Theoretisch könnte man hier vom Dach aus das ganze Berliner Stadtzentrum erreichen, das ist abhängig vom Sender und vom Wetter. "Wenn die Sonne scheint, kann uns sogar der Kanzler im Reichstag hören", grinst Thimo.

Den größten Flop erlebte er letztes Jahr am Nikolausabend. "Wir ham jedacht, wir machen wieder mal so'n richtich dicket Ding". Mit drei Sendern, unter den Namen "Radio Teheran", "Radio Prenzlauer Berg" und "Radio Westfernsehen" sendeten die Radiopiraten eineinhalb Stunden lang. "Immah schön abwechselnd im 10 Minuten Takt, damit wa nich jepeilt werden". Doch Frau Holle schüttete an diesem Abend alle ihre Kissen aus. "Ditt war urst romantisch und saukalt - nur hören konnte uns bei dem Schnee keene Sau."

Ein halbes Dutzend Piratensender gibt es in Berlin, schätzt Thimo. Einer sendete mal eine ganze Woche aus dem Schornstein eines besetzten Hauses. Keiner hat es gewußt und keiner hat es gemerkt. Ein anderer sendet stundenweise das Neueste aus dem Bereich Drum'n‘Bass. "Doch solange jeder nur sein eigenes Süppchen kocht, kriegt das keiner mit". Darum träumt Thimo von einer Vernetzung aller Piratenradios in Berlin. "Dann wärs vielleicht wieder wie früher", so wie damals, als Polizei und Post die Radiopiraten vom Prenzlauer Berg jagte.

"Abbauen, die Sendung is durch", gibt Thimo durch. Jetzt geht alles ganz schnell. Innerhalb von Minuten ist die Antenne abgebaut, die Autobatterie verstaut und das "Baby" wieder eingepackt. Auf der Straße bin ich froh, daß es heute nicht so war wie früher. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Peilwagen, keine Polizei. Für mich ist das Abenteuer vorbei, für die Radiopiraten vom Prenzlauer Berg beginnt der gemütliche Teil des Abends. "Inner halben Stunde inner Kneipe" ruft Thimo seinem Team zu. "Ick muß noch schnell ditt Baby zu Bette bringen."

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